Manifest


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1. Nichts scheint unwahrscheinlicher als ein Aufstand, aber nichts ist notwendiger.

2. Die revolutionären Gesten gehören niemandem, sondern der Aufstand produziert eine Wahrheit für alle.

3. Die Wahrheit ist ein Prozess, der mit einem unvorhergesehenen und unberechenbaren Ereignis beginnt und sie damit in einen Bezug zu einer zeitlichen Kategorie stellt: der Zeit des Aufstands.

4. Die Zeit des Aufstands ist irreduzibel: Es gibt nur die pure Mannigfaltigkeit der Situation.

5. Die Mannigfaltigkeit geschieht durch ein Supplement, nämlich nicht durch das, was man weiß, sondern durch das, was man in einem Wagnis ins Unendliche tut.
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Letztlich ist der Staat bereit, jedwede Forderung nach Identität anzuerkennen - sogar (die Geschichte der Verbindungen zwischen Staat und Terrorismus unserer Zeit legt dafür beredt Zeugnis ab) die einer staatlichen Identität in seinem Innern; doch dass Singularitäten eine Gemeinschaft bilden, ohne eine Identität einzufordern, dass Menschen mit-angehören ohne eine darstallbare Bedingung der Zugehörigkeit (und sei es in Gestalt der einfachsten Voraussetzung) - das ist es, was der Staat keinesfalls dulden kann.
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Wenn das Schreiben schon jetzt einsetzt, würde das umgekeht heißen, dass die angekündigte Veranstaltung um den 20. Oktober eher ein verdichtetes Moment ist, ein Plenum eben. Vielleicht kann dieses Schreiben noch mal genauer nach seinem Anlass fragen und seinem Bezug auf das, was gerade geschieht. Darüber würde auch die Ereignisqualität des Department of Readings im Unterschied zum Symposium und zur Performance verhandelt. Etwas Schwerfälliges kommt ins Spiel, die Frage von Masse und Bewegung. Zugleich gibt sich in dem Ereignishaften des Departments schon immer die Spannung, um in ein gemeinsames Denken zu springen. Also die Frage des Sprungs und der massenhaften Bewegung. Darin auch ganz konkret nach der Möglichkeit des Ereignisses in den herrschenden Formen des Schreibens und Denkens fragen. Das wieder hieße vielleicht auch, nicht zu wissen, was für ein Versammeln dann stattfindet im Plenum, im Manifest, wenn das, was dort vielleicht angedacht war, schon jetzt einsetzt - da wird auch ein Handlungsraum frei und die Adressierung ändert sich aus der Arbeit heraus.
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Das Empire ist überall, wo nichts geschieht. Überall, wo alles funktioniert.
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Der Aufstand beginnt mit einem Spaziergang. Er agiert aus der arbeitsfreien Zeit. Seine artikulation beginnt in einer Ruhe, irgendwo, wo eine andere Zeit herrscht.
Es sind namenlose Wesen, die arbeiten, essen und sich vermehren, aber keine Wesen der Rede, der Versprechung und des Vertrags. Die polizeiliche Logik stellt also eine strenge Konfiguration des Verhältnisses zwischen der Ordnung des Diskurses und der Ordnung der Körper dar, die verschiedenen Wesen verschiedene Räume anweist.
 
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wo wir uns trafen ohne uns zu erkennen und uns erkannten ohne uns zu erkennen
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Man könnte fragen - und das gilt dann vielleicht auch für die Konzeption des Aufstands in seiner Nachträglichkeit -, inwiefern dem Aufstand immer auch etwas Probenhaftes zugehört?


Denn die Besetzung des Odéon wurde auch zurück auf die Straßen gebracht. Dort kam es zu karnevalistischen Momenten der Transgression, vor allem nachdem Theaterkostüme von Besetzern "konfisziert" worden waren, die sich nun auf den Straßen der Polizei in diesen Kostümen entgegenstellten. Wie sich ein damaliger Beobachter erinnert, "wurde das Kostümlager geplündert, und Dutzende stellten sich dem Tränengas verkleidet als römische Legionäre, Piraten und Prinzessinnen. Das Theater wurde auf die Straße gebracht." Was an diesen Ereignissen beobachtet wurde, ist einerseits das Ausbrechen des Theaters in die Öffentlichkeit des Stadtraums und andererseits, was aus politischer Sicht vielleicht noch bedeutsamer scheint, der Vorgang, der in der Besetzung des Odéons bestand und nicht nur das Theater in die Straße, sondern die Straße ins Theater brachte.


Also die Erprobun des Aufstands, der sich zugleich hinwendet und verschreibt, aber auch noch auf Distanz bleibt, nicht sich an die Stelle dessen setzt, was er schon zu verhandeln sucht.
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Aus dem vorigen Reading ist uns auch der Begriff der Bewegung geblieben. Mit ihm stellt sich die Frage nach dem Gebrauch der Sprache ein. Es geht um eine Schwelle der Politik der Worte. Im Zugrundegehen der herrschenden Konzeptionen des Politischen und der Sprache, in dem Moment, da die gültigen Diskurse außer Kurs laufen und ihre Kraft einbüßen, etwas in Gang zu halten, kommt das Phänomen der politischen Bewegung auf. Dessen Nähe zwischen einem Zustand des Undefiniertbleibens und seiner Gegenbenehit als überschüssiger Rest weist auf den messianischen Umschlag und dem in ihm wirkenden Glücksversprechen. Ähnliches hätten wir in Bezug auf das Phänomen der Masse sagen können. So wenig man umhin kommt, vom Wort zu sprechen, wenn es um die Masse geht, scheint es in jedem Schreiben einen Bezug zu so etwas wie Masse, zu Lärm, beispielsweise, zu geben.
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Der Aufstand beginnt mit einem Spaziergang. Er agiert aus der arbeitsfreien Zeit. Seine artikulation beginnt in einer Ruhe, irgendwo, wo eine andere Zeit herrscht.
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Eine Wahrheit - es ist ihre Wirkung als »Rückkehr« - transformiert die Kodizes der Kommunikation, verändert den Status der Meinungen. Das Ereignis und dessen nachträgliche Deklaration bilden den Zirkel in der Zeit, der es, als ein Gleichheitsereignis, in die gesellschaftliche Oberfläche einschreibt.
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Vielleicht ereignet sich Politik in der Zeit, die wir nicht haben, die wir gemeinsam nicht haben, über die wir nicht verfügen. Auch eine Rückzugsgeste aus der Sprache oder aus dem Raum, der sich konstituiert, als einem, der nicht durch Aufteilung in Meinungen politisiert wird, sondern dadurch "ein Verhältnis zu empfinden, das uns hält". Vielleicht ein Verhältnis das uns eben nicht in der Zeit hält, die wir haben, sondern in der, die wir nicht haben.
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Sich die Zeit zu nehmen, die man nicht hat - die es nicht gibt, über die man nicht nur nicht nur verfügen kann, sondern unverfügbar ist: das ist ein politischer Akt
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Gemeinschaft ohne Gemeinschaft, Freundschaft ohne Gemeinschaft der Freunde der Einsamkeit. Keinerlei Zugehörigkeit. Keine Ähnlichkeit und keine Nähe. Ende der oikeiotes? Vielleicht. Wir haben es jedenfalls mit Freunden zu tun, die einander anzuerkennen suchen, ohne einander zu kennen.
In den Nächten haben sich ArbeiterInnen zusammengefunden, um zu lesen, Zeitungen zu machen und zu diskutieren. Damit hätten sie das Zeitregime durchbrochen, das nicht nur den Arbeitstag von der müßiggängerischen Nacht trennt, sondern überhaupt die nützliche Arbeit vom unnützen Nachdenken über alles Mögliche (u. a. auch Ästhetik). Statt sich also mit der Arbeiterexistenz zu identifizieren, aus der Klasse an sich eine Klasse "für sich" zu werden, wie Marx es nannte, bestehe die Emanzipation darin, sich die für diese Klasse nicht vorgesehenen Tätigkeiten der BürgerInnen anzueignen (und damit deren Privileg zu enteignen). Sich die Zeit zu nehmen, die einem nicht zusteht, die man nicht hat, darin besteht für Rancière die Flucht aus dem tagtäglichen Arbeiterleben in die nächtliche Intellektuellenexistenz, die zugleich eine Aneignung des eigenen Lebens ist. 'Politik ereignet sich, wenn die, die 'nicht die Zeit haben', sich die Zeit nehmen, die notwendig ist, um als Bewohner eines gemeinsamen Raumes aufzutreten, und um zu beweisen, dass ihr Mund sehr wohl eine Sprache erzeugt, die das Gemeinsame ausspricht und nicht nur eine Stimme, die den Schmerz signalisiert."
HIER BEGEGNEN WIR SCHLIESSLICH DEN NACHTEULEN AM HELLEN TAGE, DAS HEISST ERNEUT UNS SELBST, DEN VOGELSCHEUCHEN, DIE WIR HEUTE IN UNSERER EIGENSTEN SACHE SEIN MÜSSEN.
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Im Zeit des Aufstands wirkt eine interrevolutionäre Zeit als messianischer Umschlag, der nicht objektivierbar ist als Sprung: Ein minimale Differenz - eine Parallaxe.
 
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»[...] neugierig bis zum Laster, Forscher bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für Unfassbares, mit Zähnen und Nägeln für das Unverdaulichste, bereit zu jedem Handwerk, das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu jedem Wagniss, Dank einem Überschusse von >freiem Willen<, mit Vorder- und Hinterseelen, denen keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, Verborgene unter den Mänteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich Erben und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von früh bis Abend, Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften Schubfächer, haushälterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in Schemaren, mitunter stolz auf Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten, mitunter Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth thut, selbst Vogelscheuchen - und heute thut es noth: nämlich insofern wir die geborenen geschworenen eifersüchtigen Freunde der Einsamkeit sind, unsrer eignen tiefsten mitternächtlichsten mittältlichsten Einsamkeit: - eine solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister! und vielleicht seid auch ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen Philosophen?-«
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Im Begriff der Freundschaft drängt sich eine Reihe von Fragen auf. Es geht um solche der Gewissheit und der Zählbarkeit, die geringe und stets unbestimmte Zahl der möglichen Freunde. Der Freundschaft haftet etwas Exemplarisches an. Sie ist ebenso gut vom Narzissmus gezeichnet. Ihre Aufkündigung der Reziprozität, die in jedem Moment ihrer konkreten Lebenszusammenhänge nötig scheint, führt auf Politiken der Gastfreundschaft und ein Denken der Singularität.
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Im Zeit des Aufstands wirkt eine interrevolutionäre Zeit als messianischer Umschlag, der nicht objektivierbar ist als Sprung: Ein minimale Differenz - eine Parallaxe.
  
 
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Es gibt einen allgemeinen Kontext - den Kapitalismus, die Zivilisation, das Empire, wie man will -, einen allgemeinen Zusammenhang, der es nicht nur versteht, jede Situation zu kontrollieren, SONDERN SCHLIMMER NOCH, DANACH STREBT, DASS ES IMMER ÖFFTER KEINE SITUATION GIBT.
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We done come to a point
Where it can't be denied no more
I don't even understand
What we're still in this for
I didn't mind the sacrifice
To keep our love alive
But something died so long ago
Just can't be revived
There comes a time you've got to face the situation
And make a choice in life
We're caught up in a state of hesitation
And that just won't suffice
Don't get me wrong
I done thought this through
The way you hold me used to console me
Now all I feel is the emptiness in you
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Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.
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Katastrophendiagnostik ist konservativ.

Entgegen ihrem Verhalten kann die Demokratie nicht auf Probe stattfinden.
 
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Ein Stücklein Brot.
Gut, das ist das Stück Brot
Aber wo ist
Der Brotlaib?

Wir brauchen nicht nur den Flicken
Wir brauchen den ganzen Rock.
Wir brauchen den Brotlaib selbst.
Wir brauchen nicht nur den Arbeitsplatz
Wir brauchen die ganze Fabrik.
Und die Kohle und das Erz und
Die Macht im Staat.
So, das ist, was wir brauchen,
Aber was
Bietet ihr uns an?
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Man muss sich fragen, ob politische Forderungen nicht viel eher depolitisierend wirken.
  
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Begriffe: Aufstand auf Probe, interrevolutionäre Zeit, Politik des Verzichts, die Zeit die bleibt, Nachteulen, Engel der Geschichte, In-der-Sprache-Sein, Sprache des Wahnsinns, das Vielleicht, Transformierung des Kodizes der Kommunikation, messianische Zeit
 
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Katastrophe und Probe
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der demos ist nicht zunächst das ganze des Gemeinwesens, sondern der Anteil-der-Anteillosen, der nicht wirklich zählt. Demokratie ist das Recht des Demos, das nur in der Gleichheit besteht. Das wurde eingeführt mit einer Landreform durch Solon. Demos ist nicht von den Aristoi noch von den Oligoi, und kann sich also nur auf seinen Anteil, die Gleichheit, berufen. Auch insofern der Anteil der Anteillosen: das ist die Gleichheit. Abert was ist die Gelichheit, sie ist leer. Die Kratie des Demos ist also das Recht derer die kein Recht haben, streng: das Recht, das es ist, kein Recht zu haben; also an-arche. Ich sag ja Ranciere ist Anarcvhist.
[19:22:07] nowack3000: Ach ja, seid Solon können Schuldner nicht versklavt werden. Die direkte Unterwerfung unter die Ökonomie, die Oligoi etc., war somit unterbrochen.