BERLIN



Berlin(1)

Berlin ist für alle das Problem der Teilung. In einer bestimmten Hinsicht ist es ein strikt politisches Problem, von dem man annehmen muss, dass ihm strikt politische Lösungen zukommen. In einer anderen Hinsicht ist es ein soziales und ökonomisches Problem (ebenfalls ein politisches, aber in einem weiteren Sinne), denn es begegnen sich da zwei sozioökonomische Strukturen. In einer weiteren Hinsicht ist es ein metaphysisches Problem: Berlin ist nicht nur Berlin, sondern das Symbol der Teilung der Welt, mehr noch: ein »Punkt des Universums«, der Ort, wo die Reflexion über die Notwendigkeit und die Unmöglichkeit der Einheit in jedem einzelnen derjenigen vollzogen wird, die dort eine Bleibe haben und die, dort bleibend, nicht nur die Erfahrung eines Aufenthalts machen, sondern auch diejenige einer Abwesenheit von Aufenthalt. Das ist nicht alles. Berlin ist kein Symbol, es ist eine wirkliche Stadt, in der menschliche Dramen gelebt werden, die andere Städte nicht kennen: Die Teilung heißt hier Zerrissenheit. Das ist nicht alles. Berlin bildet auf ungewöhnliche Weise das Problem zweier Kulturen im Innern einer einzigen kulturellen Gesamtheit aus, zweier Sprachen ohne Bezug im Innern einer identischen Sprache, stellt also die intellektuelle Sicherheit oder die Möglichkeit der Kommunikation in Frage, welche den in Nähe zueinander lebenden Menschen auf trügerische Weise durch die Zugehörigkeit zu ein und derselben Sprache und zu ein und derselben historischen Vergangenheit verliehen wird.

Das Problem, das Berlin bildet, zu behandeln, es also als Problem der Teilung zu befragen, kann nicht bedeuten, auf möglichst vollständige Weise die verschiedenen Formen aufzuzählen, in denen man es begreifen kann. Man muss sagen, dass Berlin, als Problem der Teilung, ein unteilbares Problem ist. Von daher ergibt sich, dass, wenn man für den Moment, und sei es um den Zweck der Klarheit der Darstellung, diese oder jene besondere Gegebenheit der Situation »Berlins« isoliert, es sein kann, dass man nicht nur die Frage in ihrer Gesamtheit verfälscht, sondern auch diese Besonderheit selbst, die man dennoch nicht anders als durch eine gesonderte Behandlung greifen kann.

Das Problem der Teilung – des Bruchs –, wie es von Berlin, nicht nur den Berlinern, nicht nur den Deutschen, sondern, so glaube ich, jedem denkendem Menschen unterbreitet wird, und dies auf vordringliche, ich will sagen schmerzhafte Weise, ist ein Problem, das man adäquat und in seiner ganzen Wirklichkeit nur formulieren kann, wenn man sich dazu entscheidet, es fragmentarisch (was nicht heißt in Teilen) zu formulieren. Anders gesagt, jedes Mal, da wir auf ein Problem dieser Art hinweisen – es gibt immerhin andere –, müssen wir uns daran erinnern, dass darüber auf richtige Weise zu sprechen bedeutet, auch den abrupten Mangel unserer Worte und unseres Denkens zum Sprechen zu bringen, also auch unsere Unmöglichkeit zum Sprechen zu bringen, auf vorgeblich ausschöpfende Weise darüber zu sprechen. Das bedeutet: 1., dass Allwissenheit, wenn sie möglich wäre, hier nicht anwendbar ist; 2., dass man im Allgemeinen das Problem der Teilung nicht beherrschen, übersehen, mit einem Blick erfassen kann, so wenig, wie die Panoramasicht von diesem wie von anderen Fällen eine rechte Ansicht bietet; 3., dass die wohlüberlegte Entscheidung für das Fragment keinen skeptischen Rückzug, den müden Verzicht auf einen kompletten Zugriff (was sie sein könnte) darstellt, sondern eine geduldig-ungeduldige, beweglich-unbewegliche Methode der Forschung, und auch die Bekräftigung, dass der Sinn, die Vollständigkeit des Sinns nicht unmittelbar in uns sein kann, und nicht in dem, was wir schreiben, sondern dass er ein noch zu kommender ist und dass wir, den Sinn befragend, ihn nur als ein Werden und Kommen der Frage ergreifen; 4. das bedeutet schließlich, dass man sich wiederholen muss. Jede Fragmentrede, jede fragmentarische Reflexion fordert das: eine unendliche Wiederholung und eine unendliche Mehrzahl.

Ich werde zwei (fragmentarische) Bemerkungen anfügen. Die haltlose politische Abstraktion, die Berlin darstellt, hat an dem Tag ihren höchsten Ausdruck gefunden, als die Mauer, die indes etwas auf dramatische Weise Konkretes ist, errichtet wurde. Bis zum 13. August 1961 blieben durch die Abwesenheit einer sichtbaren Trennung - wenngleich regelmäßige und unregelmäßige Kontrollen die Annäherung einer Demarkationslinie spürbar machten - die Natur und die Bedeutung der Teilung zweifelhaft: Was war das da? Eine Grenze? Sicher, aber doch etwas anderes; weniger als eine Grenze, da man sie jeden Tag in Massen ohne Kontrolle überqueren konnte, aber auch sehr viel mehr, da das Überqueren bedeutete, nicht von einem Land ins andere, von einer Sprache in die andere zu passieren, sondern im selben Land und in derselben Sprache von der »Wahrheit« zum »Irrtum«, vom »Bösen« zum »Guten«, vom »Leben« zum »Tod«, und so, gleichsam ohne es zu wissen, einer radikalen Metamorphose unterworfen zu sein (wenngleich man nicht anders als durch eine parteiische Überlegung entscheiden könnte, wo genau sich dieses so brutal voneinander geschiedene »Gute« und wo sich dieses »Böse« befindet). Die fast augenblicklich durchgeführte Errichtung der Mauer hat die noch unentschiedene Mehrdeutigkeit durch die Gewalt der entschiedenen Trennung ersetzt. Außerhalb Deutschlands hat man mit mehr oder wenig großer Intensität, mit mehr oder weniger Nachlässigkeit verstanden, welche dramatischen menschlichen und auch wirtschaftlichen und politischen Veränderungen dieses Ereignis verkündete. Aber etwas jedoch, glaube ich, ist (vielleicht auch vielen Deutschen) unbemerkt geblieben: Dass nämlich die Wirklichkeit dieser Mauer dazu bestimmt war, die Einheit dieser großen sich bewegenden Stadt, einer Stadt, die in Wirklichkeit – das ist sogar ihre tiefe Wirklichkeit – weder eine einzige Stadt noch zwei Städte war und ist, weder die Hauptstadt eines Landes noch einfach nur irgendeine wichtige Stadt, weder der Mittelpunkt noch etwas anderes als dieser abwesende Mittelpunkt, mit Abstraktion zu belegen. Nun wollte die Mauer die Teilung abstrakt konkretisieren, sie sichtbar und spürbar machen, d.h. dazu zwingen, von nun an Berlin in der Einheit selbst dieses Namens nicht mehr als den Fall einer verlorenen Einheit, sondern als die soziologische Wirklichkeit zweier absolut verschiedener Städte zu denken.* Der »Skandal« und die Bedeutung der Mauer liegen darin, dass sie in der konkreten Unterdrückung, die sie darstellt, wesentlich abstrakt ist und sie uns, die wir ständig vergessen, dass die Abstraktion keine bloß verfehlte Denkweise oder anscheinend verarmte Form der Sprache ist, daran erinnert, dass die Abstraktion unsere Welt ist, diejenige alltägliche, in der wir leben und in der wir denken.

Über die Situation Berlins hat es eine endlose Anzahl von Schriften gegeben. Auffallend ist für mich, dass man zwei Romane(2) nennen kann, die es erlaubt haben, sich dieser Situation am besten anzunähern, zumindest was diejenigen angeht, die keine Deutschen sind: Zwei Romane, die weder politisch noch realistisch sind. Ich rechne dieses Verdienst nicht allein dem Talent Uwe Johnsons an, sondern auch der Wahrheit der Literatur. Die Schwierigkeit selbst oder, um es besser zu sagen, die Unmöglichkeit für den Autor, diese Bücher zu schreiben, in denen die Teilung auf dem Spiel steht, d.h. die Notwendigkeit, die für ihn besteht, diese Unmöglichkeit im Schreiben der Bücher und durch die Schrift zu greifen, das ist es, was das literarische Werk der Fremdheit von »Berlin« nahe gebracht hat, im Hiatus selbst, den er mit einer düsteren Strenge, die niemals nachlässt, zwischen der Wirklichkeit und dem literarischen Zugriff des Sinns dieser Wirklichkeit, beizubehalten hatte.

Vielleicht werden der Leser und der eilige Kritiker sagen, dass in solchen Arbeiten der Bezug zur Wirklichkeit und zur Verantwortung einer politischen Entscheidung diese Welt betreffend fern und indirekt bleibt. Indirekt schon. Aber man muss sich eben gerade fragen, ob, um mit dem Wort und vor allem mit der Schrift die »Welt« zu erreichen, das Indirekte nicht der gerade und selbst der kürzeste Weg ist.

* Die Mauer hat die Absicht, die soziologische Wahrheit einer Situation, ihre faktische Wirklichkeit, anstelle ihrer tieferen Wahrheit zu setzen, die man, allerdings in großer Vereinfachung, dialektisch nennen kann.

1 »>Berlin<« oder » Le nom de Berlin« hat eine eigentümliche Textgeschichte: Von Blanchot wohl 1902 oder 1963 für die geplante Internationale Zeitschrift verlasst, erscheint er in der Erstlingsnummer von Gulliver, die von der Zeitschrift Il Menabò, aufgenommen wird, in einer Übersetzung von Guido Neri mit dem Titel »Il nome di Berlino« (1964, S. 121-124). Eine amerikanische Übersetzung dieser italienischen Übertragung von James Cascuito, »The Word Berlin« erscheint 1982 in Semiotext(e) (Bd. IV, Nr. 2, S. 60-65). Peter Genie und Heide Paris besorgen 1983 im Merve-Verlag eine zweisprachige Ausgabe, mit zwei Übersetzungen »ohne Original«, da der französische Text zu diesem Zeitpunkt nicht auffindbar ist: Eine deutsche Version von Isolde Eckle und eine Rückübersetzung ins Französische von Helene Jelen und Jean-Luc Nancy, basierend jeweils auf der italienischen Passung. Diese französische Version erscheint daraufhin an verschiedenen Stellen: Café, Nr. 3 (1983), S. 43-46; Berlin. Collection Libération, Nr. 4 (1989); Po&sie, Nr. 52 (1990), S. 6-8, und Modern Language Notes, Nr. 109 (1994), S. 345-355. Diese letztgenannte Veröffentlichung ist Teil einer von Aris Fioretos besorgten viersprachigen Ausgabe - amerikanisch, französisch, russisch, deutsch -, für welche die Übersetzer (Aris Fioretos, Mikhail Yampolsky, Werner Hamacher) von der französischen und italienischen Fassung ausgegangen sind.
Der mittlerweile wiedergefundene französische Text von Maurice Blanchot sowie die Version von Jelen/Nancy, einander ähnlich, verschieden, erschienen im Oktober 2000 in Lignes (Nr. 3, Neue Serie, S. 130-135 u. 137-141). Der dort und in den Ecrits politiques abgedruckte Text von Blanchot liegt der hier vorgestellten Übersetzung zugrunde. Blanchot kommentiert das textliche Schicksal von »Berlin« in einem Brief an Jean-Luc Nancy als eine »Weise der gemeinsamen Arbeit, geteilt, gemäß der Entscheidungslosigkeit der Verluste, die niemandem gehören« (Lignes, S. 136). Für die Veröffentlichung in Il Menabò trug der Text den Originaltitel »>Berlin<« , der »Name«, »The Word«, »Il nome« kommen ihm in den Übersetzungen zu.
2 Eine Bezugnahme auf die beiden ersten Romane von Uwe Johnson: Mutmaßungen Über Jakob (Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1959) und Das dritte euch über Achim (1962). Der erste Roman erscheint 1962 in einer Übersetzung von Marie-Louise Ponty unter dem Titel La frontière [Die Grenze] (Paris, Gallimard) als Johnsons erste Veröffentlichung in Frankreich; die Übersetzung wird 1963 von Robert Andre in der Nouvelle revue française (Januar, Nr. 121, S. 141f.), zu deren Autoren Blanchot gehört, rezensiert. Das dritte Buch über Achim endet nach einem halbseitigen blanc wie folgt: » Die Personen sind erfunden. Die Ereignisse beziehen sich nicht auf ähnliche, sondern auf die Grenze: den Unterschied: die Entfernung / und den Versuch sie zu beschreiben.«


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