EDITORIAL #1


EINSATZ
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ERSTER PART
GOUVERNEMENTALITÄT: different, situativ, additiv
Formen repressiver Gewalt, Politik der Alternativlosigkeit,
Krise, Konflikt
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ZWEITER PART
POLITIK DES SCHREIBENS
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DRITTER PART
ZEITSCHRIFT: Wunsch, Telegrammatik
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VIERTER PART
EDITORIAL
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EINSATZ
Die Zeitschrift, dessen Editorial hier vorliegt,
versteht sich als eine Projektion, als das Projekt
einer Zeitschrift.
die Situation adressiert, die uns absolut bedrängt
den Situationen und Erfahrungen zu antworten,
die uns gemein sind und die uns zugleich trennen
GOUVERNEMENTALITÄT
überall sehen wir uns mit einer Politik der Alternativlosigkei
konfrontiert, einer Politik, die leicht in konkrete
repressive Gewalt, in Krisen und Konflikte übergeht
nimmt zahlreiche, einander scheinbar widersprechende Formen an
reiht aneinander, additiv
lässt sich nicht verallgemeinern
betrifft unsere Körper ganz verschieden stark
bezieht uns produktiv ins Regieren mit ein
sich nur innerhalb definierter und begrenzter
Rahmen auflehnen zu können,
während umgekehrt die gerade Regierenden
jederzeit das Register (national, ökonomisch,
konfessionell, ethnisch usw.) wechseln
Zur Repression, da fällt uns immer wieder auf,
dass diese Erfahrungen etwas Unabschließbares haben,
über Repressionen zu sprechen, hat immer etwas Additives,
die Repressionen lassen sich nicht auf einen Nenner bringen,
sind vielfältig und entziehen sich
der Verallgemeinerung und damit in gewisser Weise auch
einer treffenden Kritik.
aber unsere körper sinns ganz verschieden
stark repression ausgesetzt
und  u-bahn zu fahren, also alltägliche wege
sind für verschiedene körper verschiedene torturen,
das sind die blinden flecken der privilegien
d.h. die uns betreffen und die wir zugleich bedingen,
verkörpern, verantworten,
in deren Produktion und Kontinuität wir involviert sind
die Zeit, die Gefahr läuft,
sich nur noch auf sich selbst beziehen zu können,
wie eine zirkulierende Gegenwart
Lässt sich diese unbestimmte, aber allgegenwärtige Erfahrung von Repression noch teilen?
Die Erfahrung, mit der wir uns zunehmend vertraut machen ist,
dass, sobald wir uns anderen zuwenden, mit anderen empfinden,
uns sorgen, wünschen und trauern wollen,
wir abwägen müssen, ob wir uns in einer Gesellschaft,
deren beständiges Zählen niemals aussetzt, die Tage, Stunden, Wochen und Jahre leisten können,
in denen wir nicht konkurrieren.
In der Krise sein,
heißt auch, mit allen Formen der Androhung,
mit Szenarien des Verlusts und der Verschlechterung
unserer Lebensverhältnisse regiert zu werden,
indem wir uns selbst regieren.
Vielleicht ist das eine privilegierte Situation, von der wir aus sprechen,
aus der heraus es schwerfällt zu zu verstehen,
dass wir selbst diese Institutionen sind, selber die Hierarchien.
Und was fangen wir dann mit der Hoffnung an,
in der flüchtigen Zeit, die wir darauf verwenden können,
eine stabilisierende Schwelle zu erreichen.
Wenn es diese Erfahrungen und darüber diesen gemeinsamen Raum
und auch das Institutionelle nicht gibt,
es uns allen einzeln nicht möglich wird,
jemand anderem diese Sorge länger zu garantieren.

Die innere Grenze in uns, die effektiv verhindert,
Privilegien aufzulösen, da geht es an das,
was ist festgezurrt in unseren Körpern
ist mit der Zeit, das inkorporierte Wissen.
Unmöglich, die eigene Situiertheit aufzubrechen, ohne
direkt mit Sanktionen konfrontiert zu sein.
zu wissen,
alles, was über das gesellschaftlich Vorgegebene hinausgeht,
wird uns im gesellschaftlichen Sinn gefährden:
Wohlstand, Geld, Zeit, Privilegien sind gesellschaftlich
an dieses stille Einvernehmen gebunden,
dass keine Zeit da ist, die ohne Verlust/Sanktionierung
Und zugleich finden wir irgendwie gar nichts zu pessimistisch,
so viele Situationen, die ganz wenig lassen,
dass es immer mehr darum gehen muss,
zusammen mit dem ganzen horrible Zeug umzugehen.
Das ist sehr anstrengend und bedeutet auch Angst,
dass das alles nicht lange geht und alle auf Dauer auslaugen wird,
wenn das Kollektive nicht sich stärkt in den gemeinsamen Erfahrungen.
Dass sich bereit erklären, um zuhelfen, so viele Effekte auf das eigene Leben hat.
Zeit opfern, Geld und Kühlschrank und Gefühl teilen,
was in dieser Gesellschaft einer unmittelbaren Sanktionierung gleichkommt.
POLITIK DES SCHREIBENS
Wirkt und wenn, wie wirkt diese Politik der Alternativlosigkeit
ins zeitgenössische Schreiben hinein?
Ist/sind die krise/n unserer gesellschaft nicht auch (eine) des schreibens?
die Selbstverständlichkeit, mir der wir über Erfahrungen
in unserem Schreiben verfügen, die nicht uns gehören,
die wir vielleicht nicht mal machen,
was bedeutet das für unsere Kritik,
ihre gesellschaftliche Funktion, welche Arbeit der Übersetzung
und Aneignung findet so statt
d. h. Erfahrungen aneigbar zu machen, ohne zugleich
mit deren konkreten politischen, sozialen etc. Forderungen/Erfordernissen
auch konkret umgehen zu müssen
und dennoch: in welches Verhältnis setzen wir uns
im Schreiben zu diesen Erfahrungen
wie unsere Situierung mit ins Schreiben nehmen?
welche Arbeit am Ort des Autors
(Destabilisierung der eigenen Autorschaften zugunsten anderer),
der Situierung des Schreibens,
ist notwendig, um diesem Widerspruch zu begegnen?
wie würden wir angesichts dessen eine
Widerständigkeit des Schreibens denken,
diese minimale Solidarität aus der Berührung des Lesens?
Schreiben bedeutet eine Art archäologischer Tätigkeit, weil es
zwischen Leben, Gesetzeskraft und Gemeinschaft,
Einschreibung und Entschreibung eine Form sucht.
diese Archäologie
was bewirkt der archäologische Zug/Kraft (force) im Schreiben?
Erfahrung Zeitlichkeit
jedes Schreiben in die Produktion und Reproduktion
verwickelt ist, das unser Handeln prägt und ermöglicht,
inwiefern ist diese Tätigkeit archäologisch und
nicht bloß reproduzierend?
ein gemeinsames Wissen, ein fremdes Wissen,
Wenn es stimmt, das Schreiben uns verbindet,
ist ihm nicht gerade schon darum das Öffentliche eingeschrieben,
ehe es sich veröffentlicht,
ein gemeinsames Wissen, ein fremdes Wissen,
so wie wir im Öffentlichen einander berühren und fremd bleiben?
was aber wird da gewusst, implizit,
also immer auch reproduziert
Formen, deren Archäologie in jedem Schreiben
betrieben werden kann, eher vielleicht eine Ahnung
davon, dass jedes Schreiben, ungeachtet seines Inhalts,
weit in die Geschichte der Schrift eingelassen ist,
und diese Geschichte innige Beziehungen unterhält
zum Gesetz beispielsweise, dass in gewisser Weise
jedem Schreiben es offen steht, in diese Geschichtlichkeit einzugreifen,
sie ist im Schreiben offen sozusagen,
nichtabgeschlossen, sondern direkt zugänglich.
Und wenn Schreiben mit dieser Geschichtlichkeit unausweichlich
belastet ist und damit zugleich über all das
verfügt, was es braucht, in diese Geschichtlichkeit einzugreifen
ZEITSCHRIFT
die Zeitschrift, die zugleich einen Rhythmus hat, einen Pegel,
ein Stampfen
sie ist das sich wieder und wieder einfügen,
an einen Platz, der eigentlich nicht besteht
sie berichtet nicht nur,
sondern sie hält für einen Moment die Geschehen
offen über sie hinaus
Was heißt es heute, diese Praxis als Einzelner oder als Mehrere einzugehen?
Wie ist das Format der Zeitschrift
mit unserer Zeit verbunden, wie berührt sie uns
als Zeitgenossen, was macht sie zeitgenössisch?
Die Zeitschrift ist auch Medium der Wünsche
wie eine Vorstellung davon haben,
was alles geschrieben werden könnte,
was man alles noch schreiben sollte.
Phantasmatisches Instrumentarium, irgendwo zwischen Lesen und Schreiben,
als Wunschmaschine. Was, wenn wir dieses Wünschen als Archäologie
einer Zukunft verstanden wüssten?
Wie aber denken wir langfristig das Additive einer solchen Zeitschrift,
ihre redaktionelle Situierung, Nummer für Nummer, das Ansammeln praktisch?
Ist das Wünschen nicht darin verwandt, additiv zu sein,
in gewisser Weise unerfüllt zu bleiben in seinem Drängen?
wünschen, weil es einfacher, offener
mit allen gesellschaftlichen Maschinen Bindungen
eingehen kannin seinem projektiven Vermögen?
die Archäolgie der Wünsche ist zugleich auch Zukunftsarchäologie
indem sie das zum Gegenstand macht, was in der
Zukunft wirkt, auf welchen Bahnen unsere Wünsche
in den Situationen Resonanz bekommen
sind die Wünsche nicht selbst wie Chiffren
Chiffre eines Wunsches nach Widerständigkeit,
die intuitiv erfasst wird
Aber wissen wir, was es braucht, was bei euch
ankommen muss, um Gegenwart zu produzieren,
wie sich das Schreiben fortsetzt,
sich entschreibt durch die Situationen,
diese und diese und diese, endlose Addition der Wunschmaschine.
Weil die Gegenwart, unsere Gegenwart, selbst additiv und singulär sich vollzieht?
in der Gegenwart: Zeit für ein Schreiben einräumen,
das noch auf uns zukommt, von nah und fern zugleich
Wir brauchen Worte, die einfach sind, die wie das Telegramm
das Notwendige durchbringen.
Sich zu reduzieren, um das,
was unbedingt und unmissverständlich ankommen muss,
durch die Zeit zu bekommen
Etwas, das unmittelbar berührt im Lesen wie im Schreiben.
Das auch die Energie der Verwandlung mit sich bringen muss.
Vielleicht ist dieses Wünschen insofern korporal. Es erfasst die Körper.
Editorial ohne Zeitschrift
Ist das nicht der Wunsch jeder Schreibenden?
Nicht die Antwort zu erwarten, sondern im Schreiben zu imaginieren,
wie sich das Schreiben fort- und entschreibt in die Situationen?
Dieses Wünschen disseminiert noch den
Ort der Schreibenden.
Ein Editorial ohne Zeitschrift, das handelt auch davon,
was geschrieben, hätte geschrieben werden müssen in den konkreten, aber flüchtigen Situationen.
Wie schreibt man so einen Text, der andere Texte, die geschrieben hätten werden können und müssen,
imaginiert? Warum diese Imagination nicht geschriebener Texte schicken?
Man muss noch mal in Erinnerung rufen:
Das Editorial, jedes einzelne Editorial ist der Ort,
an dem sich eine Redaktion erklärt.
Um es vielleicht nochmals zu unterstreichen, erklären wir uns gewissermaßen im Konjunktiv.
Ein Editorial ohne Zeitschrift wendet sich in gewisser
Weise zugleich an die Schreibenden
und an die Lesenden.
Ist es nicht so, dass diese Lesenden, wenn das Editorial ohne Zeitschrift
immer auch den Ort des Schreibens, eines ausstehenden,
aber auch noch kommenden Schreibens
mitschickt, in die Zeitlichkeit des Schreibens geraten
sich dem öffnen, was noch geschrieben werden muss?
Oder zu schreiben gewesen wäre?
Wir haben uns gefragt, inwiefern dieses Editorial ohne Zeitschrift eine (und welche)
Form von Öffentlichkeit herstellt, herstellen kann,
Solidiarität, das, was man die Sache einer unbedingten Öffentlichkeit nennen muss,
das, was unbedingt und in gewisser Weise eben auch ohne Autor sein muss.
Vorstellung eines gemeinsamen Schreibens, das in gewisser Weise
untrennbar wäre von der Intervention ins Öffentliche
Schreiben als eine solidarische Handlung,
fast wieder so ein kindliches Bild vom Schreiben.
Eine Gruppe, die zusammenkommt. Was ist das für eine Sprache,
die in die Solidarität reicht? Das Teilen von Erfahrung zu praktizieren als Öffentlichkeit.
Die Notwendigkeit, mit der Zeitschrift eine
Bewegung der Schreibenden zu initiieren, die Öffentlichkeit wieder und wieder
herstellt, einfügt, produziert im Entschreiben.
DAS PROJEKT EINER ZEITSCHRIFT
Die Zeitschrift, dessen Editorial hier vorliegt,
versteht sich als eine Projektion, als das
Projekt einer Zeitschrift. Von welchem
Engagement zeugt ein Schreiben in der Zeit, aus und zu den Situation, adressiert
an die Geschehen, die uns bedrängen und wie man sagt, vor aller Augen
stattfinden und doch wie unbemerkt unsere Zeit passieren? Vielleicht ist das Verknüpft,
Verbunden Sein mit seiner Zeit, das, was uns jetzt interessieren
muss, gerade markiert vom Ausbleiben eines Effekts (des Garanten), als
Hinweis darauf, dass sich diese Verbindung, dieses Sich Bemerkbar Machen einen neuen Ort, eine neue Form sucht.
Dass sich aus dann aus dem Projekt
einer Zeitschrift als Mittel zum Denken und Schreiben heraus
dann ein Schreiben ergibt und adressiert, bedeutet
auch nach einer Verhandlung oder Um-Schreibung der
Bedingungen und Situationen zu fragen,
woraus sich eine "Gemeinschaft der Schreibenden" ereignet und
richtet.

(späteren Absatz) Wenn das Editorial der redaktionelle Ort ist, an
dem sich einschreibender Zusammenhang erklärt,
zugleich das Geschriebene gegenzeichnet, gewissermaßen im
Lesen signiert, dann handelt das Editorial ohne
Zeitschrift davon, was zu schreiben wäre, hätte
geschrieben werden müssen in den konkreten, aber flüchtigen
Situationen. Es anerkennt die eigene Verspätung, der noch
jeder Text ausgesetzt ist. Welches Schreiben,
welche Gemeinschaft der Schreibenden
bedingt aber eine Zeitschrift, die ihre Beiträge nur
imaginiert? Warum diese Imagination nicht
geschriebener Texte zurück, an die Lesenden schicken?
Unsere Zeit, die Zeit, die Gefahr läuft,
sich nur noch auf sich selbst beziehen zu
können, bestimmt sich durch eine Politik der
Alternativlosigkeit. Sie geht ebenso leicht über in Formen
konkreter Repression, in soziale Krisen und gewaltsame
Konflikte, wie jeder dieser Zustände
ohne Zeitverlust in ihr zur Normalität gerinnt.
Indifferent erfolgen ihre Wechsel von einem
zum nächsten Register. Sie erlauben
es, dieBrüche, Sprünge unserer Zeit
zu neutralisieren, ein additives Kalkül, das
uns, wie man weiß, produktiv ins Regieren einbezieht.
Durchdringt diese Politik der Alternativlosigkeit nicht
ebenso das zeitgenössische Schreiben? Längst
haben wir ihre Techniken der Normalisierung und Normierung
in uns aufgenommen, die subtile Gewalt der Sprache
unserer Kritik gegenüber immunisiert.
Unsere Körper aber sind ganz verschieden
stark Repressionen ausgesetzt. Alltägliche
Wege sind für verschiedene Körper
verschiedene Torturen. Daran, an dieser
Differenz, haben unsere Privilegien, die wir
gebrauchen, die wir verantworten, in deren
Produktion und Kontinuität wir eingebunden sind, teil.
Die innere Grenze in uns, die effektiv verhindert,
Privilegien aufzulösen, verläuft in unseren
Körpern, ist unser inkorporiertes Wissen.
Die Erfahrung, mit der wir uns vertraut machen,
ist, dass, sobald wir uns anderen zuwenden,
mit anderen empfinden, uns sorgen, wünschen
und trauern wollen, wir abwägen müssen,
ob wir uns die Tage, Stunden, Wochen und Jahre leisten
können, in denen wir nicht konkurrieren ?
selbst Schreiben braucht Zeit, unendlich viel
Zeit. Das umfasst eine Art permanenter Erpressbarkeit.
In unsererZeit zu leben, heißt auch,
mit allen Formen der Androhung, mit Szenarien
des Verlusts, der Gefährdung unserer Lebens-Formen
regiert zu werden. Unmöglich, die eigene
Situiertheit aufzubrechen, ohne direkt mit
Sanktionen konfrontiert zu sein.
Ist nicht jedes Schreiben implizites Wissen von unserer Gesellschaft?
Was aber wird da gewusst, explizit aber auch implizit, also
immer auch reproduziert, und was für
unser Schreiben, das für unsere Zeit zwischen Nähe,
Öffentlichkeit, Geschichtlichkeit, Einschreibung eine Form
sucht, unzählige Formen, deren Archäologie
in jedem Schreiben betrieben werden kann? Schreiben bedeutet eine Art archäologischer Tätigkeit,
weil es zwischen Leben, Gesetzeskraft und Gemeinschaft,
Einschreibung und Entschreibung ein Wissen sucht.
Sein archäologischer Zug trifft uns wie ein
zufälliges, fremdes Wesen, vielleicht einfach eine Ahnung
davon, dass jedes Schreiben, ungeachtet seines Inhalts, weit in
die Geschichte der Schrift eingelassen ist, und diese Geschichte
innige Beziehungen unterhält zum Gesetz
beispielsweise, aber auch mit unseren Lebens-Formen oder
zu dem, was man den öffentlichen Raum nennt,
und dann, dass in gewisser Weise jedem Schreiben
es offen steht, in diese Geschichtlichkeit einzugreifen, sie ist im Schreiben offen
sozusagen, nicht abgeschlossen, sondern direkt zugänglich, aber eher
noch wie eine Vorstellung davon haben, was alles geschrieben
werden könnte, was man alles noch schreiben sollte. Insofern berührt die immanente Archäologie
der Schreibenden das, was unsere Erfahrungen,
die Situationen, in denen wir leben, bedingt,
dieses inkorporierte Wissen einer Zeit,
der wir angehören. Phantasmatisches Instrumentarium
- irgendwo zwischen Lesen und Schreiben - als Wunschmaschine.
Was, wenn wir unsere Wünsche als Archäologie
einer Zukunft verstanden wüssten? So wie unsere
Praxis der Kritik Gegenstand unsere Archäologie des
Schreibens sein muss. Die Archäologie der
Wünsche ist zugleich auch Zukunftsarchäologie, indem
sie das zum Gegenstand macht, was in der Zukunft wirkt,
auf welchen Bahnen unsere Wünsche in der Situation Resonanz bekommen. Aber wissen wir, was es braucht, was bei euch ankommen muss, um Gegenwart zu produzieren, Lesbarkeit zu erzeugen, die
emanzipiert. Nicht die Antwort zu erwarten,
sondern beim Schreiben zu imaginieren, wie sich das Schreiben
fortsetzt, sich entschreibt durch die Situationen
als Ereignis, diese und diese und diese, endlose
Addition der Wunschmaschine. Vielleicht eine neue Form,
die nicht nach Maßgabe der bestehenden
Gesetze, sondern erst in Zukunft verstanden werden kann.
Üblicherweise ist das Editorial der Ort, an dem eine Redaktion
sich erklärt, also ihre Entscheidungen und
ihr Anliegen, die zur aktuellen Ausgabe geführt haben.
Und jetzt ist das Editorial das Projekt einer Zeitschrift
geworden, und beginnt als Ort der Programmierung,
Imagination, Narrativ und Wunsch für ein kommendes Schreiben.
Diese Beschränkung ist für uns auch insofern interessant,
weil sie eine Verschiebung bedeutet: statt zu schreiben, was in der Welt
geschieht oder was zu tun wäre, angesichts dessen,
was geschieht, schreibt dieses Editorial eher,
was zu schreiben gewesen wäre, und das müsste anschließen
an das Schreiben als Ort einer Verwandlung selbst.
Wenn das Editorial der redaktionelle Ort ist, an
dem sich einschreibender Zusammenhang erklärt,
zugleich das Geschriebene gegenzeichnet, gewissermaßen im
Lesen signiert, dann handelt das Editorial ohne
Zeitschrift davon, was zu schreiben wäre, hätte
geschrieben werden müssen in den konkreten, aber flüchtigen
Situationen. Es anerkennt die eigene Verspätung, der noch
jeder Text ausgesetzt ist. Welches Schreiben,
welche Gemeinschaft der Schreibenden
bedingt aber eine Zeitschrift, die ihre Beiträge nur
imaginiert? Warum diese Imagination nicht
geschriebener Texte zurück, an die Lesenden schicken?
(:div2 class="wsrow":)
Die Selbstverständlichkeit, mit der unsere Formen des
Schreibens über konkrete Erfahrungen und
Situationen verfügen, ungeachtet, ob sie ihnen
zugehören oder nicht, bezeichnet den
gesellschaftlichen Mechanismus unserer Kritik. Wenn wir
uns den sozialen Bewegungen zuwenden,
ihre widerständigen Momente erzählen, die emanzipatorischen
Ereignisse übersetzen, hat unser Schreiben
immer schon Anschluss gefunden an die zahllosen
Ökonomien des Wissens, akademische, politische,
journalistische usw. Wir sind mit der Notwendigkeit
konfrontiert, den Bewegungen der Einschreibung
ein Moment des Entschreibens hinzuzufügen,
den destruktiven Druck der Normierungs- und
Normalisierungsfunktion außer Kraft zu setzen.
Dass sich dieses Moment aus dem Projekt
einer Zeitschrift gibt, adressiert,
erfordert auch, den Ort des Autors und die Situierung
unserer Arbeit des Schreibens zu verhandeln.
Wenn es stimmt, das Schreiben uns
verbindet, ist ihm nicht gerade deshalb immer schon
das Öffentliche eingeschrieben, ehe es sich
veröffentlicht, ein gemeinsames Wissen, ein fremdes Wissen,
so wie wir im Öffentlichen einander berühren und
fremd bleiben? Und wie würden wir eine Widerständigkeit
des Schreibens denken, wenn nicht zumindest
über die minimale, fremde Solidarität aus
der Berührung des Lesens? Um uns zu den
vereinzelten, aber zugleich allgegenwärtigen Erfahrungen
konkret zu verhalten, müssen wir auf diesem
unvorhersehbaren Kontakt im Schreiben bestehen.
Was ist das für ein Wunsch, was für eine Sprache,
die in diese Solidarität und diese Telegrammatik
einer ausstehenden Zeitschrift reichen?
Entlang der Grenze zu schreiben, wo die
Symbole der Diskurse unterlaufen werden,
bedingt in jedem eine Handlung der Schreibenden
und Lesenden, die sich ins Schreiben und Lesen
drängen, um so etwas herzustellen, dass man
Öffentlichkeit nennen könnte. Die Zeitschrift,
die zugleich einen Rhythmus hat, einen Pegel,
ein Stampfen, sie ist auch das, was
sich wieder und wieder einzufügen weiß, an
einen Platz, der eigentlich nicht besteht. Sie
berichtet nicht nur, kommentiert, analysiert,
sondern sie hält für einen Moment das Geschehene
offen über es selbst hinaus. Nummer
für Nummer verbindet sie sich mit unserer
Zeit, geht mit ihr unvorhersehbare Bindungen ein.
Ist das nicht impliziter Wunsch der Schreibenden?
Nicht die Antwort zu erwarten, sondern im Schreiben zu imaginieren,
wie sich das Schreiben fort- und entschreibt in die Situationen?
Dieses Wünschen disseminiert noch den
Ort der Schreibenden. Selbst die
Zeitschrift ist ein Medium der Wünsche,
implizite Vorstellung davon,
was alles geschrieben werden könnte,
was alles noch zu schreiben wäre,
irgendwo zwischen Lesenund Schreiben.
Wünschen, weil es einfacher, offener,
mit allen gesellschaftlichen Situationen Bindungen
eingehen kann in seinem projektiven Vermögen.
Chiffre eines Wunsches nach Widerständigkeit,
die schon intuitiv erfasst ist.
Zeit für ein Schreiben einräumen,
das noch auf uns zukommt, von nah und fern zugleich.
Wir brauchen Worte, die einfach sind,
die wie das Telegramm das Notwendige
durchbringen. Sich zu reduzieren, um
das, was unbedingt ankommen muss,
durch die Zeit zu bringen.
Etwas, das unmittelbar berührt
im Lesen wie im Schreiben. Das auch
die Energie der Verwandlung mit sich bringen muss.
Vielleicht ist dieses Schreiben insofern korporal.
Es erfasst die Körper.