Agamben-Der Autor Als Geste

Aus Giorgio Agambens Der Autor als Geste (Profanierungen)
Aber auf welche Weise kann eine "Abwesenheit" eigentümlich werden eigentümlich sein? Und was bedeutet es für ein Individuum, den Platz eines Toten einzunehmen, seine Spuren an einem leeren Ort zu hinterlassen?
Im Werk Foucaults gibt es wohl einen einzigen Text, in dem diese Schwierigkeit thematisch im Bewußtsein auftaucht und in dem die "Unlesbarkeit des Subjekts" einen Augenblick lang in ihrem vollen Glanz erscheint. Es handelt sich um Das Leben der infamen Menschen, ursprünglich verfaßt als Vorwort zu einer Anthologie von Archivdokumenten, Internierungsregistern oder lettres de cachet, wo die Begegnung mit der Macht im selben Moment, in dem sie menschlichen Existenzen den Stempel der Schande aufdrückt, diese Leben, die sonst keinerlei Spur von sich hinterlassen hätten, der Nacht und dem Schweigen entreißt. Die Grimasse des atheistischen und sodomitischen Kirchendieners Jean Antoine Touzard, am 21. April 1701 in Bicêtre eingeliefert, und das beharrliche, undurchsichtige Vagabundieren von Mathurin Milan, am 31. August 1709 in Charenton eingeliefert, leuchten nur einen Augenblick lang in dem Lichtbündel auf, das die Macht auf sie wirft; etwas geht trotzdem von dieser blitzartigen Beleuchtung über die Subjektivierung hinaus, die sie zur Schmach verdammt, und schlägt sich in den "lakonischen Aussagen des Archivs" nieder als die leuchtende Spur eines anderen Lebens und einer anderen Geschichte. Freilich erscheinen die infamen Leben nur, insofern sie vom Diskurs der Macht zitiert werden, indem er sie einen Augenblick festhält als Urheber frevelhafter Taten und Reden; aber wie auf den Fotografien, aus denen uns fern und doch aus der Nähe das Gesicht einer Unbekannten ansieht, fordert etwas an dieser Schande seinen Namen, zeugt von sich jenseits jeglichen Ausdrucks und jeglicher Erinnerung.
Auf welche Weise sind diese Leben anwesend in den zwielichtigen, raschen Aufzeichnungen, die sie für immer dem gnadenlosen Archiv der Schande übergeben haben? Die anonymen Schreiber, die untersten Beamten, die diese Notizen niederschrieben, hatten sicherlich nicht die Absicht zu erkennen oder darzustellen - ihr einziges Ziel war, den Stempel der Schande aufzudrücken. Und doch erstrahlen auf diesen Seiten wenigstens einen Augenblick lang diese Leben in einem blendenden, schwarzen Licht. Aber wird man deshalb sagen, daß sie einen Ausdruck gefunden haben, daß sie uns, wenn auch in einer drastischen Abkürzung, auf eine gewisse Weise mitgeteilt, zur Kenntnis gebracht wurden? Im Gegenteil, die Geste, mit der sie festgehalten wurden, scheint sie für immer jeder möglichen Vorstellung zu entziehen, als würden sie in der Sprache nur unter der Bedingung erscheinen, in ihr vollkommen unausgedrückt zu bleiben.
Dann ist es möglich, daß der Text von 1982 so etwas wie einen Entzifferungskode des Vortrags über den Autor enthält, daß das infame Leben in gewissem Sinn das Paradigma der Anwesenheit-Abwesenheit des Autors im Werk enthält. Wenn wir das, was bei jedem Akt des Ausdrucks unausgedrückt bleibt, Geste nennen, dann können wir sagen, daß genau wie der Infame, der Autor im Text nur in einer Geste gegenwärtig ist, die den Ausdruck in dem Maß möglich macht, wie sie in seiner Mitte eine Leere erstellt.
(...)
Der Autor markiert den Punkt, wo sich ein Leben im Werk "aufs Spiel gesetzt" hat. Aufs "Spiel gesetzt", nicht ausgedrückt; aufs Spiel gesetzt, nicht erfüllt. Deshalb kann der Autor im Werk nur unbefriedigt und unerwähnt bleiben. Er ist der Unlesbare, der das Lesen ermöglicht, die legendäre Leere, von der das Schreiben und der Diskurs ausgehen. Die Geste des Autors wird im Werk, das er trotz allem ins Leben ruft, als eine unangemessene, fremde Anwesenheit bestätigt, genauso wie nach der Ansicht der Theoretiker der commedia dell'arte Harlekins Scherze unaufhörlich der Geschichte unterbrechen, die auf der Bühne vor sich geht, und hartnäckig deren Handlung zersetzen. Doch genau wie nach der Ansicht derselben Theoretiker der Scherz, auf italienisch lazzo (die Schlinge), seinen Namen der Tatsache verdankt, daß er, wie eine Schlinge, den Faden, der er aufgebunden hat und gelockert hat, immer wieder anknüpft, garantiert die Geste des Autors das Leben des Werks allein durch die irreudzible Anwesenheit eines ausdruckslosen Randes. Wie der Mime in seinem stummen Spiel, wie Harlekin mit seinem lazzo schließt er sich unermüdlich immer wider in das Offene ein, das er selbst geschaffen hat. Und wie in manchen alten Büchern neben dem Frontispiz ein Porträt oder eine Fotografie des Autors gezeigt wird und wir in seinen rätselhaften Zügen vergeblich die Gründe und den Sinn des Werks zu entziffern versuchen, so zögert die Geste des Autors auf der Schwelle zum Werk als ein unzugängliches ex ergon, das ironisch darauf pocht, dessen uneingestehbares Geheimnis zu besitzen.

Und doch macht diese unlesbare Geste, dieser leere Platz erst die Lektüre möglich.

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