Exzerpte






Sönke Hallmann
15.07.09 15:31
Ja, gut – ich gehe gerade ein wenig durch meine Notizen noch und häng jetzt doch wieder an der Frage der Geste und des angrenzenden Raums. Weil das immer auch zwei Begriffe waren, zu versuchen, das Lesen, dem das Department folgt, zu beschreiben.

15.07.09 15:34
Und mir dann natürlich als Erstes auffällt, dass Agamben (von dem diese Termini letztlich geborgt sind) hier den angrenzenden Raum mit der Geste eines unablässigen Rückzugs oder Verschwindens im Begriff des Autors versammelt.
















Tanja Widmann
15.07.09 19:30
Ja, ich glaube eher, dass es dahin reicht. Einen Widerspruch auszumachen, ein unüberbrückbares Spannungsverhältnis, in dem sich diese Gesten dann nicht mehr aneignen lassen.













Exzerpte der Session
Exemplary Readings
Der Autor als Geste

Mit: Mari Brellochs, Helmut Draxler, Stephan Geene, Sönke Hallmann, Elske Rosenfeld, Monika Vykoukal, Tanja Widmann, Inga Zimprich

15.07.2009
Flutgraben e.V. Berlin
Helmut Draxler
15.07.09 20:30
Ja, die Armut der Sprache ist natürlich gleichzeitig ihr Reichtum, auch da wäre ich unbedingt für eine Lesart mit Cassirer. Die Frage wäre ja nach der Rhetorik der Armut, die einen so reichen Text produziert, der eben Wünschbarkeiten adressiert, denen man sich tatsächlich nur sehr schwer entziehen kann. Magie? Autorschaft?

15.07.09 20:33
Die leere Stelle der Autorschaft, der leere Thron, der nur darauf wartet, von mir, in Besitz genommen zu werden, auch eine messianische Verheißung, mehr an die Lesegruppen dieser Welt adressiert, aufgerufen sind alle, auserwählt nur wenige.








Stephan Geene
15.07.09 15:50
Biopolitisch voreingenommen, war ich am meisten interessiert an Agambens Funktion des Spiels, wie Inga das schon angesprochen hat, dass etwas auf dem Spiel stehen muss. Denn hier impliziert Agamben nicht nur, dass Literatur ein Sprechen ist, wo etwas (vom Leben – mal platt ausgedrückt) auf dem Spiel steht, sondern auch, denke ich: Warum gibt es überhaupt Literatur? Weil etwas auf dem Spiel steht, immer.
Inga Zimprich
15.07.09 19:31
Sie bleiben ja auch ganz der sie zitierenden Macht überantwortet, so ein wenig echohaft können sie nur zitiert werden, wie Echo nur bereits Gesagtes wiederholen kann, womit erneut die Frage auftaucht, welches Kräfteverhältnis sie in diesem Text hält.
Es gibt zahlreiche Doppelfiguren und Schlaufenbewegungen, einen doppelten Zug in dessen Kreuzung sich eine leere Stelle ergibt. Diese beiden Bewegungen, das Sichzurückziehen und das Nichtverfügen, das Unausgedrücktbleiben einerseits und das Hinzitieren, das In-der-Sprache-Halten, was auch eine Geste des Verrats ist, andererseits, werden zur Frage der Autorschaft verwoben. Eben so wie Michel Foucault das versteht: als Leere. Autorschaft als leere Stelle, in die ich mich dauernd einfüge. Mit der das Glück des Lesens im Einfügen und Unausgedrücktbleiben einhergeht.Sönke Hallmann
15.07.09 20:33
Ja, aber da ist der auch tricky, denn das Auserwähltsein fällt so schön mit dem Unausgedrücktbleiben zusammen.

15.07.09 20:35
Und dann kann man sich schon fast entscheiden, ob man da nochmals durchläuft, durch diese Schlaufe des Textes, bis man sich an der Grenze stößt oder lieber glücklich entlassen fortkommt.
Tanja Widmann
15.07.09 16:07
Doch hier verkehren sich die Texte den Foucault mein zu den Infamen oder den damit verfügbaren Texten, dass diese Texte immer in einer Beziehung oder vielmehr in möglichst vielen Beziehungen zur Wirklichkeit stehen: Nicht nur, dass sie sich darauf beziehen, sondern dass sie darin wirken; dass sie ein Stück in der Dramaturgie des Wirklichen seien, dass sie das Instrument einer Rache, die Waffe eines Hasses, eine Episode in einer Schlacht, das Gestikulieren einer Verzweiflung oder einer Eifersucht, ein Bittflehen oder einen Befehl konstituieren. Während Agamben doch von hieraus denkt: „Der Autor markiert den Punkt, wo sich ein Leben im Werk aufs Spiel gesetzt hat.“ Dies wäre eine Kippbewegung, ein wohl sich Formierendes in beiden Richtungen.

15.07.09 16:33
Oder auch, wie der Text von beiden Seiten nicht besessen werden kann und sich in dieser Kreuung eine leere Stelle ergibt, die grade die des Textes wäre.


















Helmut Draxler
15.07.09 19:39
Aufs Spiel gesetzt wird vielleicht nicht das Leben, sondern eine Option, dieses Leben aufs Spiel setzen zu können, was vielleicht gar nicht so leicht wäre und das bei den Infamen und den literarischen Figuren Dostojewskis sicherlich ganz anders aussieht. Die einen kommunizieren diese Option, die Infamen hingegen setzen tatsächlich ihr Leben aufs Spiel, kommunizieren dieses jedoch nciht unbedingt, das heißt, inwiefern sind ihre Aktionen überhaupt als Gesten lesbar?
Das allerdings ist trickreich, denn das Auserwähltsein fällt mit dem Unausgedrücktbleiben zusammen.

Zum Ende seines Textes spricht Giorgio Agamben von einer Grenze, nicht mehr von einer Schwelle. Ob dies eine Schwelle oder Grenze ist, hin zum Tod oder zur Leere, ist eine Frage. Ebenso ob und wie darin der Anteil der Anteillosen, das Leben der Infamen aufscheinen kann.Vielleicht wird das lesbar mit der Lazzo-Figur, der Schlaufe? Der Autor, der sich tot stellt, um im gleichen Moment den Platz des Autors als Versprechen wiederkehren zu lassen, ermöglicht vielleicht eine unangemessene, fremde Anwesenheit.
Helmut Draxler
15.07.09 20:36
Wenn die Autorschaft jener besondere Ort innerhalb der symbolischen Ordnung ist, an dem Anerkennung gezollt wird, dann ist es natürlich die Frage, wie dabei der Anteil der Anteillosen, das Leben der Infamen aufscheinen kann, aber eben als Repräsentationsfrage und nicht prinzipiell im Jenseits davon.
Inga Zimprich
15.07.09 16:38
Und das ist ja etwas, was in diesem Raum "vom Nullpunkt" immer wieder zur Sprache kam: ein Schreiben an der Grenze der Texte entlang, ein Schwanken am Umschlagen zwischen Ausdruck und Ausdruck benommener Geste, ein Ein- und Aussetzen. Also an einer Schwelle entlang, ein Licht erzeugen, das nicht mehr ausstellt, aufzeigt.
Tanja Widmann
15.07.09 19:41
Indem die schreiber sie zu Gesten werden lassen, denke ich: „Wenn wir das, was bei jedem Akt des Ausdrucks unausgedrückt bleibt, Geste nennen.“ Gerade durch dieses Geschirebenwerden, werden sie für Agamben ein quasi strategisches Exempel.

15.07.09 19:43
Zugleich ist es aber sicher auch wichtig, diese Differenz zu vermerken, dass sich eben eine Unsouveränität (des Autors, der Möglichkeit aufs Spiel zu setzen) vielleicht nicht gänzlich umschlagen lässt in ein Aufs-Spiel-gesetzt-Sein, eine Ohnmächtigkeit, die erst indem sie geschrieben wird erscheint.
Sönke Hallmann
15.07.09 16:45
Wie aber verteilt sich der Text selbst zwischen diesen beiden Bewegungen, des Aufs-Spiel-gesetzt-Werdens und des Aufs-Spiel-Setzens? Oder wie ordnen sich zum Beispiel die Literatur und die Vorrichtungen der Macht dazu an, fallen die in ein und dieselbe Geste?
Inga Zimprich
15.07.09 19:45
Hier genau weiß ich nicht: die Infamen haben sich verfangen, im Spiel der Umstände werden sie zufällig und unbeabsichtigt sichtbar. Tatsächlich wird in den infamen Leben eher davon gesprochen, dass andere sich um deren Internierung bemühen. Als Gesten lesbar würden sie in dem Fall, das zufällig von ihren ausfransenden Leben Bericht erstattet wird, über sie Entscheidungen gefällt werden. die Infamen setzen ihr Leben nicht aufs Spiel, sondern ihre Leben können nur aufs Spiel gesetzt werden. Ist es so?
Inga Zimprich
15.07.09 16:50
Wenn sie als jene Gehilfen in den Text zitiert werden, um dort zu wirken, taucht eben auch die frage des Kräfteverhältnisses auf, das sie in der Sprache hält.
Sönke Hallmann
15.07.09 19:49
Und dennoch behauptet Agamben, dass diese Geste (also das, was bei jedem Ausdruck unausgedrückt bleibt und als zentrale Leere zugleich Möglichkeit des Ausdrucks ist) Autor und Infamen genau gleich ist, genau gleich wie der leere Platz, den Autor und Leser einnehmen – was, um auf das schöner Sterben zurückzukommen, doch fragen lässt, worin deren Eigentümlichkeit bestünde.

15.07.09 19:53
Was doch im Durchlaufen dieser Figuren und im Leerlaufen lassen vielleicht wieder als Bewegung des Textes aufgegriffen wäre.
Sönke Hallmann
15.07.09 16:56
Das In-der-Sprache-Halten – das ist ja auch eine unablässige Tätigkeit. Und wenn man da von einem spezifischen Kräfteverhältnis also aufgehalten und zum Erscheinen gebracht wird, dann kann man ja auch ganz eigentümlich abewesend werden – das ist doch so eine Idee von Literatur.
Tanja Widmann
15.07.09 19:53
Und die Frage der Anerkennung finde ich da auch wichtig. Denn Filipowna will in der Verschwendung doch gerade eine Geste setzen.

15.07.09 19:54
Ein Ringen um Anerkennen einer Unmöglichkeit.

15.07.09 19:54
Eines unmöglichen Aktes.
Stephan Geene
15.07.09 17:02
Ich hatte beim Lesen das Gefühl, hier wirklich mal mit einem Betriebsschema von Agamben konfrontiert zu sein. Die Infamen sind ein Extrembeispiel bei Agamben, wie immer bei ihm: ein Paradigma. Existierten sie noch, wenn wir nichts über sie wüssten? Oder hätten sie jemals existiert? Natürlich, kann man sagen. Aber das zu sagen, ist enorm spekulativ, man weiß es ja nur, wenn man es (aus Archiven) weiß.
Inga Zimprich
15.07.09 19:55
Jeder kann, wenn er das Spiel zu spielen weiß, für den anderen ein schrecklicher und übergesetzlicher Monarch werden: homo homini rex. Aber diese Macht muss man sich wenigstens für einen Augenblick aneignen, man muss sie kanalisieren, erschleichen und in die gewünschte Richtung leiten – ich glaube, dass Agamben hier einen romantischen Choral schreibt, der sehr katholisch die Stimmen der Niederen, der Vergessenen als Erlöste und Erlösende zusammenstellt.
Tanja Widmann
15.07.09 17:15
Oder erst in der gegebenen Bewegung, nämlich dass die Infamen durch den Text aufs Spiel gesetzt werden, abgelegt in den Archiven, und indem wie Foucault die Einwirkung des Schreibens auf ein Leben beschreibt, macht das Besipiel, scheint es, für Agamben Sinn; die Entäußerung der Autorenfunktion in ihrer extremen Zuspitzung – und damit, denke ich, auch Verrat. Denn indem die Infamen erscheinen, werden sie für Agamben Mittel zum Zweck. Erlischt das, was Agamben Geste nennen mag, am Geschriebenwerden der Infamen. Sie werden zu Gehilfen des Autors – ein zweites Mal.
Sönke Hallmann
15.07.09 20:09
Also Agamben spricht zum Ende des Textes hin von einer Grenze und eigentlich nicht mehr von einer Schwelle?
Sönke Hallmann
15.07.09 18:44
Wie verhält sich die Unlesbarkeit des Subjekts, die Agamben in Ausgang von Foucaults Autor-Begriff einführt, zu jener „leuchtenden Spur eines anderen Lebens“ der Infamen, einem Zeugnis jenseits jeglichen Ausdrucks?
Helmut Draxler
15.07.09 19:57
Der unmögliche Akt oder die Unmöglichkeit der Anerkennung, das wäre hier die Frage. Und wie wäre Unmöglichkeit zu deuten: als spezifisch historisch-soziale Situation oder als strukturell/existenzielle Kategorie. Auch das wäre sehr katholisch im Sinne der Erbsünde, die uns jede profane Kommunkation verächtlich erscheinen lässt und die rückhaltlose Geste ethisch auflädt.

15.07.09 20:09
Mein Problem ist der Anti-Psychologismus von Agamben, durch den die Geste, das Leben aufs Spiel setzen ethisch aufgeladen wird. Ich denke, Psychologie ist immer mit im Spiel. Sie ist vor allem dort interessant, wo sie ethische Gesten relativieren hilft. Auch das Ausdruckslose ist so ein ästhetischer Grenzwert, der die Ästhetik in Ethik auflöst. Da habe ich stets Probleme mit. Denn die Unterschiedlichkeit der Gesten, mit denen wir es hier zu tun haben, scheint mir interessanter als ihre Gleichförmigkeit, hinsichtlich dessen, was sie ästhetisch, psychologisch oder politisch bedeuten mögen.
Elske Rosenfeld
15.07.09 20:29
Oder: Bei der Suche nach einem gemeinsamen Ort entschlüpft mir der Text und dann frage ich mich gleichzeitig, ob dieses Entschlüpfen nicht auch Teil des Textes ist.
Stephan Geene
15.07.09 18:45
Sind es bei Agambens Bezug auf Dostojewski eigentlich fiktive Figuren oder redet er über sie, als ob es auch reale wären – bzw. vielleicht spielt das eben keine Rolle.
Helmut Draxler
15.07.09 18:52
Die Frage scheint ja zu sein, wie die Geste mit dem Schreiben zusammenhängt, und bei den archivarisch Schreibenden eben gar nicht. Die Geste, die die Autorschsaft bestimmt, ist ja nicht ihre, sondern die der Objekte, über die sie schreiben. Ähnlich bei Dostojewski: Auch dort ist die Geste nicht die Geste des Schreibens und der literarischen Autorschaft, sondern ein Gratisakt, der gerade nicht im Schreiben besteht und damit autorschaft begründen soll?
Tanja Widmann
15.07.09 18:53
Dem schräg gegenüber steht aber Folgendes und wohl einer der zentralen Sätze, in dem sogleich auch das Programm verkündet wird: „Das infame Leben scheint weder den einen noch den anderen ganz anzugehören, weder den namentlich Aufgezeichneten, die es am Ende zu verantworten haben, noch den Beamten der Macht, die ebenso am Ende über dieses Leben entscheiden werden. Es wird nur aufs Spiel gesetzt, nie besessen, nie dargestellt, nie gesagt – deshalb ist es der mögliche, aber leere Ort einer Ethik einer Form des Lebens.“

15.07.09 18:55
Ich denke, in der Bewegung zwischen den Infamen und den Beamten ergibt es sich, dass der entstehende Text von niemanden mehr besessen werden kann, entäußert ist, quasi auch in dem Sinne von Foucault ohne Ausdruck.
Inga Zimprich
15.07.09 18:56
Gratisakt … zumindest gibt diese Person jeglichen Wunsch auf, durch ihre Gesten verstanden zu werden, sich ausdrücken, sich Gehör zu verschaffen. Sie veräußert den Wunsch des Ausdrucks, sodass ihre Gesten freies Spiel werden, in denen nur Mischkin scheint, die Regeln des Spiels zu verstehen.
Helmut Draxler
15.07.09 18:56
Gratisakt: die Verschwendung (deiner Jugend). Dahinter steht natürlich eine ganz andere Logik als bei den Infamen. die Infamen sind ja bei Foucault ganz traditionell der Macht unterworfen, die Macht scheint über ihnen zu schweben. Deshalb verstehe ich auch die Verbindung mit dem Autorschaftlich-Gouvernmentalen überhaupt nicht.

15.07.09 18:59
Der acte gratuite zeigt natürlich immer die Grenzen der Kommunikation an. Und darum scheint es ja zu gehen, um eine Art von Schwelle, mit Benjamin. Doch warum gerade die Geste, das kommunikative Medium schlechthin, diese Funktion erfüllen soll, ist mir unklar.
Inga Zimprich
15.07.09 19:00
Zugleich sind doch die Infamen auch mit diesem Übertritt über die Konvention und Regel befasst, in dem die Ökonomie des Bewahrens aussetzt.
Stephan Geene
15.07.09 19:04
Entscheidend scheint mit wirklich das Nicht-Verfügend zu sein: Filipowna tut etwas, das nicht ihre Absicht zum Ausdruck bringt + dennoch von ihr generiert wurde. Das Leben (bzw. die Effekte ihres Handelns) werden ihr darin fremd, obwohl es auf intimste Weise ihr Leben bestimmen wird. Es ist eben nur ihr Leben, insofern sie sich daraus zurückzieht. Sie ist dann auch Autor, aber so wie Foucault das versteht, als Leere.
Helmut Draxler
15.07.09 19:29
Kann eine Geste vielleicht gleichzeitig rückhaltlos und strategisch sein?