Der Facteur der Wahrheit



Auszüge aus Jacques Derridas DER FACTEUR DER WAHRHEIT
in: Die Postkarte - von Sokrates bis an Freud und jenseits


Seite 196
Dieser Brief, anscheinend, hat also keinen Eigentümer. Er ist anscheinend das Eigentum von niemand. Er hat keinen eigenen Sinn, keinen eigenen Inhalt, der wichtig ist, dem Anschein nach, für seine Wegstrecke. Er ist also strukturell fliegend und entwendet. Und diese Entwendung hätte nicht statt, wenn er einen Sinn hätte, oder zumindest wenn er konstituiert wäre durch den Inhalt seines Sinns, wenn er sich beschränkte, Sinn zu haben und bestimmt zu sein durch die Lesbarkeit dieses Sinns: »Und ebensowenig hätte die Mobilisierung der niedlichen Welt, von der wir hier die Ausgelassenheit verfolgen, Sinn, wenn der Brief, er, sich begnügte, davon zu haben einen« (S. 26).
Lacan sagt nicht, daß der Brief keinen Sinn hat: er begnügt sich nicht, davon zu haben einen. Man kann verstehen: davon zu haben, vom Sinn, und es gibt anderes, mehr oder weniger, als Sinn in diesem Brief, der sich verschiebt und mobilisiert. Man kann auch verstehen: davon zu haben einen, einen allein, und diese mögliche Vielfalt gäbe die Bewegung. Jedenfalls, Sinn, zufolge Lacan, der Brief, er, begnügt sich nicht, davon zu haben einen. Was würde passieren, wenn man demonstrierte, daß Sinn, zufolge Lacan, der Brief, er, sich begnügt, davon zu haben einen, und einen allein? Wir sind noch nicht da.
 
Seite 202-205
Man könnte glauben, in einem gegebenen Moment, daß Lacan sich bereitmacht, der (narrierenden) Narration Rechnung zu tragen, der komplexen Struktur der Schriftszene, die sich hier abspielt, dem so kuriosen Platz des Narrators. Doch diesen Platz einmal flüchtig gesehen, schließt die analytische Entzifferung ihn aus, neutralisiert sie ihn oder, präziser, gemäß einem Vorgehen, das wir verfolgen werden, läßt sie sich diktieren von dem Narrator einen Effekt von neutralisierender Ausschließung (die »Narration« als »Kommentar«), der transformiert das ganze Seminar in Analyse, fasziniert von einem Inhalt. Worin es verfehlt eine Szene. Wenn es davon sieht zwei (»Diese Szenen sind zwei ... « (S. 12)), gibt es da von drei. Mindestens. Und wenn es sieht eine oder zwei »Triaden«, gibt es stets ein Supplement von Quadrat, dessen Eröffnung kompliziert den Kalkül.
Wie bewerkstelligt sich diese Neutralisierung und welches sind davon die Effekte, wenn nicht die Absichten?
Erster Moment, also, man glaubt, daß die Position des Narrators und die narrierende Operation hineinkommen werden in die Entzifferung der »Botschaft von Poe«. Gewisse Unterscheidungen lassen das hoffen, im Moment, wo die »Erzählung« präsentiert wird: »Es handelt sich, Sie wissen es, um die Erzählung, die Baudelaire übersetzt hat unter dem Titel: La Lettre volée. Gleich bei der ersten Annäherung wird man darin unterscheiden ein Drama von der Narration, die davon gemacht wird, und von den Bedingungen dieser Narration« (ibid.) Das »Drama«, das ist die erzählte Handlung, die (narrierte) Geschichte, die das eigentliche Objekt des Seminars formt. Was angeht die Narration, so wird sie, im Moment selbst, da sie erwähnt wird, auch schon reduziert auf einen »Kommentar«, der das Drama »verdoppelt«, indem er in Szene setzt und zu sehen gibt, ohne spezifische Intervention, wie ein durchscheinendes Element, eine allgemeine Durchsichtigkeit. Es wird sich weiter unten die Frage stellen nach dem »allgemeinen Narrator«. »Die Narration verdoppelt wirklich das Drama durch einen Kommentar, ohne welchen es keine mögliche Inszenierung gäbe. Sagen wir, daß seine Handlung, eigentlich, unsichtbar bliebe vom Zuschauerraum aus, – außer dem, daß sein Dialog ausdrücklich und durch die Bedürfnisse selbst des Dramas leer wäre von jedem Sinn, der sich ihm zutragen könnte für einen Hörer: – anders gesagt, daß nichts von dem Drama erscheinen könnte weder für die Aufnahme von Ansichten noch für die Aufnahme von Tönen ohne die Beleuchtung mit flach einfallendem Licht, wenn man das sagen kann, die die Narration jeder Szene von dem Gesichtspunkt aus gibt, den, indem er sie spielte, der eine von ihren Akteuren hatte.
»Diese Szenen sind zwei …« (ibid.) Folgt die Analyse zweier Dreiecke, der Inhalt der »Erzählung«, das Objekt der analytischen Entzifferung.
Wonach man fallen läßt den Narrator, die Narration und die Operation der »Inszenierung«. Der originale Platz des Narrators zu beiden Seiten der Narration, das spezifische Statut seines Diskurses – der nicht neutral ist oder dessen Effekt von Neutralität nicht neutral ist –, seine Interventionen, seine psychoanalytische Position selbst werden niemals befragt in der Folge des Seminars, das die Analyse von »intersubjektiv« genannten »Triaden« bleiben wird, jenen, die das Innere der erzählten Geschichte konstituieren, das, was Lacan die »Geschichte« nennt oder das »Drama«, das »reale Drama« (»jede der beiden Szenen des realen Dramas wird uns narriert im Laufe eines anderen Dialogs« (S. 18)). Alle Anspielungen auf den Narrator und den Akt der Narration sind da, um sie auszuschließen aus dem »realen Drama« (den beiden Dreiecksszenen), das man so deutlich abgegrenzt der analytischen Entzifferung der Botschaft ausliefern muß. Dies macht sich in zwei Zeiten, folgend den beiden Dialogen, die teilen Der entwendete Brief.
Erste Zeit. Die Ausschließung ist sehr deutlich, erleichtert durch den Text von Poe, der, wirklich, alles zu tun scheint, um sie zu begünstigen. Das ist der Moment dessen, was Lacan die Exaktheit nennt. Der Narrator wird »allgemeiner Narrator« genannt, er ist gleichsam das neutrale, homogene, transparente Element des Rezits. Er »fügt nichts hinzu«, sagt Lacan. Als ob man etwas hinzufügen müßte zu einer Relation, um in eine Szene zu intervenieren. Vor allem in eine Narrationsszene. Und als ob man durch Fragen und Bemerkungen und Ausrufe – das sind die Formen von Intervention des allgemein genannten Narrators in dem, was Lacan abhebt als »ersten Dialog« – nichts hinzufügte. Zudem, bevor noch dieser »erste Dialog« sich anbindet, sagt der »allgemeine Narrator« Dinge, für die wir uns zu interessieren haben werden weiter unten. Endlich, der Narrator, der in Szene ist in dem, was er in Szene setzt, wird seinerseits in Szene gesetzt in einem Text, der weiter ist als die allgemein genannte Narration. Supplementärer Grund, ihn nicht als eine neutrale Stätte von Passage anzusehen. Diesem überbordenden Text wird durch das Seminar keine spezifische Aufmerksamkeit zugestanden; dieses isoliert, als sein wesentliches Objekt, die beiden »narrierten« Dreiecksszenen, die beiden »realen Dramen«, indem es zugleich diese vierte Person neutralisiert, die der allgemein genannte Narrator ist, seine narrierende Operation und den Text, der die Narration und den Narrator in Szene setzt. Denn Der entwendete Brief, als Text und als Fiktion, beginnt weder bei den Dreiecksdramen noch bei der Narration, die sie in Szene setzt, indem sie sich darin verwickelt in einer gewissen Weise, von der wir hier die Analyse zurückstellen. Er endet hier also auch nicht. Der entwendete Brief inszeniert einen Narrator und einen lnszenator, der – fingiert durch Der entwendete Brief – durch Der entwendete Brief fingiert, das »reale Drama« des entwendeten Briefes zu erzählen usf. Ebensoviele Supplemente, die abgründen das narrierte Dreieck. Ebensoviele Gründe zu denken, daß der sogenannte allgemeine Narrator immer etwas hinzufügt, und schon vor dem ersten Dialog, daß er nicht die Möglichkeitsbedingung des Rezits ist, sondern ein Akteur mit fort ungewöhnlichem Statut. Ebensoviele Gründe, sich nicht zufriedenzugeben mit dem, was davon Lacan sagt in dem, was ich die erste Zeit der Ausschließung genannt habe. Wenn der Filter des allgemeinen Narrators nicht »ein fortuites Arrangement« ist, wenn er uns zurückruft, daß »die Botschaft« »eben der Dimension der Sprache angehört« , so weil man diese vierte Position, unter dem Titel der elementaren Allgemeinheit, nicht ausschließen kann aus den Dreiecksszenen, die davon das Objekt formen würden, gezügelt unter dem Titel des »realen Dramas«.
 
Seite 212/213
Ohne Zweifel stehen die Stätte und der Sinn des Briefes nicht zur Disposition der Subjekte. Ohne Zweifel sind diese der Bewegung des Signifikanten unterworfen. Doch wenn Lacan sagt, daß der Brief keine eigene Stätte hat, wird man fortan verstehen müssen: objektive Stätte, bestimmbar in einer Topologie, empirisch und naiv. Wenn er sagt, daß er keinen eigenen Sinn hat, wird man fortan verstehen müssen: Sinn als ausschöpfbarer Inhalt dessen, was geschrieben ist in dem Billet. Denn der Brief-Signifikant, in der psychoanalytisch-transzendentalen Topologie und Semantik, mit denen wir es zu tun haben, hat eine eigene Stätte und einen eigenen Sinn, die die Bedingung formen, den Ursprung und die Schickung der ganzen Zirkulation, wie der ganzen Logik des Signifikanten.
Die eigene Statt zunächst. Der Brief hat eine Emissions- und Destinationsstätte. Das ist kein Subjekt, sondern ein Loch, der Fehl, ausgehend von dem sich das Subjekt konstituiert. Die Kontur dieses Lochs ist bestimmbar, und sie magnetisiert die ganze Strecke des Umwegs, der von Loch zu Loch führt, von dem Loch zu sich selbst, und der also eine zirkuläre Form hat. Es handelt sich eben um eine geregelte Zirkulation, die eine Rückkehr des Umwegs zu dem Loch organisiert. Transzendentale Wiederaneignung und Wiederangleichung, erfüllend einen authentischen Kontrakt. Daß die Wegstrecke eigen ist und zirkulär, ist das, was Lacan sagt à la lettre: »Es ist auf diese Weise, daß wir uns bestätigt finden in unserem Umweg durch das Objekt selbst, das uns da hineinzieht: denn es ist sehr wohl der umgeleitete Brief, der uns beschäftigt, jener, dessen Wegstrecke prolongiert worden ist (das ist buchstäblich das englische Wort), oder, um auf das postalische Vokabular zu rekurrieren, der unzustellbare Brief.
 
Seite 214/215
Der Brief hat also einen eigenen Sinn, eine eigene Wegstrecke, eine eigene Statt. Allein Dupin, in dem Dreieck, scheint das zu wissen. Lassen wir für den Moment die Frage nach diesem Wissen. Befassen wir uns zunächst mit dem Gewußten dieses Wissens. Was weiß er? Er weiß, daß der Brief letztendlich sich findet und wo er sich finden muß, um wiederzukommen zirkulär, adäquat, an seine eigene Statt. Diese eigene Statt, gekannt von Dupin, wie vom Psychoanalytiker, der in oszillierender Weise, man wird das sehen, seine Position einnimmt, ist die Statt der Kastration: die Frau als entschleierte Statt des Penismangels, als Warheit des Phallus, das heißt der Kastration. Die Wahrheit des entwendeten Briefes ist die Wahrheit, sein Sinn ist der Sinn, sein Gesetz ist das Gesetz, der Kontrakt der Wahrheit mit sich selbst im Logos. Unterhalb dieses Wertes von Pakt (und also von Adäquation) bringt der von Verschleierung/Entschleierung das ganze Seminar in Übereinstimmung mit dem Heideggerschen Diskurs über die Wahrheit. Die Verschleierung/Entschleierung ist hier die eines Lochs, eines Nicht-Seienden: Wahrheit des Seins als Nicht-Seiendes. Die Wahrheit ist »Frau« als verschleierte/entschleierte Kastration. Hier schneidet sich der Ausgang des Signifikanten an (seine Inadäquation gegenüber dem Signifikat), hier die Statt des Signifikanten, die Letter. Aber hier beginnt auch der Prozeß, das Versprechen von Wiederaneignung, von Rückkehr, von Readäquation: »zwecks Restitution, des Objekts« (S. 16). Die singuläre Einheit des Briefes ist die Statt des Kontrakts der Wahrheit mit sich selbst. Eben deshalb kommt der Brief zurück zu der Frau (insofern zumindest als sie den Pakt retten will und also das, was dem König zukommt, dem Phallus, worüber sie die Wahr hat); eben deshalb, wie Lacan anderswo sagt, kommt der Brief wieder zum Sein, das heißt zu diesem Nichts, das die Öffnung wäre als Loch zwischen den Beinen der Frau. Dies ist die eigene Statt, wo der Brief sich findet, wo sein Sinn sich findet, wo der Minister ihn in Sicherheit glaubt, und wo er, in seinem Versteck selbst, am meisten ausgesetzt ist. Inhaber des in Sicherheit gebrachten Briefes, beginnt der Minister sich mit der Königin zu identifizieren (aber muß Dupin das nicht seinerseits tun, und der Psychoanalytiker in ihm? Wir sind noch nicht da).
 
Seite 221
Auch für Bonaparte ist die Kastration der Frau (der Mutter) der letzte Sinn, das, was Der entwendete Brief sagen will. Und die Wahrheit die Readäquation oder die Reappropriation als Wunsch, das Loch zu stopfen. Aber Bonaparte tut das, was Lacan nicht tut: sie setzt Der entwendete Brief in Zutrag zu anderen Texten von Poe. Und sie analysiert davon die Geste. Wir werden weiter unten die interne Notwendigkeit dieser Operation begreifen.
Zum Beispiel Die schwarze Katze, wovon »die Furcht vor der Kastration, vor der Kastration, inkarniert in der Frau, das zentrale Thema ist« (Edgar Poe, Bd. II, S. 578). »Indessen, alle primitiven Ängste des Kindes, die oft die des Mannes bleiben, scheinen sich Rendezvous gegeben zu haben, in diesem Rezit von höchster Angst, wie an einer Straßenkreuzung« (ibid.). In diesem Vierweg, zerstreut genannt, ausgelassen als ein Geviert, Repräsentation eines Kreises oder eines Dreiecks. Das Seminar: »Wir sind hier wirklich abermals an der Kreuzung, wo wir unser Drama und seine Runde mit der Frage danach gelassen hatten, wie die Subjekte sich hier abwechseln« (S. 30). Bonaparte fährt fort mit einer Seite von Allgemeinheiten über die Kastrationsangst, die man mit einer Aussage Freuds resümieren kann, die sie hier nicht zitiert: die Feststellung des Penismangels bei der Mutter ist »das größte Trauma«; oder Lacans: »Teilung des Subjekts? Dieser Punkt ist ein Knoten.
 
Seite 224/225
Ein wenig vor dieser Note, man erinnert sich daran, erwähnte das Seminar die »toponymischen Namen«, die »geographische Karte« des »großen Körpers« und die Statt dessen, was Dupin »sich gefaßt macht, dort zu finden«, denn er wiederholt die Geste des Ministers, der selbst sich mit der Königin identifiziert, deren Brief, eigentlich, immer dieselbe Statt einnimmt: von Ablösung und von Wiederanknüpfung.
Bonaparte wird fortgefahren sein nach der Note:

»Durch eine spätere List bemächtigt er sich des kompromittierenden Papiers und ersetzt es durch einen falschen Brief. Die Königin, der der echte Brief zurückerstattet werden wird, ist gerettet.
Wir werden zunächst bemerken, daß der Brief, veritables Symbol des mütterlichen Penis, seinerseits oberhalb der Feuerstelle des Kamins >hängt<, ganz wie der Penis der Frau hängen würde – wenn diese einen hätte! – oberhalb der Kloake, dargestellt hier, wie in den vorhergehenden Erzählungen, unter dem häufigen Symbol des Kamins. Es gibt da ein veritables Schaubild topographischer Anatomie, bei dem nicht einmal der Knopf (knob), die Klitoris fehlt. Aber an diesem Knopf sollte wohl anderes hängen!«


Nach dieser kurzen Anspielung auf den Knopf (die das Seminar nicht wieder aufgenommen haben wird), knüpft Bonaparte ihre Interpretation an eine ödipale Typik und Klinik. Das Interesse für »das-Leben-des-Autors« simplifiziert dabei ebensowenig die Lektüre des Textes, wie das Desinteresse im übrigen hinreichen würde, sie zu garantieren. Der Akzent wird auf einen ödipalen Kampf, »prägenital, phallisch und archaisch«, um den Besitz des mütterlichen Penis gesetzt, hier bestimmt als Partialobjekt. Bonaparte ist nie versucht, Dupin, und sei es, um ihn mit einer anderen Meisterschaft zu überragen, die Position des Analytikers zuzugestehen. Seine Luzidität kommt ihm von dem Krieg, in welchen er eingebunden ist, den er selbst am Ende erklärt (»Aber abgesehen von diesen Erwägungen hatte ich ein besonderes Ziel. Sie kennen meine politischen Sympathien. In dieser Affäre handelte ich als Parteigänger der fraglichen Dame. Es sind jetzt achtzehn Monate, daß der Minister sie in seiner Gewalt hält. Sie ist es nun, die ihn hält, weil er nicht weiß, daß der Brief nicht mehr bei ihm ist, und weil er wird voranschreiten wollen zu seiner gewohnten Erpressung. (…) In Wien einst hat D … mir einen üblen Streich gespielt, und ich sagte ihm in durchaus munteren Ton, daß ich mich daran erinnern würde«) und der nie aufgehört hat, ihn zu motivieren. Noch ihn zu situieren auf dem Kreislauf der Schuld. Des Phallus, des Signifikanten in seinem Brief, des Geldes, das, im Unterschied zu Lacan, Bonaparte hier nicht als neutralisierend oder »annihilierend« »für alle Bedeutung« ansieht. Sie schreibt: »Und wir sind nicht überrascht, daß Dupin, Verkörperung des Sohnes, indem er seine >politischen Sympathien< erklärt, sich >Parteigänger der fraglichen Dame< nennt. Schließlich ist es gegen einen Scheck von fünfzigtausend Francs – während der Präfekt die ganze versprochene fabelhafte Belohnung für sich behält –, daß Dupin der Frau den Symbol-Brief rückerstattet, das heißt den Phallus, der ihr fehlte. Man findet hier wieder die Aquivalenz Gold = Penis. Die Mutter gibt dem Sohn, im Austausch gegen den Penis, den er ihr zurückgibt, Gold. Ebenso in Der Goldkäfer …«
Der Kreis dieser Rückerstattung formt wohl die »eigene Wegstrecke« des Seminars. Was ist dann mit der Bewegung, die sich hier abzeichnet, die Position Dupins mit der des Analytikers zu identifizieren? Diese Bewegung versucht Bonaparte nie. Sie teilt sich oder suspendiert sich befremdlich im Seminar. Die Zeichen der Identifizierung zunächst:
1. Der dritte Blick, der keine Täuschung mit sich bringt, sieht das Dreieck. Dupin nimmt dabei, ohne Zweifel, eine Position identisch der des Ministers ein, aber des Ministers in der ersten Szene und nicht in der zweiten, wo der Minister dann den Platz der ohnmächtigen Königin einnimmt. Dupin wäre also der einzige, sich nicht rupfen zu lassen wie ein Strauß (»die dritte, die von diesen beiden Blicken sieht, daß sie das, was zu verbergen ist, aufgedeckt lassen für den, der sich dessen bemächtigen will: das ist der Minister, und das ist endlich Dupin. (…) drei Partner, wovon der zweite sich bekleidet glaubte mit Unsichtbarkeit, aus der Tatsache, daß der erste seinen Kopf in den Sand gesteckt hätte, indessen er einen dritten ihm in aller Ruhe die Federn aus dem Hintern rupfen ließe«). Endlich Dupin: am Ende würde Dupin so seine provisorische Identifizierung mit dem Minister durchbrechen und allein übrigbleiben, alles zu ehen, sich so aus dem Kreislauf zurückziehend.
 
Seite 230-232
Das war also nicht alles. Und man muß die »leidenschaftliche Explosion« Dupins am Ende des Rezits hervorheben, seine »Wut von manifest weiblicher Natur« im Moment, wo er sagt, daß er seine Rechnung mit dem Minister begleicht, indem er seinen Coup signiert. Er reproduziert also den sogenannten Verweiblichungsprozeß: er macht sich dem (Begehren von dem) Minister konform, dessen Platz er einnimmt, sobald er sich, innehabend den Brief – Statt des Signifikanten –, nach dem Begehren der Königin richtet. Hier kann man, aufgrund des Paktes, nicht mehr unterscheiden zwischen dem Platz des Königs (markiert von Blindheit) und dem Platz der Königin, dem, wohin der Brief, auf seinem »geraden Weg« und gemäß seiner »eigenen Wegstrecke«, zirkulär zurückkommen soll. Da der Signifikant nur eine eigene Statt hat, gibt es im Grunde nur einen Platz für den Brief, und er wird sukzessive eingenommen von all denen, die ihn innehaben. Man müßte also anerkennen, daß Dupin, einmal eingetreten in den Kreislauf, indem er sich mit dem Minister identifiziert hat, um ihm den Brief wieder fortzunehmen und ihn auf seinen »geraden Weg« zurückzubringen, nicht mehr aus ihm heraustreten kann. Er muß ihn durchlaufen in seiner Gänze. Das Seminar stellt zu diesem Subjekt eine befremdliche Frage: »Er ist also wohl Teilnehmer in der intersubjektiven Triade und als solcher in der mittleren Position, die zuvor die Königin und der Minister eingenommen haben. Wird er, indem er sich darin überlegen zeigt, uns zugleich die Absichten des Autors enthüllen?
Wenn es ihm gelungen ist, den Brief auf seinen geraden Weg zurückzubringen, so bleibt, ihn durchkommen zu machen an seine Adresse. Und diese Adresse ist der zuvor von dem König eingenommene Platz, denn es ist da, daß er wiedereintreten müßte in die Ordnung des Gesetzes.
Wir haben es gesehen, weder der König noch die Polizei, die ihn abgewechselt hat an diesem Platz, waren fähig, ihn zu lesen, denn dieser Platz brachte die Blindheit mit« (S. 37-38).Wenn Dupin jetzt die »mittlere Position« einnimmt, hat er sie dann nicht immer schon eingenommen? Und gibt es eine andere im Kreislauf? Ist es allein in diesem Moment des Rezits, wenn er den Brief in Händen hat, daß er sich wiederfindet in dieser Position? Man kann nicht haltmachen bei dieser Hypothese: Dupin agiert von Anfang an in Absicht auf den Brief, darauf, ihn innezuhaben, um ihn dem zurückzugeben, dem er rechtmäßig zusteht (weder dem König noch der Königin, sondern dem Gesetz, das sie bindet), und sich auf diese Weise als besser zu erweisen als sein (Bruder) Feind, sein jüngerer oder Zwillingsbruder (Atrée/Thyeste), der Minister, der grundsätzlich dieselbe Absicht verfolgt, mit denselben Gesten. Wenn er also in »mittlerer Position« ist, ist die Unterscheidung, weiter oben, der drei Blicke nicht mehr triftig. Es gibt nur Strauße, niemand vermeidet, sich rupfen zu lassen, und je mehr man der Meister ist, um so mehr präsentiert man seinen Hintern. Das wird also der Fall eines jeden sein, der sich mit Dupin identifiziert.
Zum Subjekt Dupin befremdliche Frage, sagten wir: »Wird er, indem er sich darin überlegen zeigt, uns zugleich die Absichten des Autors enthüllen?«
Das ist nicht die einzige Anspielung auf »Absichten des Autors« (cf. auch S. 12). Ihre Form impliziert also, daß der Autor, in seiner Absicht, in der Situation allgemeiner Herrschaft ist, wobei seine Überlegenheit im Hinblick auf die in Szene gesetzten Dreiecke (unterstellt, daß er in Szene setzt nur Dreiecke) repräsentierbar ist durch die Überlegenheit eines Akteurs, nämlich Dupin. Geben wir hier diese Implikation auf: eine ganze Konzeption der »Literatur«.
Wird sich Dupin überlegen gezeigt haben? Das Seminar, hervorgehend aus dem, was Dupin sieht, wo er sich gefaßt macht, es zu finden, wiederholend die Rückerstattungsoperation des Briefes, kann nicht antworten nein. Noch ja, denn Dupin ist auch ein Strauß. Man wird also die »wahre« Position Dupins im Dunklen einer Unenthüllung oder im Suspens einer Hypothese lassen, ohne es sich gleichwohl entgehen zu lassen (hier weder Dunkelheit noch Hypothese mehr), »die wahrhaftige Strategie Dupins« »entziffert« zu haben. Hier das Unenthüllte: »Worin unser Dupin sich ebenbürtig zeigt in seinem Erfolg dem des Psychoanalytikers, dessen Akt nur von einer unerwarteten Maladresse des anderen her dahin kommen kann, zu tragen. Für gewöhnlich ist seine (?) Botschaft der einzig effektive Ausgang seiner (?) Behandlung: ebenso wie die Dupins, indem sie unenthüllt bleiben muß, wiewohl mit ihr die Angelegenheit abgeschlossen ist« (»Points«, S. 8).
Hier die Hypothese in Suspens: »Aber wenn er wahrhaftig der Spieler ist, den man uns ansagt, wird er, bevor er sie aufdeckt, ein letztes Mal seine Karten befragen, und darin sein Spiel lesend, wird er sich rechtzeitig vom Tisch erheben, um die Schande zu vermeiden« (S. 41). Wird es das getan haben? Nichts vom Seminar sagt das, das jedoch recht lange an der Stätte verweilt, um, trotz des Unenthüllten oder der Hypothese, sicher zu gehen, die Chiffre des Briefes innezuhaben, die wahrhaftige Strategie Dupins und das wahre Sagen-Wollen des entwendeten Briefes. Das »ja« ist hier »ohne Zweifel«. Ganz wie Dupin, den der Narrator am Ende der Erzählung das Wort wahren läßt, sicher scheint, daß sein Coup ihm gelungen ist. Schluß des Seminars: »… wird er sich rechtzeitig vom Tisch erheben, um die Schande zu vermeiden.
Ist das alles, und dürfen wir glauben, daß wir die wahrhaftige Strategie Dupins entziffert haben jenseits der imaginären Tricks, mit denen er uns täuschen mußte? Ja ohne Zweifel, denn wenn >jeder Punkt, der Nachdenken verlangt<, wie Dupin zunächst vorbringt, >sich der Untersuchung am günstigsten im Dunkeln< darbietet, können wir jetzt leicht die Lösung davon am hellen Tag lesen. Sie war bereits enthalten in und leicht herauszubinden aus dem Titel unserer Erzählung, und zwar gemäß der Formel selbst, die wir seit langem Ihrem freien Gebrauch unterworfen haben, der intersubjektiven Kommunikation: wo der Emittent, sagen wir Ihnen, vom Empfänger seine eigene Botschaft unter einer umgekehrten Form empfängt. Es ist so, daß das, was >der entwendete<, ja >unzustellbare Brief< sagen will, ist, daß ein Brief immer ankommt am Schickungsort.« (S. 41. Das sind die letzten Worte des Seminars.)
 
Seite 246/247
Der Verdacht hat sich geregt, daß das Vorhaben des Autors vielleicht nicht war, wie Baudelaire sagte, das Wahre auszusagen. Was, deshalb, nicht immer darauf zurückkommt, sich zu amüsieren. Hier: »Ohne Zweifel amüsiert sich Poe …
Aber uns kommt ein Verdacht: ist diese Gelehrsamkeitsparade nicht geschickt, uns die Schlüsselworte unseres Dramas verstehen zu machen? Wiederholt der Taschenspieler nicht vor uns sein Kunststück, ohne uns diesmal damit zu täuschen, uns sein Geheimnis auszuliefern, doch indem er hier seine Wette hochtreibt, es uns wirklich aufzuklären, ohne daß wir dabei das Geringste sehen. Das wäre allerdings das Höchste, was der Illusionist erreichen könnte, uns durch ein Sein von Fiktion wahrhaftig täuschen zu machen. Und sind es nicht derartige Effekte, die uns berechtigen, ohne dabei Arges zu suchen, von manchen imaginären Helden wie von realen Personen zu sprechen?
 
Seite 266
Weil es einen Narrator in der Szene gibt, erschöpft die »allgemeine« Szene sich nicht in einer Narration, einer »Erzählung« oder einer »Geschichte«. Wir haben bereits die Effekte von unsichtbarer Vierung, von Geviert im Geviert erkannt, innerhalb welcher die psychoanalytischen Interpretationen (semantisch-biographisch oder triadisch-formalistisch) ihre Dreiecke entnahmen. Verfehlt man die Position des Narrators, seine Einbindung in den Inhalt dessen, was er zu erzählen scheint, so läßt man all das aus, was von der Schriftszene die beiden Dreiecke überbordet.
Und beim Anborden, wenn es sich, ohne Anbordung noch mögliche Bordüre, um eine Schriftszene mit abgründig gemachten Grenzen handelt. Schon beim Trugbild der Ouvertüre, des »ersten Wortes«, bringt der Narrator, indem er sich narriert, einige Behauptungen vor, die die Einheit der »Novelle« in eine nicht terminierbare Drift ziehen: textuelle Drift, der das Seminar nicht die geringste Rechnung trägt. Aber indem man dem Rechnung trägt, handelt es sich hier vor allem nicht darum, daraus das »wahrhafte Subjekt der Erzählung« zu machen. Die also keines hätte.
 
Seite 270
Ich ergreife also diese Gelegenheit zu erklären, daß das höchste Vermögen der denkerischen Intelligenz sehr viel tatkräftiger und vorteilhafter durch das bescheidene Damespiel (game of draughts) als durch all die bemühte Nichtigkeit des Schachs (the elaborate frivolity of chess) genutzt wird (…) Um weniger abstrakt zu sein – stellen wir uns ein Damespiel vor (a game of draughts), in dem die Steine auf vier Damen (four kings: im Damespiel heißen die »Damen«, auf Englisch, Könige) reduziert wären und wo natürlich kein Anlaß bestünde, Unbesonnenheiten zu erwarten (no oversight is to be expected). Es ist offenkundig, daß hier der Sieg – wofern die beiden Parteien absolut gleichwertig sind – nur durch eine gewandte Taktik (by some recherché mouvement) entschieden werden kann. Ergebnis einer mächtigen Anstrengung des Intellekts. Gewöhnlicher Hilfsquellen beraubt, versetzt sich der Analytiker in den Geist seines Gegners, identifiziert sich mit ihm und entdeckt oft mit einem flüchtigen Blick das einzige Mittel – ein manchmal absurd einfaches Mittel –, ihn in einen Fehler hineinzuziehen oder ihn in ein falsches Kalkül zu stürzen (by which he may seduce into error or hurry into miscalculation) (…) Aber es ist in den Fällen, die jenseits der Regel liegen (beyond the limits of mere rule), daß das Talent des Analytikers sich bekundet (is evinced) (…) Unser Spieler beschränkt sich nicht auf sein Spiel, und wiewohl dieses Spiel der augenblickliche Gegenstand seiner Aufmerksamkeit ist, verwirft er deshalb nicht die Deduktionen, die aus Gegenständen entstehen, die dem Spiel fremd sind (nor, because the game is the object, does he reject deductions from things external to the game).« Usf. Man muß das Ganze lesen, in beiden Sprachen. Ich habe mich einer gewissen Küche ausgeliefert ausgehend von der Übersetzung Baudelaires, die ich nicht immer respektiere. Méryon hatte Baudelaire gefragt, ob er »an die Realität dieses Edgar Poe« glaube und seine Novellen »einer Gesellschaft höchst gewandter, höchst vermögender Literaten, die über alles auf dem Laufenden sind« zugeschrieben. Besagte Gesellschaft präzisiert also nicht, ob die »things external to the game« ein Spiel bordieren, das im Text erzählt wird oder durch den Text konstituiert wird, noch ob das Spiel, das der Gegenstand ist, die (in der) Geschichte ist oder nicht. Noch ob die Verführung ihre Opfer unter den Personen oder unter den Lesern sucht. Die Frage nach dem Narrator, sodann die nach dem Destinatar, die nicht dieselbe ist, kommt sich niemals an.
 
Seite 272-279
Der Narrator läßt sich also narrieren; daß er interessiert ist (auf Englisch) in der Familiengeschichte Dupins (I was deeply interested in the little family history …), der nämlichen, die einen Rest von Revenue läßt, damit sich den Luxus von Büchern zu leisten; dann, man wird das sehen, daß es die Lesefähigkeit Dupins ist, die ihn über alles erstaunt und daß die Gesellschaft eines solchen Mannes also für ihn unbezahlbar ist, jenseits jeder Schätzung (a treasure beyond price). Der Narrator wird sich also das Unbezahlbare leisten, das Dupin ist, der sich selbst das Unbezahlbare leistet, das die Schrift ist, und der eben dadurch unbezahlbar ist. Denn der Narator, indem er sich Dupin anvertraut, indem er sich ihm, sagt Baudelaire, frank ausliefert, muß, urn dies zu tun, Zahlungen leisten. Er muß das Kabinett des Analytikers mieten. Und das ökonomische Aquivalent des Unbezahlbaren liefern. Der Analytiker – oder sein eigenes Vermögen, beinahe äquivalent dem Dupins, bloß »um einiges weniger behindert« – autorisiert ihn, dies zu tun: I was permitted to be at the expense of renting … Der Narrator ist also der erste, Zahlungen an Dupin zu leisten, um sich die Verfügbarkeit der Lettern zu sichern. Man verfolge nun die Bewegung der Kette. Aber was er bezahlt, ist auch die Stätte der Narration, die Schrift, in welcher die ganze Geschichte erzählt und Interpretationen dargeboten werden wird. Und wenn er zahlt, um zu schreiben oder zu sprechen, macht er auch Dupin sprechen, macht er ihn seine Lettern zurückgeben und läßt ihm das letzte Wort in Form eines Geständnisses, In der Ökonomie dieses Kabinetts ist, sobald der Narrator durch eine Funktion in Szene gesetzt ist, die wohl die einer »Aktiengesellschaft« des Kapitals und des Begehrens ist, keine Neutralisierung möglich noch ein allgemeiner Gesichtspunkt, kein Überhang, keins »Annihilierung« der Bedeutung durch das Geld. Es ist nicht allein Dupin, sondern der Narrator, der »Teilnehmer« ist. Sobald er ihn seine Lettern zurückgeben macht, und nicht allein der Königin (der anderen Königin), teilt die Letter sich, ist sie nicht mehr atomisch (der Atomismus, der Atomismus von Epikur, das ist, man weiß es, auch ein Thema Dupins in Die Morde …) und verliert also jede gesicherte Schickung. Die Teilbarkeit der Letter – deshalb haben wir auf diesem Schlüssel oder diesem theoretischen Sicherheitsschloß des Seminars insistiert: die Atomystik der Letter – ist das, was ohne garantierte Rückkehr die Restanz von was auch immer hasardiert und verirrt: eine Letter kommt nicht immer am Schickungsort an, und da dies zu ihrer Struktur gehört, kann man sagen, daß sie dort niemals wahrhaftig ankommt, daß, wenn sie ankommt, ihr Nicht-Ankommen-Können sie quält mit einer inneren Drift.
Die Teilbarkeit der Letter ist auch die des Signifkanten, dem sie Statt gibt, und also der »Subjekte«, »Personen« oder »Positionen«, die ihr unterworfen sind und die sie »repräsentieren«. Bevor dies im Text demonstriert wird, ein Zitat zum Rückruf:

»Ich war auch fort erstaunt über den wunderbaren Umfang seiner Belesenheit; und über allem fühlte ich mein Gemüt eingenommen durch die befremdliche Glut und die lebendige Frische seiner Imagination. Da ich in Paris gewisse Gegenstände suchte, denen mein einziges Streben galt (Seeking in Paris the objects I then sought), sah ich, daß die Gesellschaft eines solchen Mannes für mich ein unschätzbarer Schatz sein würde (a treasure beyond price), und folglich lieferte ich mich ihm frank aus (I frankly confided to him). Wir entschieden endlich, daß wir während der ganzen Zeit meines Aufenthalts in dieser Stadt zusammenleben würden; und, da meine Angelegenheiten um einiges weniger behindert waren als die seinen, übernahm ich es, ein kleines, altertümliches und bizarres Haus zu mieten und in einem Stil auszustatten, der für die phantastische Melancholie unserer beider Charaktere geeignet war (in a style which suited the rather fantastic gloom of our common temper), ein Haus, das wegen abergläubischer Meinungen, die wir keiner Nachforschung würdigten, verlassen worden war – beinahe zur Ruine verfallen und gelegen in einem abgeschiedenen und einsamen Teil des Faubourg Saint-Germain.«

Es handelt sich also um zwei Phantasten (Melancholiker), von denen der eine uns nicht sagt, welche Gegenstände er zuvor in Paris suchte, noch welches seine »vorherigen Gesellschafter« sind, vor denen er nun das Geheimnis der Stätte verbergen wird (secret – locality). Der ganze Raum ist jetzt inbegriffen in der Spekulation dieser beiden »Verrückten«:

»Wäre die Routine unseres Lebens an dieser Stätte der Welt bekannt gewesen, wir hätten für zwei Verrückte gegolten – vielleicht für Verrückte von harmloser Art. Unsere Zurückgezogenheit (seclusion) war vollkommen. Wir empfingen keinen Besuch (We admitted no visitors). Die Stätte unseres Rückzugs war ein – sorgsam gewahrtes – Geheimnis für meine früheren Gefährten (Indeed the locality of our retirement had been carefully kept a secret from my own former associates); und es war mehrere Jahre her, daß Dupin aufgehört hatte, Leute zu sehen oder in Paris unter Menschen zu gehen. Wir lebten nur unter uns.«

Von nun an läßt der Narrator sich seine fortschreitende Identifizierung mit Dupin narrieren. Und zwar vor allem wegen der Liebe zur Nacht, der »schwarzen Gottheit«, von der sie »die Präsenz« »konterfeien«, wenn sie nicht da ist:

»Mein Freund hatte eine Bizarrerie des Gemüts (a freak of fancy) denn wie das definieren? –, nämlich die Nacht zu lieben aus Liebe zur Nacht; und ich verfiel selbst ganz still in diese bizarrerie (bizarrerie), wie in all die anderen, die ihm eigen waren, indem ich mich gehen ließ mit dem Strom all seiner befremdlichen Sonderlichkeiten mit einem vollkommenen abandon (abandon). Die schwarze Gottheit (the sable divinity) konnte nicht allezeit bei uns wohnen; aber wir machten von ihr ein Konterfei (but we would counterfeit her presence).«

Er selbst gedoppelt in seiner Position, identifiziert sich der Narrator also mit Dupin, bei dem er folglich nicht umhin kann, die »singuläre analytische Begabung« »zu bemerken und zu bewundern«, und der ihm tausend Beweise von der »intimen Kenntnis« seiner eigenen Person gibt, seiner, des Narrators. Aber Dupin selbst, präzise in diesen Momenten, scheint doppelt. Und diesmal ist es eine »fancy«, eine Phantasterei des Narrators, der ihn doppelt sieht: »In diesen Momenten war sein Gebaren eisig und zerstreut (frigid and abstract); seine Augen blickten ins Leere und seine Stimme – eine reiche Tenorstimme für gewöhnlich – erhob sich zur Kopfstimme; das hätte Unbändigkeit sein können, ohne die absolute Überlegenheit seines Sprechens und die vollkommene Gewißheit seiner Akzentuierung (distincness of the enunciation). Indem ich ihn in diesen Stimmungen beobachtete, verweilte ich oft darin, über die alte Philosophie von der doppelten Seele (Bi-Part Soul) zu meditieren, und ich erheiterte mich bei der phantastischen Idee eines doppelten Dupin (the fancy of a double Dupin) – der Schöpfer und der Analytiker (resolvent).«
Die Phantastik einer Identifizierung zwischen zwei gedoppelten Doubles, die forte Investition der Bindung, die Dupin außerhalb der »intersubjektiven Triaden« des »realen Dramas« einbindet und den Narrator in das, was er narriert (29); die Zirkulation der Begehrungen und des Kapitals, der Signifikanten und der Lettern vor und jenseits der beiden »Dreiecke«, »primitiv« und sekundär, die Kettenfission der Positionen von der Dupins aus, der, wie alle Personen, in und außer Narration, sukzessive alle Plätze einnimmt, eben das macht aus der triangulären Logik ein sehr begrenztes Stück im Stück. Und wenn die duale Relation zwischen zwei Doubles (das, was Lacan auf Imaginäres reduzieren würde) den ganzen sogenannten Raum des Symbolischen einbegreift und umhüllt, ihn überbordet und ihn fingiert, ihn unaufhörlich abgründet und desorganisiert, so scheint der Gegensatz des Imaginären und des Symbolischen, seine implizite Hierarchie vor allem, in seiner Triftigkeit sehr begrenzt: jedenfalls wenn man ihn mißt an der Vierschrötigkeit einer derartigen Schriftszene.
Man hat gesehen, daß alle Personen von Der entwendete Brief, insbesondere die des »realen Dramas«, Dupin einbegriffen, sukzessive und strukturell alle Positionen einnahmen, die des Königs-Toten-Blinden (die des Polizeipräfekten infolgedessen), nach der der Königin, dann des Ministers. Jede Position identifiziert sich mit der anderen und teilt sich, selbst die des Toten und eines supplementären Vierten. Die Unterscheiung der drei Blicke, vorgeschlagen durch das Seminar, um die eigene Wegstrecke der Zirkulation zu bestimmen, ist darin also einbegriffen. Und vor allem die auf die Seite geschobene Ouvertüre (duplik und identifikatorisch), hin auf den Narrator (narrierend-narriert), macht einen Brief nur wiederkommen um einen anderen zu verirren.
Und die Phänomene des Double, also von Unheimlichkeit, gehören nicht nur zum trilogischen »Kontext« von Der entwendete Brief. Die Frage stellt sich wirklich, zwischen dem Narrator und Dupin, ob der Minister er selbst ist oder sein Bruder (»es sind zwei Brüder«, »sie haben sich beide einen Ruf gemacht«; worin? »in der Literatur«). Dupin versichert, daß der Minister zugleich »Dichter und Mathematiker« ist. Die beiden Brüder beinahe ununterscheidbar in ihm. Rivalisierend in ihm, der eine spielend und verspielend den anderen. »Sie täuschen sich«, sagt Dupin; »ich kenne ihn fort gut; er ist beides (he is both). Als Dichter und Mathematiker gebrauchte er seinen Verstand gut (he would reason well); als bloßer Mathematiker hätte er seinen Verstand überhaupt nicht gebrauchen können und hätte sich so auf Gedeih und Verderb dem Präfekten ausgeliefert.«
Doch dem Minister, der »fort wohl meine Schrift kennt«, spielt Dupin einen Streich, signiert vom Bruder oder Amtsbruder, Zwilling oder jüngeren oder älteren Bruder (Atrée/Thyeste). Diese rivalisierende und duplike Identifizierung der Brüder, weit davon entfernt, in den symbolischen Raum des familialen Dreiecks (das erste, das zweite oder das folgende) einzugehen, trägt den Sieg davon ohne Ende in einem Labyrinth von Doubles ohne Originale, von Fak-Similes ohne authentischen und unteilbaren Brief, von Konterfeis ohne Fei, aufprägend dem entwendeten Brief eine unkorrigierbare Indirektheit).
Der Text mit dem Titel »Der entwendete Brief« prägt (sich) ein (in) diese Effekte von Indirektheit. Ich habe davon nur die sichtbarsten angedeutet, um zu beginnen, ihre Lektüre zu entriegeln: das Spiel der Doubles, die Teilbarkeit ohne Ende, die textuellen Rücksendungen von Fak-Simile zu Fak-Simile, die Einvierung der Gevierte, die nicht terminierbare Supplementarität der Anführungszeichen, die Einfügung des entwendeten Briefes in einen entwendeten Brief, der vor ihm beginnt, durch die Rezits von Rezits der Morde hindurch, die Zeitungsausschnitte aus Das Geheimnis um Marie Roget (a sequel to »The murders in the rue Morgue«). Die Abgründung des Titels vor allem: Der entwendete Brief, das ist der Text, der Text in einem Text (der entwendete Brief als Trilogie). Der Titel ist der Titel des Textes, er benennt den Text, er benennt sich und schließt sich also ein, indem er fingiert, ein Objekt zu benennen, beschrieben im Text. Der entwendete Brief operiert wie ein Text, der sich jeder zuweisbaren Schickung entzieht und produziert, induziert vielmehr, indem er sich deduziert, jenes Unzuweisbare im präzisen Moment, wo er das Ankommen eines Briefes narriert. Er fingiert, sagen zu wollen und denken zu lassen, daß »ein Brief immer ankommt am Schickungsort«, authentisch, intakt und ungeteilt, im Moment und an der Statt, wo die Finte, geschrieben vor dem Brief, sich abwendet von sich selbst. Um zur Seite zu machen einen Sprung mehr.
Wer signiert? Dupin will unbedingt signieren. Und de facto läßt ihm der Narrator, nachdem er ihn hat sprechen machen oder lassen, das letzte Wort (30), das letzte Wort der letzten der drei Novellen. Scheint es. Ich bemerke das nicht, um seinerseits den Narrator, noch weniger den Autor, in die Position des Analytikers zu stellen, der zu schweigen weiß. Vielleicht gibt es hier, gemessen an der Vierschrötigkeit dieser Schriftszene, keine mögliche Einfriedung für eine analytische Situation. Vielleicht gibt es hier keinen möglichen Analytiker, zumindest in der Situation der Psychoanalyse im Jahre X … Lediglich vier Könige, also vier Königinnen, vier Polizeipräfekten, vier Minister, vier Analytiker-Dupins, vier Narratoren, vier Leser, vier Könige usf., alle luzider und einfältiger die einen als die anderen, mächtiger und entwaffneter.


(29) Das Seminar trägt der sehr bestimmten Einbindung des Narrators in die Narration keinerlei Rechnung. Zehn Jahre später, in einem Zusatz von 1966, schreibt Lacan dies: »Effekt (des Signifikanten) so manifest, daß er sich fassen läßt hier wie in der Fiktion des entwendeten Briefes.
Deren Wesen ist, daß der Brief seine Effekte nach innen tragen konnte: auf die Akteure der Erzählung, darin einbegriffen der Narrator, ebensosehr wie nach außen: auf uns, Leser, und auch auf ihren Autor, ohne daß je jemand sich zu sorgen gehabt hätte um das, was er sagen wollte. Was von allem, was sich schreibt, die gewöhnliche Sorte ist.« (Ecrits, S. 56-57.)
Indem man also bis zu einem gewissen Punkt unterschreibt, muß man wieder präzisieren, daß von den Effekten auf den Narrator das Seminar nichts gesagt hat, weder tatsächlich noch im Prinzip. Die Struktur der Interpretation schloß das aus. Und was die Natur dieser Effekte angeht, die Struktur der Einbindung des Narrators, so sagt die Reue noch nichts, indem sie sich auf die Einvierung beschränkt, die durch das Seminar bewerkstelligt wurde. Was dies angeht, zu behaupten, daß in dieser Affäre alles passiert ist, »ohne daß je jemand sich zu sorgen gehabt hätte um das, was er (der Brief) sagen wollte«, das ist falsch in mehrfacher Hinsicht:
1° Alle Welt, wie der Polizeipräfekt zurückruft, weiß, daß dieser Brief, zumindest, etwas enthält, das »die Ehre einer Person von allerhöchstem Rang in Frage« stellt, wie auch ihre Sicherheit«: eine massive semantische Festlegung.
2° Dieses Wissen wird wiederholt durch das Seminar und stützt es auf zwei Niveaus:
a) Was das minimale und aktive Sagen-Wollen dieses Briefes angeht, so trägt es zu oder transkribiert es die Information des Polizeipräfekten: »Aber dies sagt uns nichts von der Botschaft, zu deren Vehikel er sich macht.
Liebesbrief oder Verschwörungsbrief, delatorischer Brief oder Instruktionsbrief, fordernder Brief oder Brief aus Herzensnot, wir können davon festhalten nur eines, nämlich daß die Königin ihn nicht zur Kenntnis ihres Gebieters und Herrn bringen kann.« (Ecrits, S. 27.)
Dies sagt uns das Wesentliche der Botschaft, als deren Vehikel er fungirt: die hierüber vorgebrachten Variationen sind nicht indifferent, selbst wenn sie darauf absehen, uns das glauben zu machen. In aller in Aussicht genommenen Hypothesen muß die Botschaft des Briefes (nicht nur sein Gesandt-Sein, seine Emission, sondern Inhalt des sen, was darin sich emittiert) den Verrat eines Paktes, eines »Treueeids« implizieren. Es war nicht wem auch immer untersagt, was auch immer für einen Brief an die Königin zu senden, noch dieser, ihn zu empfangen. Das Seminar widerspricht sich, wenn es, mit wenigen Zeilen Abstand, die Logik des Signifikanten und seiner literalen Stätte radikalisiert, indem es diese Logik in ihrem Sinn oder ihrer symbolischen Wahrheit anhält oder verankert: »Es bleibt, daß dieser Brief das Symbol eines Paktes ist.« Entgegen dem, was das Seminar sagt, (enorme Behauptung, durch die Blindheit, die sie herbeiführen könnte, aber unverzichtbar für die Demonstration), ist es wohl notwendig, daß alle Welt »sich zu sorgen gehabt hätte um das, was er (der Brief) sagen wollte.« Die Unwissenheit oder die Indifferenz bei diesem Subjekt bleibt minim und nebensächlich. Alle Welt weiß es, alle Welt beschäftigt sich damit, angefangen bei dem Autor des Seminars. Und wenn er nicht ein sehr bestimmtes Sagen-Wollen hätte, würde niemand so sehr fürchten, daß ihm noch einer untergejubelt wird, was der Königin ankommt, dann dem Minister. Wenigstens. Alle versichern sich, angefangen bei dem Minister, bis hin zu Lacan, über Dupin, daß es sich eben um den Brief handelt, der eben das sagt, was er sagt: den Verrat des Paktes, und das, was er sagt, »das Symbol des Paktes«. Es gäbe anders keinen »aufgegebenen. Brief: nämlich zunächst von dem Minister, dann von Dupin, endlich von Lacan. Alle überprüfen den Inhalt des Briefes, des »echten«, alle machen es so wie der Polizeipräfekt, der, im Moment wo er, gegen eine Belohnung, den Brief aus den Händen Dupins zurücknimmt, seinen Tenor kontrolliert: »Unser Beamter ergriff ihn in einer vollkommenen Agonie der Freude, öffnete ihn mit zitternder Hand, warf einen raschen Blick auf seinen Inhalt (cast a rapid glance at its contents), und indem er sodann Hals über Kopf zur Tür eilte, stürzte er ohne weitere Feierlichkeit aus dem Zimmer …«
Der Austausch des Schecks und des Briefes passiert über einer »escritoire«, (auf Französisch im Text), worin Dupin das Dokument verschlossen hat.
b) Was das Gesetz des Sagen-Wollens des entwendeten Briefes in seiner exemplarischen Allgemeinheit angeht: dies sind, noch einmal, die letzten Worte des Seminars. (»Es ist so, daß das, was >der entwendete<, ja >unzustellbare Brief< sagen will, ist, daß ein Brief immer ankommt am Schickungsort.«)

(30) Man kann sogar der Meinung sein, daß er der einzige ist, der in der Novelle »spricht«. Er hält den dominierenden Diskurs, mit einer Forfanterie, geschwätzig und belehrend, magistral in Wahrheit, Direktiven erteilend, die Richtungen weisend, das Unrecht wiedergutmachend, Lektionen austeilend aller Welt. Er verbringt seine Zeit und die der anderen damit, Korrekturen anzubringen und die Regeln zurückzurufen. Er postiert sich und adressiert sich. Allein die Adresse zählt, und die gute, die authentische. Was zukommt, gemäß dem Gesetz, dem, der zuständig ist. Dank dem Gesetzeskundigen, Führer und Rektor des rechten Weges. Der ganze entwendete Brief ist geschrieben, damit er ihn endlich zurückbringt, indem er einen Kurs abhält. Und da er sich gewiefter zeigt als die anderen, spielt der Brief ihm einen zusätzlichen Streich in dem Moment, wo er seine Statt und seinen wahrhaften Schickungsort erkennt. Er entgleitet ihm und täuscht ihn (Literatur auf der Hofseite) in dem Moment, wo er, das große Wort führend, sich sagen hört, daß er täuscht, indem er die Täuschung erklärt, in dem Moment, wo er den Schlag und den Brief zurückgibt. Er stimmt, ohne es zu wissen, sämtlichen Ansprüchen zu, doubelt, das heißt ersetzt den Minister und die Polizei, und wenn es nicht nur eine gäbe, Hypothese auf Urlaub, wäre das die schönste Düpierte der »Geschichte«. Bleibt zu wissen – quoi de la belle. II-l'adresse-la-Reine-l'adresse-la-dupe.