Die Zeit des Aufstands



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Subaltern Wie sprechen, wenn man keine Sprache hat, wenn einem das Sprechen nicht zu steht, unverfügbar ist und bleibt. Wie sich Gehör versschaffen? Da setzt die Frage ein, wie man etwas nimmt, das einem nicht gehört. z.b. Zeit. Also weder über eine Sprache zu verfügen, noch über die Zeit zu verfügen, die es braucht, um - - - so etwas wie ein Sprechen herzustellen - also das GEMEINSAME herzustellen.
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Vielleicht ereignet sich Politik in der Zeit, die wir nicht haben, die wir gemeinsam nicht haben, über die wir nicht verfügen. Vielleicht ist dies ein Verhältnis, das uns hält, das uns eben nicht in der Zeit hält, die wir haben, sondern in der, die wir nicht haben.
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Der demos ist nicht zunächst das Ganze des Gemeinwesens, sondern der Anteil-der-Anteillosen, der nicht wirklich zählt. Demokratie ist das Recht des Demos, das nur in der Gleichheit besteht. Das wurde eingeführt mit einer Landreform durch Solon. Demos ist nicht von den Aristoi noch von den Oligoi, und kann sich also nur auf seinen Anteil, die Gleichheit, berufen. Auch insofern der Anteil der Anteillosen: das ist die Gleichheit. Abert was ist die Gelichheit, sie ist leer. Die Kratie des Demos ist also das Recht derer die kein Recht haben, streng: das Recht, das es ist, kein Recht zu haben; also an-arche.
*Seit Solon können Schuldner nicht versklavt werden. Die direkte Unterwerfung unter die Ökonomie, die Oligoi etc., war somit unterbrochen.
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Ein Stücklein Brot.
Gut, das ist das Stück Brot
Aber wo ist
Der Brotlaib?

Wir brauchen nicht nur den Flicken
Wir brauchen den ganzen Rock.
Wir brauchen den Brotlaib selbst.
Wir brauchen nicht nur den Arbeitsplatz
Wir brauchen die ganze Fabrik.
Und die Kohle und das Erz und
Die Macht im Staat.
So, das ist, was wir brauchen,
Aber was
Bietet ihr uns an?

Im Lied der Revolution stellt sich eine Gemeinschaft her, deren wesenentliche Einheit durch Harmonie hergestellt wird. Der Gesang ruft die kommende Gemeinschaft schon ins Jetzt herein indem in ihm eine transformierende - also eine interrevolutionäre Qualität - Kraft wirkt.
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Was ist, wenn die Zeit des Aufstands eine interrevolutionäre Zeit birgt, in der schon eine utopische Zukunft aufscheint? Mitten in der Revolution west ein ruhendes Auge: Die Menschen tanzen in der Fabrik, schlafen in den Universitäten, versammeln sich in Zelten und universalisieren ihr Schicksal: Die Identitäten geben sich preis und bilden eine transpolitische Gemeinschaft. Dies könnte man eine Haecceität - eine Diesheit - nennen: Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft, keine Opfer und keine Feinde mehr, nur die Diesheit der offenen Situation. Die offene, umstrittene, unbesetzte Macht begreifen wir als die ZEIT DES AUFSTANDS.
 
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Vielleicht geschieht es nur; und es müsste von Geschehen, nicht von Gelingen die Rede sein. Dass man sich unbeabsichtigt aufs Spiel setzt.

Weil die Ergebnisse ohnehin unabsehbar sind, ist es vorsichtiger, nur aufs Geschehen zu zielen. Hauptsache, wir habens probiert. S. Welches s? Probieren ohne Ziel, und sei es ein provisorisches, geht nicht. Am Ende kommt nicht raus, was beabsichtigt war, und dann kann vom Geschehen die Rede sein.
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Das hat gewiss mit der Unmöglichkeit des günstigen Augenblicks zu tun - den Aufstand proben - das fragt danach, inwiefern der Situation des Aufstands selbst immer schon etwas Probenhaftes zugehört, eine gewisse Vorläufigkeit, die wiederum eine Nachträglichkeit des Verantwortens berührt. Die Probe, die sich zugleich hinwendet und verschreibt, aber auch noch auf Distanz bleibt, nicht ganz die Stelle dessen beansprucht und besetzt hält, was sie schon zu verhandeln sucht. Es geht vielleicht um eine solche Form der Distanz. Sie bildet keine Grenze, sondern bedeutet eher eine Schwelle des Umschlags.
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Entlang dieser Momente der Probe tauchen ja auch Figuren auf, die im Umschlag, im Passieren einer Schwelle, über die sie nicht zurückkönnen, vielleicht auf eine Zeit verweisen, die wir nicht haben. Also diese Figuren, in ihrem unfreiwilligen, ungewissen, ungewollten oder unbedachten Ausschluss - was zeichnet sich an ihnen, in ihnen ab? Die ehemalige Bürgerrechtlerin, die keine öffentlichen Ämter bekleidet, die Frau, die den Streik nicht beendendet, der unfreiwillig Entlassene, der bewusst nicht Arbeitende usw.?
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Die Situation, in der wir vielleicht einander glauben können, gleich zu sein, in der jeder Einzelne weder über eine Sprache verfügt, noch über die Zeit, die es braucht, um zu so etwas wie einer der Situation antwortenden Sprache zu kommen.
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Dass sich die Situation mit einem Mal als irreversibel zeigt. Dass die, die in ihr sich aufgehalten hatten, nicht mehr zurück können, in einen Zustand davor.
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We done come to a point
Where it can't be denied no more
I don't even understand
What we're still in this for
I didn't mind the sacrifice
To keep our love alive
But something died so long ago
Just can't be revived
There comes a time you've got to face the situation
And make a choice in life
We're caught up in a state of hesitation
And that just won't suffice
Don't get me wrong
I done thought this through
The way you hold me used to console me
Now all I feel is the emptiness in you
 
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WO WIR UNS TRAFEN OHNE UNS ZU ERKENNEN UND UNS ERKANNTEN OHNE UNS ZU KENNEN.
Gemeinschaft ohne Gemeinschaft, Freundschaft ohne Gemeinschaft der Freunde der Einsamkeit. Keinerlei Zugehörigkeit. Keine Ähnlichkeit und keine Nähe. Ende der oikeiotes? Vielleicht. Wir haben es jedenfalls mit Freunden zu tun, die einander anzuerkennen suchen, ohne einander zu kennen. Der sie herbeiruft und hier mit sich zu Rate geht, ist sich nicht einmal dessen gewiß, daß die neuen Philosophen zu jenen freien Geistern zählen werden, die wir sind. Vielleicht wird der Bruch radikal, noch radikaler sein. Vielleicht sind es Feinde, die sich als solche nicht schon zu erkennen geben, nach denen ich hier rufe?
Zwischen Tag und Nacht, zwischen Mittag und Mitternacht braut sich diese Verschwörung zusammen, nicht ohne das Risiko des vielleicht und daher schon im unberechenbaren Vorgriff auf jenes Risiko, jenes Denken des Risikos, das die neue Philosophie auszeichnen wird. Das schon dieses vielleicht ist ein tätiges. Es zeitigt Wirkungen. An ihm selbst und in sich selbst, man könnte auch sagen: in seiner lmmanenz, obwohl diese Immanenz zugleich darin besteht, aus sich herauszutreten. Wie von selbst aus sich herauszutreten, dazu kann es nur kommen, wenn sie das oder den anderen kommen läßt, und das ist nur möglich, wenn der oder das andere mir vorhergeht und zuvorkommt, die Bedingung meiner lmmanenz ist. Sehr schwach und sehr stark zugleich, eignet dem schon des vielleicht die paradoxale Kraft eines teleopoietischen Vorstoßes. Die Teleopoiesis heißt, oder vielmehr: sie läßt die Kommenden kommen, indem sie sich zurückzieht; sie zeitigt ein Ereignis, sie stößt vor in das Zwielicht einer Freundschaft, die noch nicht existiert.
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Bindekraft des Vielleicht



Einwilligung in die Illusion
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Einwilligung in die Illusion - das ist das, was Lacan unter dem grossen Anderen versteht. Der grosse Andere ist fragil, substanzlos und virtuell. Er ist die Voraussetzung der symbolischen Ordnung in dem sich das Subjekt konsituiert. Z.B. ein anderer Clooney-Film ist sehr ähnlich wie "Up in the Air", und ebenso zynisch. Er setzt eine art Einwilligung in den Zynismus, den es danach wieder zu verwerfen gilt, voraus. In diesen beiden Filmen erscheint die Einwilligung in die Illusion an der selben Stelle, wie in der Aktion "30 jahre sind genug" der Roten Fabrik, die ein Aufruf zum Ende der Roten Fabrik insziniert hat, der von Anfang an nie ernst gemeint war. Entscheidend ist, dass gerade über dieses "als ob" die "Bindekraft des Vielleicht" wirkt, sich eine soziale Struktur herstellt. Die Bindekraft des Vielleicht wirkt also an der Stelle der Nicht-Wirkung, des Status Quo, und das wirkliche Geschehnis verhindert.
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Politik des Verzichts könnte heissen, sich zu fragen, ob politische Forderungen nicht viel eher depolitisierend wirken. Ob politische Begehren sich nicht in die Ökonomie einschreiben, statt sie zu bekämpfen. Vielleicht kann man der neoliberalen Welt nur eins entgegensetzen: NICHT ALLES ZU WOLLEN (Freiheit und Sicherheit, Genuss und Gesundheit, Globalimus 'und' Sozialstaat usw.), sondern ETWAS NICHT WOLLEN. Sich selbst zu begrenzen, sich selbst ins Knie zu schiessen, kein Argument zu haben, kein Gegenvorschlag zu unterbreiten: Das sind revolutionäre Momente, die sich inkommensurabel mit der expanisiven oder evolutionär-revolutionären Ökonomie des Kapitalismus verhalten.
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Verzicht auf Argumentation -- Haltung statt Forderung
 
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das Entziehen der Fundamente der etablierten Kodizes durch die Berührung der situativen Sprache duch die Subjekt-Sprache
 
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Die Abwesenheit einer Situation - ein Zusammenhang, der es versteht, dass es immer öfter keine Situation gibt. Vielleicht ist die Probe als Erprobung einer möglichen Situation, die durch ihre Bindekraft dann wie eine unbedachte Beschleunigung funktioniert. Nicht so auf die Versammlung angewiesen zu sein, sondern vielleicht von einer Situation der Probe zur nächsten zu gelangen. Weil im Raum der Probe überhaupt, die Möglichkeit und die Möglichkeiten der Situation wieder aufscheinen.
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Abwesenheit einer Situation'' Es gibt einen allgemeinen Kontext - den Kapitalismus, die Zivilisation, das Empire, wie man will -, einen allgemeinen Zusammenhang, der es nicht nur versteht, jede Situation zu kontrollieren, SONDERN SCHLIMMER NOCH, DANACH STREBT, DASS ES IMMER ÖFFTER KEINE SITUATION GIBT.
 
 
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Freie Radikale oder: können Einzelne Situationen haben?
 
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Beharren ohne Argumente \\ Rechthaberei \\ I'd rather not. \\ rhetorisches Stilmittel der demonstrativen Unfähigkeit \\ Resignation vor einer komplexen Welt
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Materialität der Texte, Eloquenz von Debattierenden, (Un-)Fähigkeit sich zu artikulieren und Forderungen zu stellen, "über" eine Situation zu sprechen, sich in ihr befinden.
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Im TV (bzw. auf dem Podium) wird aus der Probe Ernst, die Aufstand-Probenden begegnen geballter, hochglänzender Professionalität -- andererseits wird die Situation hochgradig formalisiert, künstlich, theatral.
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Zynismus und Probe - Die Illusion berührt die Frage der Gewissheit, die wie die Probe mit einer Bindekraft des Geschehens zu tun hat. Aber zwischen dem Wirken eines aufs Künftige gerichteten Versprechen und der sich aus dem Geschehenen verpflichtenden Sicht auf die Dinge stellt sich vielleicht der maßgeliche Unterschied ein.
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Unsichtbarkeit der Arbeitsverhältnisse und der Kämpfe


Strategie kommunizierender Räume
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Die Erwachsenen langweilen Bilder der Arbeit, die Kinder spielen sie nach.