Schriften I



Auszüge aus Jacques Lacan, "Der Entwendete Brief", in: ders., Schriften I, Jacques-Alain Miller, Berlin 1986, S. 7ff.

Unsere Forschung hat uns zu der Erkenntnis geführt, dass das Prinzip des Wiederholungszwangs in dem gründet, was wir die Insistenz der signifikanten Kette nannten. Diesen Begriff haben wir aus seiner Korrelation zur Ex-sistenz (oder auch: zum exzentrischen Ort) abgeleitet, in der wir das Subjekt des Unbewussten, wollen wir die Entdeckung Freuds ernstnehmen, anzusiedeln haben. Bekanntlich ist in der von der Psychoanalyse inaugurierten Erfahrung zu begreifen, mittels welcher Winkelzüge des Imaginären diese Symbolwerdung bis ins Innerste des menschlichen Organismus sich auswirkt. S. 9 
Gewiss, wir kennen die Wichtigkeit der imaginären Prägungen in jenen Aufteilungen der symbolischen Alternative, die der signifikanten Kette ihren Verlauf geben. Wir behaupten aber, das dieser Kette eigentümliche Gesetz regiere die für das Subjekt determinierenden psychoanalytischen Effekte: die Verwerfung, die Verdrängung, die Verneinung selbst — wobei wir, was die richtige Akzentuierung anbelangt, verdeutlichen müssen, dass diese Effekte so treu der Entstellung des Signifikanten folgen, dass die imaginären Faktoren, trotz ihrer Trägheit, hier nur in Gestalt von Schatten und Spiegelungen auftreten. S. 9 
Deshalb kamen wir darauf, die Wahrheit, die sich aus dem Moment des Freudschen Denkens, das wir untersuchten, ergibt, dass nämlich die symbolische Ordnung konstitutiv sei für das Subjekt, Ihnen heute an einer Geschichte zu illustrieren; und zwar indem wir Ihnen an dieser Geschichte darstellen, wie das Subjekt aus dem Durchlauf eines Signifikanten eine höhere Determinierung erfährt. S. 10 
Diese Wahrheit, das wollen wir festhalten, ist noch die Voraussetzung der Fiktion. Folglich eignet sich eine Fabel so gut wie jede andere Geschichte, sie ins Licht zu rücken — wobei nicht zu vermeiden sein wird, diese auf ihre Kohärenz hin zu überprüfen. Von diersem Vorbehalt abgesehen, besitzt sie jedoch den Vorzug, die Notwendigkeit des Symbolischen umso reiner zu manifestieren, als sie uns vom Arbiträren regiert erscheint. S. 10 
In einer ersten Annäherung muß in ihr ein Drama von seiner erzählerischen Darstellung und den Voraussetzungen dieser Darstellung unterschieden werden. (…)

Die erzählerische Darstellung verdoppelt das Drama durch einen Kommentar, ohne den keine Inszenierung möglich wäre. Sagen wir, seine Handlung bliebe anderenfalls vom Zuschauerraum her eigentlich unsichtbar, außerdem fehlte seinem Dialog entschieden, auch schon von den Anforderungen des Dramas her, jeder Sinn, den ein Zuhörer mit ihm verknüpfen könnte; mit anderen Worten: nichts vom Drama könnte in Erscheinung treten, könnte vom Auge oder durch das Ohr aufgenommen werden, ohne das Licht, das die Erzählung auf jede der Szenen wirft vom Gesichtspunkt aus den jeder der Akteure hatte, als er sie spielte. S. 10
 
Es sind zwei Szenen. Die erste bezeichnen wir sofort als Urszene, nicht unabsichtlich, denn die zweite kann als ihre Widerholung angesehen werden in dem Sinne der hier zur Debatte steht.

(1.Szene)
Einem möglichen Zuschauer hätte also die ganze Operation, bei der niemand gestört hat, verborgen bleiben können: ihr Quotient besteht darin, dass der Minister der Königin ihren Brief entwendet hat und dass, und dies stellt ein noch bedeutsameres Ergebnis dar, die Königin weiß, dass er es ist, der ihn jetzt hat, und das nicht schuldlos.
Ein Rest, den kein Analytiker außer Acht lasen kann, da er darauf dressiert ist, alles, was zum Signifikanten gehört festzuhalten, auch wenn er nicht weiß, was er damit anfangen soll: der Brief, den der Minister hinterlässt und den die Hand der Königin jetzt zu einer Papierkugel zerknüllen kann.

(2.Szene)
Auch hier ist alles, zwar nicht geräuschlos, doch ohne Lärm vonstatten gegangen. Der Quotient der Handlung besteht darin, dass der Minister den Brief nicht länger besitzt, davon allerdings nichts weiß und erst recht nicht ahnt, dass Dupin es ist, der ihn ihm geraubt hat. Was ihm in der Hand bleibt, ist darüber hinaus für den weiteren Verlauf keineswegs unsignifikant. Wir werden noch darauf zurückkommen …
 
Muß noch eigens hervorgehoben werden, dass diese beiden Handlungen ähnlich sind? Ja, denn die Ähnlichkeit, die wir im Auge haben, ist nicht aus der einfachen Zusammenstellung von Zügen gebildet, die nur zu dem einzigen Zweck ausgewählt sind, ihre Differenz auszugleichen. Es würde außerdem nicht genügen, diese Züge von Ähnlichkeit auf Kosten der anderen festzuhalten, damit irgendwie Wahrheit daraus resultierte. Vielmehr wollen wir die Aufmerksamkeit auf die Intersubjektivität lenken, in der die beiden von uns dargelegten Handlungen motiviert sind, wie auch auf die drei Glieder, mit deren Hilfe sie diese strukturiert. 
Dieser Blick setzt zwei weitere voraus, die er zusammenfasst in ihrer trügerischen Komplementarität eine Öffnung lassend und so dem Raub vorgreifend, zu dem diese Aufdeckung einlädt. Drei Zeiten folglich, die drei Blicke ausrichten, welchen drei Subjekte unterlegt sind, die jeweils von verschiedenen Personen verkörpert werden.
Der erste ist die eines Blicks der nichts sieht: das wäre der König und die Polizei.
Die zweite die eines Blicks, der sieht, dass der erste nichts sieht und sich durch die Hoffnung ködern lässt, verdeckt zu sehen, was er verbirgt: Das wäre die Königin, dann der Minister.
Die dritte, die sieht, dass diese beiden Blicke das zu Verbergende offen liegen lassen für den, der sich seiner bemächtigen will: Das wäre der Minister und schließlich Dupin.
 
Was uns heute interessiert, ist die Art und Weise, in der sich die Subjekte in ihrer Verschiebung im Laufe der intersubjektiven Wiederholung ablösen.
Wir werden sehen, dass ihre Verschiebung durch den Ort bestimmt wird, den der reine Signifikant, der entwendete Brief, in ihrem Trio einnimmt. Genau darin wird die Verschiebung sich uns als Wiederholungszwang darstellen.
 
Bevor wir diesen Weg beschreiten, scheint die Frage nicht unangebracht, ob die Absicht der Erzählung und das Interesse, das wir für sie aufbringen, sofern sie sich überhaupt decken, nicht anderswo zu suchen sind. 
Übergang vom ersten Dialog /Szene1 zum zweiten Dialog/ Szene 2:
… man schreitet vom Feld der Exaktheit fort zum Register der Wahrheit. Diese Register indes, wir glauben nicht, dass wir darauf zurückkommen müssen, gehört ganz woanders hin, eigentlich in den Begründungszusammenhang der Intersubjektivität. Es gehört dorthin, wo das Subjekt nichts fassen kann als die Subjektivität selbst, die ein absolut Anderes konstituiert. Um seine Ort anzugeben, begnügen wir uns damit, den Dialog zu zitieren, der seine Zugehörigkeit zu jüdischen Erzählungen jener Bloßstellung verdankt, in der die Beziehung des Signifikanten zum Sprechen aufscheint in der Beschwörung, in der er gipfelt. "Sie her, was für ein Lügner du bist" wird hier verwundert und atemlos ausgerufen, "wenn du sagst, du fahrst nach Krakau, willst du doch, dass ich glauben soll, du fahrst nach Lemberg. Nun weiß ich aber dass du wirklich nach Krakau fahrst. Also warum lügst du?"

Gibt es andererseits etwas Überzeugenderes als die Geste, mit der die Karten auf den Tisch gelegt werden? Sie ist es in dem Maße, dass sie uns für einen Augenblick davon überzeugt, der Taschenspieler habe tatsächlich das Verfahren seines Kunststückes so demonstriert, wie er es angekündigt hatte, während er es doch lediglich in einer reineren Form erneuert hat: dieses Moment lässt uns den Supremat des Signifikanten im Subjekt ermessen.
 
Wiederholt der Taschenspieler nicht vor uns sein Kunststück, ohne uns diesmal mit dem Versprechen zu ködern, er wolle uns sein Geheimnis anvertrauen, aber seinen Einsatz so weit steigernd, dass er es wirklich aufdeckt, ohne dass wir das geringste dabei sehen? Das wäre allerdings das höchste, was der Illusionist erreichen könnte: uns durch ein Geschöpf seiner Fiktion wahrhaftig täuschen zu lassen. 
Spüren wir daher der Fährte dort nach, wo sie uns von der Spur abbringt.

—Sie beginnen es vielleicht zu verstehen—

Wenn wir jedoch zunächst an der Materialität des Signifikanten festgehalten haben, dann, weil diese Materialität in manchen Punkten einzigartig ist; wobei das erste darin besteht, dass er eine Teilung nicht zulässt. Zerschneiden Sie einen Brief in kleine Teile, er bleibt der Brief, der er ist,(und das in einem Sinn; von dem die Gestalttheorie mit dem verkappten Vitalismus ihres Begriffs des Ganzen nichts weiß.)

Das kommt daher, dass der Signifikant Einheit ist aufgrund seiner Einzigkeit, da er infolge seiner Natur nur das Symbol einer Abwesenheit ist. Und somit kann man, wie wohl von anderen Objekten vom Brief nicht behaupten, er müsse irgendwo sein oder nicht sein, sondern, dass er—im Gegensatz zu jenen—dort, wo er ist, wohin er auch immer ginge, sein und nicht sein wird.

Die realistische Einfältigkeit versucht unablässig sich vorzuhalten (...), dass, was versteckt ist, immer nur das ist, was an seinem Platz fehlt, wie sich der Auftragszettel ausdrückt, wenn ein Band in der Bibliothek verloren gegangen ist. Und stünde dieser Band auch auf dem Regal oder im Fach nebenan. Er wäre verborgen, wie sichtbar er auch scheinen mag. Das kommt daher, dass man nur von dem, was von seinem Ort wechseln kann, das heißt vom Symbolischen buchstäblich (à la lettre) sagen kann, dass es an seinem Platz fehle. Denn für das Reale, in welcher Unordnung man es auch immer bringt, befindet es sich immer und in jedem Fall an seinem Platz, es trägt ihn an seiner sohle mit sich fort, ohne dass es etwas gibt, das es aus ihm verbannen könnte.