Entwurf für ein Editorial


 





Schreiben als Archäologie
Schreiben bedeutet eine Art primärer Politik, weil es
zwischen Leben, Gesetzeskraft und Gemeinschaft,
Einschreibung und Entschreibung eine Form sucht.
diese Archäologie zeigt auch, wie die Gesetzeskraft
funktioniert, wie wir leben
und in welchem Dispositiv leben wir eigentlich?
und um zu zeigen, dass Schreiben
immer in das Werden der analysierten
Strukturen involviert ist, nicht wie
von Außen darauf Bezug nimmt, oder
Engagement ist, das aktiv durch Schreiben
die Verhältnisse ändern will, also diese
archäologische Performanz des Schreiben denken
Situierung mit ins Schreiben nehmen
um klar zu machen, aus welcher Subjektposition
wir sprechen
wir sprachen auch darüber eine situation zu deklarieren
z. B. post occupy
Rahmung des Sprechens sichtbar zu machen, um sich von
ihr loszusagen, und sich an das Gesagte
zu binden
Archäologie der Wünsche
dass wir unsere Situierung mit ins Schreiben nehmen, eine art
Arächologie der Wünsche zu betreiben, als eine Einladung,
sie nicht einfach zu postulieren als ein Recht,
sondern sie als Produktionsmaschine zu untersuchen
die Archäolgie der Wünsche ist zugleich auch Zukunftsarchäologie
indem sie das zum Gegenstand macht, was in der
Zukunft wirkt, auf welchen Bahnen unsere Wünsche
in der Situation Resonanz bekommen
konkrete Situationen repressiver Gewalt
überall sehen wir uns mit einer Politik der Alternativlosigkeit
konfrontiert, eine Politik, die ebenso leicht in konkret
repressive Gewalt, sei es als Gewalt im Inneren (wie Gewalt nach
Innen und gegen Einzelne als Vereinzelte gerichtet ist und singularisiert; Sicherheitsstaat) oder
als kriegerische Aggression zwischen Staaten, und als abstrakter Mechanismus der Ökonomie
und seiner sozialen Verwerfungen sich aktualisiert
Krise umfasst auch, dass wir mit allen Formen der Drohung,
des drohenden Szenarios, eine Szenarios des Verlusts, der Verschlechterung
unserer Lebensverhältnisse konfrontiert und regiert werden
als eine allgemeine Kondition des Schreibens begreifen
(nicht als thematische Setzung)
Singularität der Situation und die Bruchlinen, dass es da kaum
einen Übergang praktisch gibt, also die Vereinzelung in der Erfahrung
und die Schwierigkeit der Solidarität;
Widerspruch zwischen allgemeiner Unterdrückung und konkreter Situation
Renationaliserung, Migration, Postdemokratie, Austerität, Sexarbeit (die Aufzählung
sollte noch genauer und umfassender sein): in all diesen Bewegungen
gibt es auch eine Paralelle; es geht darin um eine
unsichtbare Verknüpfung zwischen Biopolitik und Rechte auf Begehren
in den konkreten Situationen das Funktionieren der Gesetzeskraft zu beschreiben,
ohne die konkrete Realität oder Singularität (der Erfahrung)
dieser Situationen aufzugeben; das hat vielleicht
mit einem Registerwechsel des governementalen Blocks zu tun,
Regierung wechselt nach Belieben das Register (national, ökonomisch, konfessionell, ethnisch usw.)
und dass Schreiben sich in diesem Widerspruch aufhält oder
diesen Bewegungen, mittels derer Realität umgeschrieben wird
Telegrammatik
Die erste Technik die Schrift, Übermittelung, die Einfügung
einer Differenz, in das was waltet, damit es
ankommt und weiterkommt. Notwendigkeit, sich auf das Entscheidende
zu reduzieren, um die Nachricht durchzubekommen (Sci-Fi);
sind die Wünsche nicht selbst wie Chiffren,
die ein Jetzt der Lesbarkeit (Editorial der
kommenden Schreibenden) blitzhaft erzeugen;
sich auf die einfachste Form des Ausdrucks
zu reduzieren, um das, was unbedingt und unmissverständlich
ankommen muss, durch die Zeit zu bekommen
Schreiben/Veröffentlichen als böser Blick
unser Problem ist doch, dass wir im Schreiben zwar konkrete Situationen
repressiver Gewalt adressieren, mit denen wir
im Schreiben aber nicht mehr zu tun haben,
als sie zu benennen, vielleicht zu analysieren
radikal am Schreiben ist die Bindung ans Reale mit der zugleich
entrückenden/magischen Gewalt der Imagination
vielleicht gehört da auch der böse Blick dazu, mit magischen Kräften ausgestattet
der eine Differenz in die konkrete Situation einführt,
etwas, das vielen als Erfahrung gemein ist
(wenn man in bestimmten Situationen sich eine Widerständigkeit wünscht,
die nur durch den bloßen Ausdruck, nicht diskursiv ist,
weil der Bereich des Sagbaren determiniert ist, nicht durchdringbar, nicht rezeptiv
ist doch zugleich Imagination, weil in diesem Moment die Möglichkeit
einer Widerständigkeit intuitiv erfasst wird, die (Archäologie)
den Grund dessen berührt, was die eigene Ohnmacht bedingt;
sie hat aber weniger mit einer konkreten Utopie zu tun als mit
der bloßen Erfahrung der Vorstellungskraft, von der man eine Erfahrung macht in dem Moment
und ihrem Eingebundensein in die Verhältnisse, deren sie Grund berührt
also den Umstand, dass sie konventionell sind, auch zufällig
der böse Blick hat mit dieser Berührung zu tun
das Schreiben braucht auch die Berührung
Und dieser Wunsch nach einer Widerständigkeit angesichts der eigenen Ohnmacht
einem übermächtigen Zusammenhang gegenüber. Die Ohnmacht, um die es geht,
ist eine des Sagbaren und Vernehmbaren, und da tritt der Wunsch des bösen Blicks auf,
im buchstäblichen Sinn also, der vielleicht etwas mit der Frage der Dissemination
zu tun, die hier als begehrte Praxis auftaucht und das Bedeuten
als Zerstreuung und vielleicht auch als Ansteckung funktioniert.
Also eine Ausbreitung, unberechenbar, addierend, sich fortsetzend und eine eigene Dynamik entfaltend.
Ist das nicht der Wunsch jeden Schreibers?
Nicht die Antwort zu erwarten, sondern beim Schreiben zu imaginieren,
wie sich das Schreiben fortsetzt, sich entschreibt durch die Stadt,
die Situation, diese und diese und diese, endlose Addition der Wunschmaschine.
Zeitschrift als Wunschmaschine
Die Zeitschrift ist nicht einfach ein Medium der Vermittlung, Übermittlung
und Übersetzung der Geschehen, sondern sie ist auch ein
Medium der Wünsche (die in es hineinprojeziert werden).
phantasmatisches Instrumentarium als Wunschmaschine
was, wenn wir unsere Wünsche als Archäologie einer Zukunft verstanden wüssten?
So wie unsere Praxis der Kritik Gegenstand unsere Archäologie des
Schreibens gewesen wäre; unsere Wünsche als Zukunftsarchäologie;
aber wissen wir, was es braucht, was bei euch
ankommen muss, um Gegenwart zu produzieren, Lesbarkeit zu erzeugen,
die emanzipiert
Entschreiben
Entschreiben ist exemplarisch (d. h. auch Spur kommender Gemeinschaft, aber doch
keine Kritik zur Identitätsstiftung einer neuen Linken);
eine befremdliche Attraktivität ohne Namen
Nichtadressierbarkeit mit Beziehungsarbeit beantworten (Bewusstsein für diese Arbeit);
(psychedelisch) neue Form, die nicht nach Maßgabe der bestehenden Gesetze,
sondern erst in Zukunft verstanden werden kann
Die Zeitschrift als etwas, das periodisch ist, eine
Frequenz des Wiederkehrens ein Moment des Rhythmus,
der Ereignishaftigkeit darin und doch eine Zeitschrift, die sich von der
Ereignisgeschichte abwendet und einem anderen Schreiben, einem Entschreiben (Fluchtlinie) zugewandt ist;
ein singuläres Moment, das der Verbindlichkeit der Redaktion sich entzieht,
dem Redaktionellen, das auf die Festschreibung des ZUSTANDS drängt.
Die fieberhafte Tätigkeit des Schreibens und Nicht-Schreibens,
also die Zeitschrift, die zugleich einen Rhythmus hat, einen Pegel,
ein Stampfen. Sie operiert in einer Frequenz der Wiederkehr.
Es ist nicht der Moment eines Beschlusses, sie ist das sich wieder und wieder einfügen,
an einen Platz, der eigentlich nicht besteht.
Was heißt es heute, diese Praxis als Einzelner oder als Mehrere einzugehen?
Editorial ohne Zeitschrift
Wir haben das Projekt einer Zeitschrift als ein Art Editorial begonnen
zu denken, weil sich dort Programmierung, Projektion, Diagnose, Imagination,
Narrativ, Wunsch, Schreiben und Lesen sich zu einer projektierenden
und zugleich editierenden Signatur versammeln.
Das Editorial ist die editierende Stelle, wo sich
ein Zusammenhang konsturiert und verantwortet, eigentlich die
Zeitschrift schreibt, als eine Vision, aber auch
als Versuch eine Situation, gar die Abwesenheit von
Situation überhaupt, zu deklarieren.
kollektives Editorial, das auf eine Weise immer auch davon handelt,
was geschrieben, hätte geschrieben werden müssen in den Situationen
(wie schreibt man so einen Text, der andere Texte, die geschrieben hätten werden können und müssen,
imaginiert ? warum diese Imagination eines nicht geschriebenen Texte schicken?)
Editorial ist der Ort, an dem sich die Redaktion erklärt; es produziert Imagination
zu schreibender Texte, einer kommenden Zeitschrift
(die nie erscheinen wird, dadurch aber in gewisser Weise in/mit Vorstellungskraft schon erschienen ist);
schreibende Anonyme des Vorstellens
inwiefern stellt dieses Editorial ohne Zeitschrift eine (und welche) Form von Öffentlichkeit her,
vielleicht die Erfahrung einer unbedingten Öffentlichkeit, Öffnung in etwas Unbestimmtes,
das zugleich als Erfahrbares gegenwärtig ist (Intersektion der Zeit der Gegenwart)
Öffentlichkeit
eine Sache einer unbedingten Öffentlichkeit nennen muss,
das was unbedingt und ohne Autor sein muss, anonym
ok De-Konstruktion von Öffentlichkeit
Zwischen Lesen und Schreiben wirkt eine Anonymisierung, die mit Öffentlichkeit
zu tun hat. Vorstellung eines gemeinsamen Schreibens, das in gewisser Weise
untrennbar wäre von der Intervention ins Öffentliche (die Forderung
nach einem anonymen Schreiben läuft parallel mit dem politischen Engagement im Öffentlichen),
das ist eigentlich komplexer, weil zugleich so etwas wie ein Anonym der Schreibenden Einsatz findet,
und eine Signatur, allerdings als Unterzeichnende, die eher so etwas wie Bekräftigung
des Geschriebenen ist, ohne den Ort der Autorschaft einzunehmen
(sie fügen sich eher dem Gesagten hinzu wie dessen
erste Leser)
das Unterzeichnen, das in die Spur des Lesens versetzt
Das Verhältnis von Signatur und Anonymität zeigt sich
unmittelbar in der Geste des Unterzeichnens, und es
ist das Echo auf das Verhältnis von Schreibenden und Lesenden
(als ob die Unterzeichnenden schon die Lesenden wären und nicht mehr
einfach den Schreibenden angehören, also sich
im Unterzeichnen schon Öffentlichkeit herstellt*).
Das Aonym ist sozusagen das intime Verhältnis,
das paradoxerweise Öffentlichkeit hergestellt wird, statt, dass es Öffetnlichkeit einfach
als vorhandende natürliche Größe adressiert.
deswegen das Anonym als Frage, weil darin nicht nur
die Zeitlichkeit von Öffentlichkeit eingefügt wird,
sondern auch eine Unterbrechung der Aufteilung des Sprechens usw.
Schreiben als Archäologie
Noch mal: Inwiefern begreifen wir Schreiben als archäologische
Tätigkeit und diese Tätigkeit als Politik?
Meinen wir damit Schreiben im Allgemeinen bezogen
auf die Gesellschaften, in denen wir leben und arbeiten?
Gleich, ob wir uns auf akademische Institutionen, das journalistische Schreiben
oder aber die Alltäglichkeit privater Korrespondenzen, die Literatur,
den Gebrauch von Schrift in ökonomischen Zusammenhängen beziehen?
Welche sozio-politische Archäologie betreibt jeder Akt des Schreibens,
in welche gesellschaftliche Produktion und Reproduktion sind wir eingelassen,
wenn wir schreiben, und das unabhängig davon, welcher Frage die Schreibenden nachgehen?
Oder geht es uns um eine besondere Form des Schreibens mit dieser Formulierung?
Wenn aber jedes Schreiben in die Produktion und
Reproduktion des Dispositivs (Ist das ein guter Begriff an dieser Stelle?)
verwickelt ist, das unser Handeln prägt und ermöglicht,
wie genau müssen wir dieses Verhältnis denken?
Auf welche sozio-politischen Effekte (Welche anderen noch?) des Schreibens
berufen wir uns, wenn wir schreiben? Inwiefern greift Schreiben
in die Fabrikation der Wirklichkeit ein?
Welche Archäologie der Kräfte- und Interessenverhältnisse unserer Zeit
betreibt jedes Schreiben? Und inwiefern wird
diese Tätigkeit archäologisch und nicht bloß reproduzierend?
Wir müssen einerseits das Dispositiv benennen,
in dem wir leben und das unsere diversen Formen des Schreibens bestimmt
(gehört da unser Begriff des Lebens, die Produktion und Reproduktion von Subjektivität,
Reinstituierung der Gesetzeskraft, Rekonstituierung von Gemeinschaft dazu)
und andererseits markieren, an welcher Schwelle dieses Dispositiv
(dieser Gouvernementalität), seiner Fügung, wir die Politik des Schreibens situieren
können müssen, als archäologische Spur und als diese Wunschmaschine.
Etwas anderes, das mir noch in den Sinn kam:
Wenn die Zeitschrift weder an der Selbstvergewisserung und Reproduktion linker Identitäten teilhaben
wird noch an einer Einschreibung in den akademischen Diskurs interessiert ist,
aber ebenso wenig das Klischee oder Simulakrum von Öffentlichkeit bedienen möchte,
an wen ist sie dann konkret und praktisch adressiert?
Wir hatten diese Frage im letzten Treffen in Zürich schon kurz miteinander besprochen
und bestimmt, dass die Zeitschrift als Editorial ohne Zeitschrift in gewisser Weise
zugleich nach Innen, an die Schreibenden, und nach Außen,
an die Lesenden sich richtet. Ein Aufruf an Schreibende und Lesende zugleich,
wobei diese Begriffe in eine Zone der Ununterscheidbarkeit treten, einander aufheben,
in so etwas wie Öffentlichkeit.
Mir kam dann einerseits in den Sinn, wenn die Zeitschrift keinem Thema
und keiner gesellschaftlichen Identität verpflichtet ist,
dass sie eher so eine prismatische und konzentrierte Brechung des Lichts
jener Realität ist, die durch die verschiedenen gesellschaftlichen Machtblöcke (wie soll man das nennen:
die Medien, Verlautbarungen, Propaganda, Soft Power) in ihren unentwegten Strömen erzeugt wird.
Eine Verdichtung, die selbst wie ein Dispositiv fürs Schreiben und Lesen funktioniert.
Als ob man die Lesenden auf Kurs halten wollen würde
durch so ein konzentriertes Editorial in ihren zahllosen Begegnungen mit unserer Zeit.
Andererseits habe ich dann wieder gedacht, dass wir die Zeitschrift zwar als internationales Projekt konzipieren,
aber adressiert an den deutschsprachigen Raum denken sollten.
Das wirft noch mal andere Fragen nach der Situierung und den Effekten in Bezug auf die Wiederanenteignung
von Öffentlichkeit auf und die Einschreibung in gesellschaftliche Zusammenhänge.
Ich hab dann gedacht, statt immer an die widerständigen Kontexte zu denken,
ist es vielleicht besser, einen unbestimmten Begriff von Öffentlichkeit auch praktisch zu behaupten.
Das schließt dann wortwörtlich alle möglichen Adressaten mit ein.
Situierung mit ins Schreiben nehmen
In gewisser Weise geht der behauptete archäologische Zug im Schreiben
in die Deklaration der Subjektposition über: Wie aber wird das in der Zeitschrift konkret?
Einerseits passt das zum deklarierenden Gestus des Editorials, dass die Redaktion sich erklärt,
andererseits, wenn es nicht klar ist und präzise in seiner Analyse,
hat es leicht auch ein beliebiges Moment, das die eigene limitierte Perspektive vorab sich selbst verzeiht.
Also um welche Kriterien geh es hier, wenn wir von der Subjektposition sprechen ? soziale, politische?
Zumal wir keine Subjektposition formulieren könnten, die für unsere Gruppe steht.
Das wäre dann eher wieder die Situation, aus der heraus die Zeitschrift zustande kommt.
Und wie wirkt sich das aufs weitere Schreiben aus?
Reicht es, diese Situierung in zwei, drei Sätzen offenzulegen
Oder versprechen wir uns von dieser Arbeit, die Bedingungen unserer schreibenden Gruppe zu vergegenwärtigen,
noch einen anderen Einfluss auf das Verfassen und Schicken? Und brauchen wir hier schon
diesen Gedanken einer Entschreibung, diese Notwendigkeit, sich von der Situation, die das Schreiben bedingt, loszusagen?
Die Entschreibung folgt doch eher einem anderen Kalkül.
Archäologie der Wünsche
Wie sind wir auf das Phänomen des Wunsches gekommen?
Welche Möglichkeit, Performanz, Potentialität hat uns daran interessiert?
Und um welche Wünsche ist es uns gegangen, welches Wünschen,
um Wünsche, die sich auf die allgemeine soziale oder politische Situation in unseren Gesellschaften beziehen,
die Zukunft der Gemeinschaften, des glücklichen Lebens der Einzelnen?
Welche zeitliche Struktur hat der Wunsch undwelches Verhältnis zwischen
bestimmt/unbestimmt darin, des Künftigen in seiner Bindung ans Gegenwärtige?
Wie genau streckt, bezieht, der Wunsch die Gegenwart auf eine Zukunft hin?
Welche Kluft gibt sich im Wunsch, und in die Gegewart?
Und wenn wir von einer Archäologie der Wünsche sprechen,
um welchen Möglichkeitsraum geht es dann, welches Handlungspotential gerinnt aus einer Archäologie der Wünsche?
Was heißt es, eine Archäologie der Wünsche zu betreiben?
Statt nach der Intention, nach der Logik des Wunsches zu fragen?
Wir projezieren zwar unser Wünsche in die Zeit, die kommen mag, die wir uns erwünschen,
aber auch da sind sie hinterlassen in der Zukunft,
sodass sie mit archäologischen Methoden gelesen werden können.
Das Interessante wäre aber, sie nicht zu bewerten, zu prüfen oder zu kritisieren,
sondern ihre Logik aufzuspüren. Inwiefern übergeht das Wünschen ins Geschichtliche?
Die Frage, die uns interessiert ist also nicht das Skandalöse,
sondern das Immanente im Wunsch, seine Produktionsmaschine.
Wie könnte man sich die konkrete Arbeit oder Methode
dieser Zukunftsarchäologie vorstellen? Würde das nicht selbst
schon einen visionären Wunsch implizieren, eine imaginäre Produktion?
Und inwiefern hatdies schon mit dem Schreiben, mit dem Projekt,
der Projektion einer Zeitschrift zu tun?
Konkrete Situationen repressiver Gewalt
Vielleicht müssen wir hier den spekulativen Charakter, das Vorläufige
dieser Setzungen einer verallgemeinerten Situationsbeschreibung herausstellen
und zugleich nochmals kritisch befragen, ob eine solche kaum
zu verallgemeinernde Aufzählung und Benennung annähernd der Realität gerecht werden kann,
angesichts der Zunahme asymmetrischer Konflikte, dem Zerfall nationalstaatlicher Gebilde oder
deren Beanspruchung zur Durchsetzung privatwirtschaftlicher Interessen,
der Rückkehr repressiver Regierungstechniken und einem Kapitalismus,
der immer dynamischer das individuelle wie gemeinschaftliche Leben in die Mechanismen
der Verwertbarkeit einbegreift. Worauf zielt diese Benennung?
Statt einer aktualisierten Analyse kapitalistischer Gesellschaften?
Müssen wir die Zeitschrift, um die Frage der Solidarität aufzuwerfen
(wenn wir sie aufwerfen wollen),
von dem Widerspruch einer global agierenden Gouvernementalität, die aber immer nur
situativ erfahrbar wird, denken? Darin hatten wir die Frage der Ohnmacht verortet
und ihren Zusammenhang mit der Vorstellungskraft
gegenüber der Alternativlosigkeit als eine entscheidende Technik des Regierens in unseren Gesellschaften.
Wirkt und wenn, wie wirkt diese Politik der Alternativlosigkeit
ins zeitgenössische Schreiben hinein? Wie determiniert die Gouvernementalität
den herrschenden Sprachgebrauch, durchdringt das Sagbare und Sichtbare?
Der böser Blick als Chiffre eines Wunsches nach Widerständigkeit,
die intuitiv erfasst wird? Welche Bewegung setzt
die Zeitschrift in Gang, welche Widerständigkeit oder Erfahrung, die zugleich
jede Einzelne angeht, aber eben schon dort, wo die Vereinzelung
aufgegebenwird? Wie Solidarität als Schreibende?
Telegrammatik
Grammatik des Künftigen
von der Zukunftsarchäologie der Wünsche kommen wir zurück zur Grammatik,
zur Syntax und zeitlichen Struktur der Sprache, Erfahrung von Sprache.
Die Telegrammatik ist das Scharnier, Schwelle zum Editorial als Form.
Um es in Erinnerung zu rufen: das Wenige, was durchkommt,
die konzentrierte und auf das Entscheidende reduzierte Form
(ohne, dass wir behaupten könnten oder wollten zu wissen,
was die entscheidenden Fragen, Erfahrungen, Positionierungen etc. gegenwärtig sind).
Mit Blick auf die uns fehlenden Praktiken zur Solidarität, die fehlende Möglichkeit,
unsere oftmals ähnlichen, aber zugleich uns trennenden Erfahrungen der
Repression, Erschöpfung, Ohnmacht, Widerständigkeit, Momente des Kollektiven, emanzipativer Politik etc.
zu teilen. Warum diese Reduktion, diese Selbstbeschränkungund welche Chiffren?
Wie wird dieser chiffrenhafte Zug für die lesenden Schreibenden als
Intensität der Zeitschrift erfahrbar? Welche Grammatik braucht es?
Konzentriert, reduziert, aber auch von weit her kommend, immer in der Gefahr,
trotz der zeitlich minimalen Differenz der Übermittlung eine
unverständliche Aneinanderreihung von Worten zu bleiben
nicht dechiffrierbar, die Übersetzung des Codes in eine funktionierende Syntax gelingt nicht.
Welche Arbeit der Vorstellungskraft beansprucht diese Grammatik?
Was bekommt man durch und welche Einfügung betreibt die Telegrammatik
in der Gegenwart: Zeit für ein Schreiben
(politischer Manifeste, konstituierender Texte, sozialer Kontrakte)
einräumen, das noch auf uns zukommt, von nah und fern zugleich?
Und all diese Momente zusammengenommen:
Was für ein Verständnis von Zeitschrift schlägt das vor?
Bringt uns der böse Blick weiter?
Dieser Exkurs auf die Imagination und Ohnmacht als ein möglicher Anlass, Einsatz
unserer Arbeit der Zeitschrift? Müssen wir den bösen Blick,
statt aus den schon politischen Situationen, nicht eher von den alltäglichen Ereignissen
her denken? Crack-up im Büro, Verwerfungen in Beziehungen, die flüchtig nur im Alltag
(Bahn, Supermarkt, Behörden) durchscheinen, die Unterbrechungeiner minimalen Differenz?
Gern als Symptom eines Mangels an Solidarität interpretiert,
als Ausdruck einer zwangsläufig individualisierten Form strukturell
bedingter Gewalt, negativ besetzte Emotionen, Affekte usw.
Der böse Blick, der die Wirklichkeit durchdringen mag, manifestiert,
dass er sich nicht für dumm verkaufen lässt,
trotz seiner Entsagung, gerade der Ohnmacht gegenüber nicht
souverän handeln zu können. Er zeigt durch sein böses Funkeln, dass er die Lage durchschaut.
Der böse Blick, das krínein des Blicks in die Situation eine mögliche Revolution
hinein imaginiert und so unmittelbar dem engagierten Schreiben gleicht,
ihm als Waffe entgegenspringt? Was bedeutet diese Sublimierung
der Ohnmacht durch den bösen Blick in der Möglichkeit des Schreibens?
Welches Konzept von Gewalt, welche Militanz beschwören wir im bösen Blick?
Aber auch, lässt sich damit eine unmittelbar gleitende Verbindung
von der Unmündigkeit in die Diskursivität, revolutionäre Gemeinschaften finden
(vom Subalternen zum Intellektuellen)? Und allgemeiner:
die Verwünschung, vielleicht braucht auch das eine Archäologie, wie das Verwünschen
(auch Schlechtes wünschen) als politisches Moment des Alltäglichen zu denken wäre?
Vielleicht leistet die Schrift, als heißes Medium, gerade die Dissemination
des Widerständigen? Die Verlängerung der Reichweite des bösen Blicks,
der Verwünschungen und die Vervielfältigung. Welche Übersetzungs-, Transformationsarbeit
wäre für eine Zeitschrift hier erforderlich? Wie hat all das damit zu tun,
was wir Telegramma nennen, ein kommendes Schreiben?
Exkurs Übersetzung
Was ist die Arbeit der Übersetzung? Ist sie mehr also bloßes Mittel
der Verständigung, der Überbrückung von Grenzen, die
transnationalen Normierungen anheimfallen (International Art English etc.).
Aber auch das, was wir die Übersetzung von Situationen genannt haben.
Was bedeutet die Prasix der Übersetzens, als Situation, als ein Schreiben,
das sich sofort bestimmt oder unbestimmt adressiert und
nicht nur Botschaften reflexiv sich verarbeitet, sich an Leser richtet,
also an eine Leser-Gemeinschaft,
an eine Öffentlichkeit und umgekehrt sich den Fragen von Aneignung
stellen muss (Autorschaft). Das sind alles politische Fragen, die der Übersetzungsarbeit immanent sind.
Und zwar konkret als Praxis, als Ethik. Nicht nur die Frage nach dem Verhältnis von Orginal/Kopie,
Kontext, Geschichtlichkeit, des kulturell Anderen, einer transzendentalen Sprache,
sondern auch, das Verhältnis vom Ich/Wir, Schreiben/Leser auseinandersetzen.
Also Fragen, die die geschichtliche Materalität von Text primär und orginär aufwirft.
Übersetzung ist daher weit mehr als einfach verständlich,
Zugänglichkeit herzustellen. Es wäre daher interessant, zu fragen,
wie sich dadurch Zusammenhang, Gleichheit oder besser:
der Konstitution von diskurisver, politischer Öffentlichkeit projektiert.
(Eine Frage, die in der transnationalen Diskursökonomie zunehmend verschwindet).
Zeitschrift als Wunschmaschine
Das bedeutet auch eine Zeitschrift, die nicht erst einmal der Information,
akademischer Erkenntnis oder einer politischen Meinung,
sondern dem Wünschen verpflichtet ist.
Der Wunsch aber als sozio-politisches Moment und als Maschine.
Welchen Automatismus setzt das Wünschen in Gang bei den Lesesenden?
Dieses Wünschen disseminiert, auch als oder vielleicht eher noch den
Ort der Schreibenden. Wünsche schreiben, wünschen, weil es einfacher, offener
mit allen gesellschaftlichen Maschinen Bindungen eingehen kann
in seinem projektiven Vermögen? Das hat mit der Frage zu tun,
an wen sich die Zeitschrift adressiert. Sie adressiert sich ja nicht
an einen bestehenden Zusammenhang oder mehrere Gruppen
(vielleicht wäre das unser Wunsch: explizit Gruppenzusammenhänge zu erreichen),
sondern zunächst erreicht sie den Einzelnen im Lesen.
Welche Bewegung setzt die Wunschmaschine der Zeitschrift in Gang,
welche Widerständigkeit oder Erfahrung, die zugleich jeden Einzelnen angeht,
aber eben schon dort, wo die Vereinzelung aufgegeben wird?
Ist es nicht so, dass diese Lesenden, projektiv, wenn das Editorial ohne Zeitschrift
immer auch den Ort des Schreibens, eines ausstehenden, aber auch noch kommenden Schreibens,
mitschickt, in die Zeitlichkeit des Schreibens geraten und
von daher sich selbst mit dem Adressieren konfrontiert sehen.
Was genau versprechen wir (uns), wenn wir mit
der endlosen Addition der Wunschmaschine arbeiten und dieser Fortsetzung des Schreibens?
Und wie würden wir eine Widerständigkeit des Schreibens denken,
wenn nicht zumindest über diese minimale Solidarität aus der "Berührung des Lesens"?
Entschreiben
Eher schreibt sich die Zeitschrift von einzelnen Situationen des Sprechens,
Denkens einer flüchtigen Gruppe als von bestimmten aktuellen oder auch historischen Ereignissen,
Diskursen her. Gleich ob diese Art von Ereignissen in diesem Sprechen
verhandelt werden. Gleich ob diese Situationen symbolisch, exemplarisch, kontingent
oder alles zusammengenommen sind. Wie aber denken wir langfristig das Additive dieser Zeitschrift,
ihre redaktionelle Situierung, Nummer für Nummer, das Ansammeln praktisch?
Ist das Wünschen nicht darin verwandt, additiv zu sein,
in gewisser Weise unerfüllt zu bleiben in seinem Drängen?
Warum also Abstand nehmen von einem Schreiben, das sich entlang dem,
was man die Ereignisgeschichte nennt, bewegt?
Weil die Gegenwart, unsere Gegenwart, selbst additiv und singulär sich vollzieht?
Wie also dennichtredaktioneller Rhythmus der Zeitschrift, das Wieder und Wieder praktizieren,
gerade auch in der Situierung, die das Schreiben jedes einzelnen Editorials gibt?
Brauchen wir die Setzung einer kommenden Lesbarkeit,
um dem Beliebigen der Situationen ein Versprechen entgegenzuhalten?
Und so ein Versprechen, hätte es mit dem Begriff der Öffentlichkeit zu tun?
Inwiefern drängt das Entschreiben als Berührung eines Draußen
(im Kontakt dem Kontakt fremd bleiben)
auf Öffentlichkeit, auch im Unterschied zu all den Praktiken der Einschreibung,
die unser Handeln dominieren?
Das Additive, das auf keinen Zustand im Register der Ereignisgeschichte drängt?
Kein Programm, nur Dringlichkeit? Aber verhandelte Dringlichkeit?
Editorial ohne Zeitschrift
Um es vielleicht nochmals zu unterstreichen, erklären wir uns
gewissermaßen im Konjunktiv, das, was zu schreiben gewesen wäre.
Unsere Zeitschrift löst in gewisser Weise nicht ein,
was das Editorial eröffnet. Welche Öffentlichkeit schafft dieser projektive Gestus?
Und was heißt es dann, den redaktionellen Ort des Editorials
als Gruppe aufzusuchen, als eher flüchtiger Zusammenhang,
der in gewisser Weise ohne Autorschaft bleibt?
Öffentlichkeit
Von öffentlichem Interesse, Sache der Öffentlichkeit, öffentlicher Raum, das öffentliche Leben,
im Licht der Öffentlichkeit (der Begriff der Öffentlichkeit hat diese zur Sichtbarkeit, Nähe zum Tag,
Mittag, zur Mitte ? zum Offiziellen), öffentlich machen;
die Öffentlichkeit, eine, mehrere, welche Öffentlichkeit, eine Gegenöffentlichkeit?
Sich ausschließend oder einander bedingend, ablösend?
Öffentlichkeit, das kann als Korrektiv gegenüber staatlicher Macht sich behaupten,
als normierter und normierender Erfahrungszusammenhang müssen wir
ebenso die Gewalt des Öffentlichen bedenken, Produktion von Repräsentation,
Produktion von Subjektivität, Produktion von Identität. Jede Öffentlichkeit hat ihr Außen, ihr Abseits,
ihr Unausgesprochenes, ihre Verbote und ihren Abgrund.
Welchen Erfahrungsbegriff verschalten wir also mit dem des Öffentlichen?
Zumal wenn das öffentliche Leben ebenso sich für die Konstitution von Gesellschaft
instrumentalisieren lässt, zur Vergesellschaftung bestimmter Erfahrungen, während andere
unterdrückt, zerstört und ausgelöscht werden. Die Ein- und Ausschlüße des öffentlichen Lebens,
die strukturelle Mächten, das Willkürliche und das Unwillkürliche, die darin wirken.
Und wenn wir das Öffentliche als Tradierung von Erfahrungen, Geschichte, Wissen, Leiden und Mangel
verstehen, dann wäre also zu fragen, welche Form diese Tradierung annimmt,
angenommen hat und annehmen wird, sowie das Wissen, wem die Öffentlichkeit gehört, übereignet ist,
zur Verfügung steht oder nicht. (Auch das ist eine Frage des Übersetzens.)
Vielleicht ist es hier nur eine Anmerkung.
Aber ist das Öffentliche nicht zutiefst mit der Geschichte des Rechts und
der Frage der Gerechtigkeit verwoben, auch in Differenz zu dem,
was gezeigt wird und was im Verborgenen bleibt oder bleiben muss?
Kann nur das gerecht sein, was sich auch öffentlich macht?
Gehört zum Recht unausweichlich dessen öffentlicher Charakter (das Offizielle)?
Oder müssten wir diese Logik noch verkehren?
Dann ging es in unseren Gesprächen mit der Öffentlichkeit nicht um etwas Gegebenes,
den öffentlichen Raum, den man aufsucht, um etwas,
wie man sagt, ans Licht der Öffentlichkeit zu bringen, Sichtbarkeit herzustellen
für das Unsichtbare, dem Gehörtwerden, sondern eher um ein Ereignis,
das in gewisser Weise immer auch ein konstituierendes Moment hat:
der Öffnung, etwas zur Sache der Öffentlichkeit machen.
Aber die Herstellung einer Öffentlichkeit sähe sichimmer auch mit der
Konstitution von Öffentlichkeit unmittelbar konfrontiert. Und wenn wir
die Überzeugung aufrechterhalten, dass Öffentlichkeit immer diese konstituierende Praxis
ihrer Einberufung, ihrer Produktion im Adressieren braucht,
wie verhält sich das zu der Behauptung einer Abwesenheit von Öffentlichkeit
als zeitgenössisches Phänomen (oder auditiv)? Man könnte auch fragen,
wie es sich überhaupt verhältmit der An- und Abwesenheit von Öffentlichkeit.
Wie bedingen sich Mangel und Produktion von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit?
Wie gehört das ineinander?
Verbirgt sich darin nicht unser Begehren, eine widerständige Praxis zu denken,
schon das Herstellen von Öffentlichkeit als Widerständigkeit, vielleicht sogar das zu schreiben, was öffentlich ist,
aber mehr ist als das Gefüge des Offiziellen? Könnten wir inder Dialektik des Öffentlichen (ihre An/Abwesenheit)
mit dem Begriff des Entschreibens (das Schreiben, das mehr ist als der sprachliche Körper, aber immer noch Sprache,
das, was mehr ist als der diskurisve Körper,
aber immer noch diskuriv, also das Reale der Sprache)
diese Widerständigkeit denken? Die Notwendigkeit, mit der Zeitschrift eine
Bewegung der Schreibenden zu initiieren, die Öffentlichkeit wieder und wieder
herstellt, einfügt, produziert im Entschreiben. In jedem Fall eine
Handlung der Schreibenden und Lesenden.
Archäologie und Wunschmaschine, sind sie nicht mit dem Öffentlichen in eins gekommen?
Und schließlich, welche Öffentlichkeit gibt sich im Anonym der Schreibenden,
dieser Anonymität, die keine Maske ist, sondern eher
eine gewisse Gleichheit zwischen Autor und Leser ausübt,
sodass der Leser zum Schreiber wird und umgekehrt,
also sich dem öffnet, was noch geschrieben werden muss?
ENTWURF #1
Wenn es stimmt, das Schreiben uns verbindet,
ist ihm nicht das Öffentliche eingeschrieben,
ein gemeinsames Wissen, ein fremdes Wissen,
so wie wir im Öffentlichen einander berühren und fremd bleiben?
Ist nicht jedes Schreiben implizites Wissen
von unserer Gesellschaft, was aber
wird da gewusst, implizit,also immer auch
reproduziert, und was, das für unsere Zeit
Schreiben sucht zwischen Nähe, Öffentlichkeit,
Geschichtlichkeit, Einschreibung und Entschreibung eine Form,
unzählige Formen, deren Archäologie in jedem Schreiben
betrieben werden kann, eher vielleicht eine Ahnung
davon, dass jedes Schreiben, ungeachtet seines Inhalts,
weit in die Geschichte der Schrift eingelassen ist,
und diese Geschichte innige Beziehungen unterhält
zum Gesetz beispielsweise, aber auch mit unseren Lebens-Formen,
und dann, dass in gewisser Weise
jedem Schreiben es offen steht,
in diese Geschichtlichkeit einzugreifen,
sie ist im Schreiben offen sozusagen,
nicht abgeschlossen, sondern direkt zugänglich.
Ein Schreiben in der Zeit.
Eine Zeitschrift und üblicherweise ist das Editorial der Ort,
an dem eine Redaktion sich erklärt,
also ihre Entscheidungen und ihr Anliegen,
die zur aktuellen Ausgabe geführt haben.
Und jetzt ist das Editorial das Projekt einer Zeitschrift
geworden, und beginnt als Ort der Programmierung,
Imagination, Narrativ und Wunsch
für ein kommendes Schreiben.
Diese Beschränkung ist für uns auch insofern interessant,
weil sie eine Verschiebung bedeutet:
statt zu schreiben, was in der Welt geschieht
oder was zu tun wäre,
angesichts dessen, was geschieht,
schreibt dieses Editorial eher,
was zu schreiben gewesen wäre,
und das müsste anschließen an unseren Begriff vom Schreiben
als Ort einer Verwandlung selbst.
Dieses vermeintliche Verpassen des Moments, an dem ein,
welches Schreiben notwendig und vielleicht auch
richtig an seinem Platz gewesen wäre,
zu schreiben, ist immer verspätet (und deswegen auch nie an seinem Platz,
historisch nomadisch gewissermaßen).
Dieses Editorial, das wir hier schreiben,
wird als zu einer Art Arche eines
Schreibens in der Zeit, das unter der Hand
schon beginnt sich in diese Frage der Situiertheit eines
Editorials ohne Zeitschrift einzutragen, und zwar
die Verspätung lockert auch das zeitliche Gefüge,
lässt den Ort des Schreibens selbst zeitlich nomadisch werden,
und das führt auch ins Wünschen so,
dass es eine Bindung schafft von Archäologie, Situiertheit zum Wünschen.
Und wenn Schreiben mit dieser Geschichtlichkeit unausweichlich
belastet ist und damit zugleich über all das
verfügt, was es braucht, in diese Geschichtlichkeit einzugreifen,
dann sollte der Begriff der Archäologie das
in Erinnerung rufen, dass wir uns im Schreibe
diesem Zusammenhang zuwenden könnten, stets, in jeder Situation,
die wir herstellen, um zu schreiben.
Die Archäologie des Schreibens berührt den Grund dessen,
was die eigene Ohnmacht bedingt,
dieses implizite Wissen triff auf den intuitiven Überschuss des Wunsches.
Mit dem Editorial beginnen wir
uns einzuschreiben in die Zeit, die Zeit, die Gefahr läuft,
sich nur noch auf sich selbst beziehen zu können,
wie eine zirkulierende Gegenwart, aus der wir uns rausschreiben
hinschreiben wollen in ein kollektives Wünschen.
hin zu schreiben in ein schreiben,
das einen Rhythmus hat, ein Stampfen, das die Situation
adressiert, die uns repressiv, absolut bedrängt.
zur Repression, da fällt uns immer wieder auf,
dass diese Erfahrungen etwas Unabschließbares haben,
über Repressionen zu sprechen, hat immer etwas Additives
die Repressionen lassen sich nicht auf den Begriff bringen
sind vielfältig und entziehen sich der Verallgemeinerung
SOUND
gut, schnell zu sein in den Setzungen,
aber sie müssen intuitiv sich erschließen im Lesen
fremd bleiben des öffentlichen einschreiben
Archäologie fassen, z. B.
im Stehen mit den Füßen eingraben und sprechen
Klarheit einer ruhig gesprochenen Behauptung
drückt mit Einfachheit den Endpunkt komplexer Behauptungen aus
Ein Editorial voranzustellen und zugleich auf die Zeitschrift,
die nachfolgen würde, verzichten, damit wollen wir
einen Aufruf verfassen, der jene Texte einbestellt, die diese
Situation fordert. Einen Text entwerfen, der in sich auch
jene Texte hält, die zu schreiben wären. Wir schicken eine
Ankündigung, die das, was sie ankündigt, verschiebt und
zugleich erfüllt.
Wie schreibt man so einen Text, der andere
Texte in sich fasst? Der andere Texte, die geschrieben
hätten werden können und müssen, imaginiert?
Auch dieses Imaginieren gibt sich eine Form. Ein Verhältnis,
wie eines zum anderen steht, wie es sich schichtet, als Text.
Wie es sein Erscheinen arrangiert.

situation
repression
die Krise umfasst auch, dass wir mit allen
Formen der Drohung, des drohenden Szenarios, eine Szenarios
des Verlusts, der Verschlechterung unserer Lebensverhältnisse
konfrontiert und regiert werden; das umfasst
eine permanente Erpressung und Erpressbarkeit, also das
regiert werden und sich nur innerhalb vordefinierter
und begrenzter rahmen auflehnen können, die Regierenden können
jederzeit das Register wechseln.

Noch bevor unsere einzelnen Fragen in Protest münden könnten,
macht uns die Furcht um unsere eigene Zukunft leise. In
unseren Bemühungen, viele zu werden, den Raum auszudehnen,
in dem wir unserer Furcht widerstehen, trägt jede einzelne das Risiko, xxx

Wir brauchen eben Worte, die einfach
sind, die wie das Telegramm das Notwendige durchbringen.
Etwas, das unmittelbar berührt im Lesen wie im Schreiben.
Das aucdiese Energie der Verwandlung mit sich bringen muss.
Vielleicht ist dieses Wissen insofern korporal. Es erfasst die Körper.

Wir geben ihm eine Frequenz,
ein Text, der einen Rhythmus hat, einen Pegel. Eine Frequenz
der Wiederkehr. Ein permanentes Sicheinfügen
an einen Platz, der eigentlich nicht besteht. Der sich an
einen Ort drängt, von dem es nötig ist, zu sprechen.

Als Editorial ohne Zeitschrift wendet esich in gewisser
Weise sich zugleich nach Innen, an die Schreibenden,
und nach Außen, an die Lesenden. Ein Aufruf an
Schreibende und Lesende zugleich, wobei diese Begriffe in
eine Zone der Ununterscheidbarkeit treten, einander aufheben,
in so etwas wie Öffentlichkeit.