BRIEF AN SARTRE



Paris, den 2. Dezember 1960(1)

Mein lieber Sartre,

Ich möchte Ihnen gerne meine Überlegungen zu den geplanten Veränderungen des Zeitschriften-Projekts mitteilen. Ich halte es für sehr wichtig, dass Sie dieses Vorhaben im Zusammenhang mit dem Ereignis entworfen haben, das die Erklärung ist.(2) Es ist gut möglich, dass die intellektuelle Zukunft von der Art und Weise abhängt, in der sich dieses Projekt realisieren wird.

Wie Sie sofort erkannt haben, hat eine Bewegung von großer Bedeutung ihren Anfang genommen. Die Intellektuellen, ich meine viele unter ihnen, Schriftsteller, Künstler, Gelehrte, die sich bis dahin anscheinend nur um ihre eigene Aktivität sorgten, haben den Anspruch erkannt, der dieser Aktivität eigen ist, und sie haben eingesehen, dass dieser Anspruch sie heute dazu bringt, politische Stellungnahmen abzugeben, die einen radikalen Charakter haben. Diese Intellektuellen haben erkannt (manchmal im Lichte der Moral, aber das spielt keine Rolle), dass ihre Sprache eine Macht der Entscheidung besitzt, auf die sie selbst in einer Bewegung, die viel weiter geht als das bloße Gefühl der Verantwortlichkeit, antworten müssen. Sie haben auch - und das ist nicht der am wenigsten bedeutsame Zug - die Erfahrung eines Miteinanderseins gemacht, und ich denke nicht nur an den kollektiven Charakter der Erklärung, sondern an ihre unpersönliche Kraft, an die Tatsache, dass all diejenigen, die sie unterzeichnet haben, gewiss ihren Namen dafür gegeben haben, aber ohne sich auf ihre partikulare Wahrheit oder die Berühmtheit dieses Namens zu berufen. Die Erklärung stellte für sie durch ein bemerkenswertes Verhältnis, das gerade die Autorität der Justiz instinktiv zu zerschlagen sucht, eine gewisse anonyme Gemeinschaft von Namen dar.


So sind sich die Intellektuellen der neuen Macht bewusst geworden, die sie darstellen, sowie, wenngleich auf unklare Weise, der Originalität dieser Macht (Macht ohne Macht). Zugleich haben auch die Organe der sowohl offiziellen als auch oppositionellen politischen Führung mit Erstaunen, mit Irritation diese Macht wahrgenommen, und sie haben, die einen konstatierend, die anderen sanktionierend, zu ihrer Bestärkung beigetragen. Daraus erklärt sich die unkontrollierte Reaktion der Regierung, ihre ungeschickte Gewalt, ihre erste Entscheidung dazu, unsere Kraft zu brechen, und dann heute ihr Wille, das Ereignis einzuschläfern, die Geschichte zu beschwichtigen, sie unbedeutend zu machen.

Sie haben mich an das erinnert, was ich gelegentlich sagen musste und immer im Stillen gedacht habe: dass die Erklärung ihre wahre Bedeutung nur fände, wenn sie der Anfang von etwas wäre. Ich füge hinzu, dass mehrere, die über das nachgedacht haben, was passiert ist, dasselbe Gefühl haben und gemäß ihrer Mittel versuchen, diese Art von anfänglicher Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. So habe ich zum Beispiel seit unserer letzten Begegnung erfahren, dass Maurice Nadeau(3) ein Projekt entworfen hatte, das dem Ihren entspricht: Genau wie Sie wünschen, in den Temps Modernes(4) der Literatur einen größeren Platz einzuräumen, um die neuen Verbindungen von politischer und literarischer Verantwortung spürbar zu machen, so hat Nadeau – in umgekehrter Weise, aber in der gleichen Perspektive – die Absicht, der politischen und sozialen Kritik in seiner Zeitschrift einen wichtigen Anteil zu geben.

All das scheint mir bemerkenswert und bedeutungsvoll.

Jedoch muss ich zugeben, dass mir weder im einen noch im anderen Fall die Umgestaltungen wirklich auf der Höhe jener Veränderung zu sein scheinen, die sie anzeigen müssten. Was werden wir haben? Von außen betrachtet hätten wir letzten Endes literarischere T[emps] M[odernes] und politischere L[ettres] N[ouvelies]: Das ist viel, das ist wenig, umso mehr, als in beiden Fällen sich erworbene Gewohnheiten durchzusetzen drohen. Die Erfahrung zeigt, dass man zwar, wenngleich nicht ohne Risiko, eine Zeitschrift erneuern kann, aber nicht mit einer alten eine neue Zeitschrift machen kann, die mit neuer Macht ausgestattet wäre; in jedem Fall ist es sehr schwierig und fordert einen noch größeren Willen zum Bruch, da dieser, um sich zu realisieren, materielle Mittel besitzt, die nur teilweise erneuert werden.

Ich würde gerne mein eigenes Gefühl so formulieren: Ich glaube, wenn wir, wie es nötig ist, die Veränderung, von der wir alle eine Ahnung haben, unmissverständlich darstellen wollen; wenn wir sie in ihrer sich wandelnden Gegenwärtigkeit, in ihrer neuartigen Wahrheit wirklicher machen und vertiefen wollen, dann wird dies nur aus einem neuen Organ heraus möglich sein. Wenn man Sartre und mit ihm weitere aus dem Kreis der 121 sieht, wie sie sich entscheiden, sich in dieser als bewusst neu gewählten Form auszudrücken, dann wird jeder, und ich meine damit nicht nur die Schriftsteller, die unbestimmte Öffentlichkeit, sondern die gesamte intellektuelle Jugend verstehen, dass wir wirklich in eine neue Phase eintreten und dass etwas Entscheidendes stattfindet, das nach einem Ausdruck strebt. Ich füge hinzu, dass ich von einem neuen Organ auch aus einem anderen Grund spreche: Ich glaube kaum, dass eine Zeitschrift mit schönen literarischen Erzählungen, mit schönen Gedichten, politischen Kommentaren, Untersuchungen sozialer, ethnologischer Art usw. von Interesse wäre; eine solche Mischung droht immer unentschlossen zu sein, ohne Wahrheit, ohne Notwendigkeit. Ich glaube vielmehr, dass eine Zeitschrift für totale Kritik,(5) für eine Kritik, in der die Literatur in ihrem eigentlichen Sinne (mithilfe auch von Texten) erfasst wird, wo wissenschaftliche Entdeckungen, die oft nicht sehr deutlich hervortreten, der Gesamtsicht einer Kritik unterzogen werden, wo sämtliche Strukturen unserer Welt, alle Existenzformen dieser Welt, in die gleiche Bewegung der Untersuchung, der Forschung und der Infragestellung eingehen: Eine Zeitschrift also, in der auch das Wort >Kritik< seine Bedeutung wiedererlangt, welche darin liegt, allumfassend zu sein, hätte heute, genau heute, sehr große Bedeutsamkeit und Handlungskraft. Dies ist ein Projekt, dessen Schwierigkeiten ich sehe, das natürlich anfechtbar ist, aber das vielleicht als Ausgangspunkt gelten könnte oder über das wir zumindest beginnen könnten, uns Fragen zu stellen.

Ich kenne zwar meinen Widerwillen dagegen, mich an jener Form der literarischen Realität zu beteiligen, die eine Zeitschrift darstellt, und mich durch die Teilnahme an einer solchen in eine Rolle zu bringen, die nur allzu schlecht meinen Mitteln entspricht. Aber ich wäre in der Lage, diesen Widerwillen zu überwinden, freilich nur dann, wenn es sich um ein Vorhaben handelte, das stark genug ist, dass all die Gründe, die mich dazu gebracht haben, an der Erklärung der 121 mitzuwirken, sich darin wiederfinden und sich entwickeln könnten. Wir wissen alle, dass wir uns auf eine Krise zu bewegen, die nichts weiter tut als die kritische Situation, in der wir uns befinden, nur noch deutlicher zu machen (eine Krise, derart, dass der militärische Gewaltstreich nur einen ihrer mittelmäßigen Aspekte darstellt). Ich wäre glücklich, in dieser wie auch in einer weiteren Perspektive mit Ihnen zusammenzuarbeiten, wie wir es auf so nützliche Weise durch die Erklärung zu tun begonnen haben, unter der Bedingung natürlich, dass die Übereinkunft nicht nur zwischen uns allein besteht, sondern zwischen all den Intellektuellen, die sich dessen, was heute auf dem Spiel steht, ganz und gar bewusst sind. Es ist diese Übereinstimmung, die durch eine neue Zeitschrift dargestellt werden müsste.

Maurice Blanchot


1 Dieser Brief an Jean-Paul Sartre wurde zum ersten Mal in einer dem Projekt der Revue internationale gewidmeten Nummer der Zeitschrift Lignes (Nr. 11, Erste Serie, 1990) veröffentlicht.
Das Vorhaben einer deutsch-italienisch-französischen Zeitschrift, zeitweise mit österreichischer, englischer, polnischer und spanischer Beteiligung geplant, war 1960 ausgehend von der internationalen Unterstützung entstanden, die die Verfasser der Erklärung der 121 von Schriftstellern und anderen erhalten hatten. Neben der französischen Gruppe um Mascolo waren es vor allem Hans Magnus Enzensberger und Elio Vittorini, die das Projekt anfangs vorantrieben. Zur Beteiligung Sartres kam es nicht.

2 Maurice Blanchot schreibt am 8. August 1960, also einen Monat vor der Fertigstellung der Erklärung der 121 und unter Bezugnahme auf diese »Geschichte mit Algerien«, dass man »eines Tages Schriftsteller aller Sprachen um einen Text versammeln [müsste], natürlich unter der Bedingung, dass dieser Text nicht nur vage ist, sondern auch ausdrückt, wie die Wahrheit des Schriftstellers, die ihnen gemein ist, sie auch dazu verpflichtet, sich gleichermaßen nm diese Sache zu kümmern« (zitiert nach Bident, Maurice Blanchot, S. 397.).
3 Maurice Nadeau hatte 1953 die Lettres Nouvelles als vornehmlich der Literatur und der Literaturkritik gewidmete Zeitschrift gegründet.
4 Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir hatten die Zeitschrift Les temps modernes 1945 gegründet; zum ersten Redaktionskomitee gehörten Raymond Aron, Michel Leiris, Maurice Merleau-Ponty, Albert Olivier und Jean Paulhan.
5 Man mag an das nicht realisierte Projekt einer Zeitschrift für Kritik denken, das im Jenaer Kreis (Schelling, Schlegel, Novalis) als Nachfolger des Athenäum diskutiert wurde. Vgl. den Artikel von Blanchot in: L'entredien infini, S. 515-527 [deutsche Übersetzung: »Athenäum«, in: Volker Bohn (Hg.), Romantik. Literatur und Philosophie, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1987, S. 107-121]. Die Zeitschrift der Frühromantiker: Die »Antizipation dessen, was man als Schreiben der Mehrzahl [écriture plurielle] bezeichnen könnte« (S. 526 / S. 519, Übers. leicht geändert).


Das Projekt einer Zeitschrift
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