AUSGABE #1


Unser Körper der Schrift besteht nicht mehr.
Das schließt die Beziehungen, die wir zur Schrift
unterhalten und die die Schrift zu den Körpern
unterhält, mit ein. Es betrifft unser Gefühl für
Gerechtigkeit, das im Körper der Schrift
enthalten ist. In einem Moment, in dem wir
in besonderer Weise von Schrift umgeben scheinen,
eingefasst von allen möglichen Formen ihrer
Gegenwärtigkeit, ist das vielleicht die Erfahrung
von Schrift, die dennoch unsere Zeit
bestimmt. Noch wollen wir den Körper der Schrift
zusammenhalten, versuchen wir, ihn zu
bewahren. Zugleich aber wissen wir, dass die
Schrift nicht unschuldig ist. Überall sind
wir ihren machtvollen Wirkungen ausgesetzt.
Stets war der Körper der Schrift die Mitte der
Welt, gleich ob uns diese Mitte von außen
erfasst oder wir sie verinnerlicht haben.
Immer schon war die Schrift ein herrschender
Körper, verfasst in Traumata, die sich
beständig im Schreiben erneuern.
Vielleicht ist das der Einsatz jedes Schreibens.
Wenn wir zu schreiben beginnen, dann um ein
vergangenes, bestehendes Unrecht in den Körper
der Schrift einzutragen. Unser Gefühl, verpflichtet
zu sein zu schreiben, gehört den unzähligen
Erfahrungen von Ungerechtigkeit an. Unser
Misstrauen der Schrift gegenüber, die Sorge zu
schreiben, hat zugleich mit deren Vermögen zu tun,
noch all die Erfahrungen in sich einzuschließen,
zu entkräften, die ihre Gewalt benennen. Daher
kommt vielleicht diese flüchtige, unbestimmte
Traurigkeit, die uns im Schreiben erfasst, die
Furcht, das Unbehagen der Schreibenden.
Darin ist vielleicht die Wirksamkeit und
Wirklichkeit der Schrift während des
Schreibens gegenwärtig.
Wenn uns dieser Körper durch die Geschichte
erreicht, der vielfach durchkreuzte, zerstreute,
geöffnete Körper, dann sind wir im Schreiben
zugleich schon im Entschreiben begriffen. Um zu
entschreiben, müssen wir schreiben. Schreiben aber
findet unweigerlich am Rand des Geschriebenen statt.
Das Entschreiben vollzieht sich entlang einer
Archäologie des Schreibens. Denn die Schrift ist
auch der Ort eines anonymen Gedächtnisses. Sie
ist die Gemeinschaft aller, die lesen und noch
lesen werden. Darin berührt sie unseren
Sinn für Realität. Während wir schreiben,
beginnen wir schon inmitten der Schrift den Ort
des Schreibens, den wir inne haben, zu
entschreiben. Das Entschreiben ist unsere
historische Aufgabe.
Unsere Gegenwart des Schreibens gehört zu
einer Zeit emanzipatorischer Bewegungen in der
Schrift. Den Platz des Autors einzunehmen
bedeutet auch eine Form der Entschreibung. Sie
besteht darin, in der Schrift ein Selbst
zu schreiben, das schon beginnt, die Situation
der Schreibenden zu übersteigen, eine
Verwandlung, die sich am Platz des Autors
vollzieht und ihn zugleich einbegreift. Sie
besteht aber auch in dem Moment kollektiver
Löschung, das den Autor ereilt,
während er noch schreibt, weil er in den Raum
des Schreibens übergeht, der kein individueller
Raum ist. Wir wissen, dass wir uns
den Vereinnahmungen, die sich im Schreiben
ereignen, kaum entziehen können, und lassen
uns zugleich von dem widerständigen Glück
einer Schrift erfassen, die sich wie von
selbst schreibt, durch uns hindurch. Denn zu
schreiben ist auch deshalb unbedingt, weil
die Schrift als Zeugnis beinhaltet, irgendwann
von irgendwem gelesen zu werden. Im Schreiben
öffnet sich die Zeit in alle möglichen Richtungen,
indem sie sich einfügt, zusammenzieht, in Brüche
geht und unerwartete Bindungen schafft.
Die maschinelle Vervielfältigung, auf der die
Zeitschrift beruht, hat der Schrift eine neue
Operationalität des Öffentlichen erlaubt. Von
Anfang an war die Zeitschrift eine Technik der
Projektion. Nie ging es ihr allein darum,
ein bestimmtes Wissen zu verbreiten. Immer
ging es darum, die Lesenden zu bewegen.
Denn nicht das Schreiben, sondern das Lesen
bekommt mit der Zeitschrift ein Datum. Der neue
gemeinschaftliche Takt aber, den die Lesenden
im Rhythmus der Zeitschrift erfahren werden, gehört
einem Schreiben an, das die Leben der
Schreibenden in sich einzuschließen beginnt,
die Gemeinschaft, die sie zum Schreiben geformt
haben, die Intimität ihrer Beziehungen,
ihrer Körper, ihrer Stimmen, ihre wie auch
immer kollektive Praxis des Veröffentlichens.
Statt einer Politik des Autors glich das
Projekt derZeitschrift in seinen Anfängen
einem Auswandern in die Schrift, um der
Schrift selbst nahezukommen, ihrer Wirkweise.
Das unfertige, teilweise nur mit einer
Initiale signierte Schreiben bedeutete zugleich
eine gewaltige Ausdehnung der Erfahrung, aber
auch des Körpers der Schrift. Während
sich die Schrift in der Lebendigkeit
des Körpers einer Gemeinschaft entschrieb, die
nicht aufgehört hat, sich als das,
was noch aussteht, einzuschreiben und in das,
was wir den öffentlichen Raum nennen, zu
verwandeln, verwirklicht sich die kommende
Gemeinschaft allein im Körper der Schrift.
Wir leben in diesem Abstand einer Gegenwart,
die zwar schon wirkt, aber noch nicht
verwirklicht ist, die uns an sich bindet,
unsere Stimmen, unsere Körper einbegreift, uns
in Spannung versetzt, aber zugleich
aufgeschoben bleibt. Wir leben in dieser kaum
noch wahrnehmbaren Verschiebung, die unsere
Öffentlichkeit artikuliert und in der die Gewalt
des Gegenwärtigen schon aufgewogen ist
in einer Schrift des Kommenden.Die Zeitschrift
verkörpert diese Operationalität. Sie schickt
eine neue Erfahrung durchs Subjekt. Sie ist
eine Technik, die vom Subjekt emanzipiert eine
neue Subjektivität zu schreiben beginnt.
Die Eskalation durchmisst den Abstand unserer Zeit.