Die Zeit des Aufstands









1. Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber nichts ist notwendiger.

2. Die revolutionären Gesten gehören niemandem, sondern der Aufstand produziert eine Wahrheit für alle.

3. Die Wahrheit ist ein Prozess, der mit einem unvorhergesehenen und unberechenbaren Ereignis beginnt und sie damit in einen Bezug zu einer zeitlichen Kategorie stellt: der Zeit des Aufstands.

4. Die Zeit des Aufstands ist irreduzibel: Es gibt nur die pure Mannigfaltigkeit der Situation.

5. Die Mannigfaltigkeit geschieht durch ein Supplement, nämlich nicht durch das, was man weiß, sondern durch das, was man in einem Wagnis ins Unendliche tut.





"Dies ist bereits das, was wir jede Nacht tun, wenn wir uns der Welt der Träume überlassen. Die wichtigste Frage ist die, was wir durch diesen Sprung erreichen: ein Gefühl für die Katastrophe oder die Offenbarung neuer Umrisse des Möglichen?"
Félix Guattari: "Pour une refondation des pratiques sociales", in: Le Monde Diplomatique, 1992, S. 1.


"In der Revolution geht alles unglaublich schnell, so wie im Traume der Schlafenden, die von irdischer Schwere befreit scheinen."
Gustav Landauer: Die Revolution, 2003 (1907), S. 88.
Zunächst ist der Aufstand organisiert: Es gibt die Forderungen, die Darsteller_innen, die Freund_innen, die Feind_innen und schließlich die Mitläufer_innen. Sich artikulieren, Partei ergreifen, sich die Prinzipien aneignen und die Massen mobilisieren, das gehört zur Operabilität des Aufstands, der sich in der Zeit ausformt: Gegenwart, Bruch, Zukunft. In diesem linearen Kontinuum dient der Aufstand als Medium zur Veränderung - um vom Überkommenen in eine bessere Zukunft zu gelangen. Weil aber auf die eine oder andere Weise alles schon einmal geschehen ist und sich eine Veränderung immer an der Geschichte objektivieren muss, wird sich nie etwas ereignen oder es ist immer alles schon einmal geschehen. Da am Ende nur das Resultat zählt, ist der Übergang ohne Positivität: Die Veränderung hat keine Zeit in der linearen Zeit. Alles wartet weiterhin auf den Eintritt der Zukunft oder diese ist schon längst an die Vergangenheit verloren.

Der demos (Anteil der Anteillosen), der kein Recht hat, bis eben auf kein Recht zu haben, macht sich unstimmig vernehmbar: Halb argumentativ, halb poetisch, besteht er auf einen anderen Grund eines geläufigen Arguments. Das Ereignis und dessen nachträgliche Deklaration bilden den Zirkel in der Zeit, der es, als ein Gleichheitsereignis, in die gesellschaftliche Oberfläche einschreibt. Was ist, wenn die Zeit des Aufstands eine interrevolutionäre Zeit birgt, in der schon eine utopische Zukunft aufscheint? Mitten in der Revolution west ein ruhendes Auge: Die Menschen tanzen in der Fabrik, schlafen in den Universitäten, versammeln sich in Zelten und universalisieren ihr Schicksal: Die Identitäten geben sich preis und bilden eine transpolitische Gemeinschaft. Dies könnte man eine Haecceität - eine Diesheit - nennen: Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft, keine Opfer und keine Feinde mehr, nur die Diesheit der offenen Situation. Die offene, umstrittene, unbesetzte Macht begreifen wir als die Zeit des Aufstands.

Welchen Anspruch stellt die offene Situation, die sich der Operabilität des Aufstands entzieht? Im Ungewählten zu sein, heißt dem was eindringt - dem Drängen der Zeit (das, was sein muss und keine Zeit hat) Einlass zu gewähren. Es bedarf einer radikalen Ethik des Offenen, die das Ereignis um den Preis des Bestehenden bejaht. In der Zeit des Aufstands gibt es keine Identität, keinen Besitz, kein Territorium und keine Voraussetzungen mehr. Alles wird von der Geschwindigkeit des Aufstands absorbiert, angezogen und mitgezogen. Die Leere des Aufstands durchbricht die Asymmetrien, deterriorialisiert die Grenzen und zeigt, dass diese ohne Wahrheit waren.

Die Zeit des Aufstands erfordert, auf der Unmöglichkeit einer Totalität des Seienden zu insistieren, auf ein Sein als reine Vielfältigkeit, als Mannigfaltigkeiten von Mannigfaltigkeiten ohne ursprüngliche Einheit. Insofern keine immanente Begrenzung vom Einen her die Vielfältigkeit als solche bestimmt, gibt es kein ursprüngliches Prinzip der Endlichkeit. Das Vielfache kann also als Unendliches gedacht werden. Und da auch kein Prinzip das Unendliche mit dem Einen verbindet, gilt für das Denken des Ereignisses stets, dass es eine Unendlichkeit von Unendlichen, eine unendliche Streuung der unendlichen Vielfältigkeiten gibt. Oder anders: Die Unmöglichkeit der Totalität des Seienden bestimmt den Überschuss, in den sich der Aufstand stürzt. Daraus folgt, dass die Zeit des Aufstands auch eine "Zeit, die bleibt", ist: Das Ereignis.

Das Ereignis ist im Hinblick auf alle kommunitären Partikularitäten inkommensurabel. Es autorisiert sich durch keine Identität, und es konstituiert auch keine. Seine Wahrheit ist allen angeboten oder für jeden bestimmt, ohne dass irgendeine vorausgesetzte Zugehörigkeit dieses Angebot oder diese Bestimmung einschränken könnte. Die Zeit des Aufstands produziert eine Wahrheit als singuläre Universalität, einen ereignishaften Zusatz in der Situation, also einen immanenten Bruch. "Immanent", weil eine Wahrheit immer in der Situation auftritt und nirgendwo sonst. Die Zeit des Aufstands heißt deshalb - und vor allem -, die Prozedur der Wahrheit aufrechtzuerhalten, auch ohne äußere Bedingungen.










Plenum: 20.10.2010, 19h-21h
Reading: 23./24.10.2010, 14-18h

p-r-o-x-y steht nicht für ein Autorenkollektiv, sondern ist ein Begriff im Dienste einer Positionierung.
Von der Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden* aktualisiert in der Gartenstadt Atlantic (Heidebrinker Straße 21, Berlin-Wedding) eine diskursive Situation zur Erarbeitung einer Publikation.

*Michael Foucault: Was ist Kritik?,
Berlin 1992, S. 12.



Tiananmen
Das Unnennbare
Politik der Freundschaft
Aufruf

Manifest
Notizen Samstag
Edit this page