Politik der Freundschaft


Jaques Derrida: Politik der Freundschaft.
Suhrkamp, Frankfurt 2000
Aus dem Französischen von Stefan Lorenzer. Seite 74-79



Hier begegnen wir schließlich den Nachteulen am hellen Tage, das heißt erneut uns selbst, den Vogelscheuchen, die wir heute in unserer eigensten Sache sein müssen, der Freundschaft ohne Freundschaft der einsamen Freunde, und abermals dem vielleicht, dort, wo ich euch kommen sehe, euch, die künftigen und im Kommen bleibenden Ankommenden, euch, die heraufkommenden Denker, euch, ihr Kommenden*, die neuen Philosophen. Aber ich sehe euch kommen, ich, der ich euch vielleicht schon ein wenig gleiche, euch, die ihr vielleicht ein wenig wie wir, ein wenig die Unseren seid, ihr neuen Philosophen, meine zukünftigen Leser, die ihr zu meinen Lesern nur werden könnt, wenn ihr zu neuen Philosophen werdet, das heißt nur dann, wenn ihr mich zu lesen wißt, anders gesagt: das zu denken wißt, was ich hier an meiner Stelle schreibe, nur dann, wenn ihr es im voraus versteht oder euch im voraus anschickt, und die Zeit ist nah, das gegenzuzeichnen, was ihr mir doch eben hier in einer teleopoietischen Inspiration einflüstert:

»[...] neugierig bis zum Laster, Forscher bis zur Grausamkeit, mit unbedenklichen Fingern für Unfassbares, mit Zähnen und Nägeln für das Unverdaulichste, bereit zu jedem Handwerk, das Scharfsinn und scharfe Sinne verlangt, bereit zu jedem Wagniss, Dank einem Überschusse von >freiem Willen<, mit Vorder- und Hinterseelen, denen keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, Verborgene unter den Mänteln des Lichts, Erobernde, ob wir gleich Erben und Verschwendern gleich sehn, Ordner und Sammler von früh bis Abend, Geizhälse unsres Reichthums und unsrer vollgestopften Schubfächer, haushälterisch im Lernen und Vergessen, erfinderisch in Schemaren, mitunter stolz auf Kategorien-Tafeln, mitunter Pedanten, mitunter Nachteulen der Arbeit auch am hellen Tage; ja, wenn es noth thut, selbst Vogelscheuchen - und heute thut es noth: nämlich insofern wir die geborenen geschworenen eifersüchtigen Freunde der Einsamkeit sind, unsrer eignen tiefsten mitternächtlichsten mittältlichsten Einsamkeit: - eine solche Art Menschen sind wir, wir freien Geister! und vielleicht seid auch ihr etwas davon, ihr Kommenden? ihr neuen Philosophen?-«

Gemeinschaft ohne Gemeinschaft, Freundschaft ohne Gemeinschaft der Freunde der Einsamkeit. Keinerlei Zugehörigkeit. Keine Ähnlichkeit und keine Nähe. Ende der oikeiotes? Vielleicht. Wir haben es jedenfalls mit Freunden zu tun, die einander anzuerkennen suchen, ohne einander zu kennen. Der sie herbeiruft und hier mit sich zu Rate geht, ist sich nicht einmal dessen gewiß, daß die neuen Philosophen zu jenen freien Geistern zählen werden, die wir sind. Vielleicht wird der Bruch radikal, noch radikaler sein. Vielleicht sind es Feinde, die sich als solche nicht schon zu erkennen geben, nach denen ich hier rufe? Ich verlange zumindest nicht, daß sie mir, daß sie uns gleichen werden, wie es in der zitierten französischen Übersetzung heißt. Freunde der Einsamkeit in mehr als einem Sinne: Sie lieben die Einsamkeit, gehören gemeinsam, und darin gleichen sie einander, der Welt der Einsamkeit an, der Welt der Vereinzelung, der Singularität, der Unzugehörigkeit. Aber in dieser einzigartigen Welt singulärer Einzelner sind sie Verschworene, diese »geschworenen Freunde der Einsamkeit«, ja eben dazu, sich zu verschwören, werden sie von einem der Herolde aufgerufen, von jenem, der Ich sagt, aber nicht zwangläufig der Erste ist, mag er auch einer der ersten sein, die, für unser zwanzigstes Jahrhundert, diese Gemeinschaft ohne Gemeinschaft zur Sprache gebracht haben.

Die sie zur Sprache gebracht, sie ausgerufen und also, schrecken wir vor dieser Präzisierung nicht zurück, schon begonnen haben, diese Gemeinschaft zu bilden oder diesen Bund zu schmieden. In der Sprache des Wahnsinns, die wir sprechen müssen, wir alle, die wir von der tiefsten und strengsten Notwendigkeit gezwungen werden, derart widersprüchliche, unsinnige, absurde, unmögliche, unentscheidbare Dinge auszusprechen wie »X ohne X«, »Gemeinschaft derer, die keiner Gemeinschaft angehören«, »communauté désoeuvrée«, »uneingestehbare Gemeinschaft«, derart unvertretbare und zweifellos unlesbare, ja lächerliche Syntagmen und Argu-mente, derart unbegreifliche Begriffe, die den Spott jenes guten philosophischen Gewissens auf sich ziehen, das glaubt, im Schatten der Aufklärung verharren zu können. Dort, wo das Licht der Aufklärung nicht gedacht, wo eine ganze Erbschaft unterschlagen wird. Es gibt für uns eine andere Aufklärung, mehrere, andere als diese.

Zwischen Tag und Nacht, zwischen Mittag und Mitternacht braut sich diese Verschwörung zusammen, nicht ohne das Risiko des vielleicht und daher schon im unberechenbaren Vorgriff auf jenes Risiko, jenes Denken des Risikos, das die neue Philosophie auszeichnen wird. Das schon dieses vielleicht ist ein tätiges. Es zeitigt Wirkungen. An ihm selbst und in sich selbst, man könnte auch sagen: in seiner lmmanenz, obwohl diese Immanenz zugleich darin besteht, aus sich herauszutreten. Wie von selbst aus sich herauszutreten, dazu kann es nur kommen, wenn sie das oder den anderen kommen läßt, und das ist nur möglich, wenn der oder das andere mir vorhergeht und zuvorkommt, die Bedingung meiner lmmanenz ist. Sehr schwach und sehr stark zugleich, eignet dem schon des vielleicht die paradoxale Kraft eines teleopoietischen Vorstoßes. Die Teleopoiesis heißt, oder vielmehr: sie läßt die Kommenden kommen, indem sie sich zurückzieht; sie zeitigt ein Ereignis, sie stößt vor in das Zwielicht einer Freundschaft, die noch nicht existiert.

So autobiographisch sie in der zirkulären Bewegung ihres Pfeils auch bleibt, wie ein Bumerang, dessen Flugbahn freilich den Platz des Subjekts stets wieder verändert, so sehr definiert die Teleopoiesis zugleich die allgemeine Struktur der politischen Allokution, des trügerischen Scheins wie der Wahrheit einer solchen Anrede und Ansprache. Wir sind bereits in eine bestimmte Politik der Freundschaft eingetreten. In die die »große Politik«, nicht in jene, mit der die Politologen und Politiker, zuweilen auch die Bürger der modernen Demokratie uns abspeisen, die Politik der Meinung.

Denn man sollte nicht glauben, unser vielleicht gehöre der Sphäre der Meinung an; dies wäre leichtgläubig, eine bloße, eine schlechte Meinung. Unser unglaubliches vielleicht bezeichnet nicht das Verschwommene und die Veränderlichkeit, keine dem Wissen vorhergehende oder auf jede Wahrheit verzichtende Verworrenheit. Unentscheidbar und ohne Wahrheit ist es in seinem eigenen Augenblick (aber genau das, ein eigener Augenblick, läßt sich ihm schwer zuweisen), weil es die Bedingung der Entscheidung, der Unterbrechung, der Revolution, der Verantwortung und der Wahrheit ist. Die Freunde des vielleicht sind Freunde der Wahrheit. Aber sie sind per definitionem nicht in der Wahrheit, richten sich nicht in ihr ein wie in der verriegelten Sekurität eines Dogmas oder der stabilen Verläßlichkeit einer Meinung. Die Wahrheit des vielleicht kann, wenn es sie gibt, nur jene sein, deren Freunde die Freunde sind. Nur ihre Freunde. Die Freunde der Wahrheit sind ohne die Wahrheit, auch wenn sie ohne Wahrheit nicht sein können. Wahrheit, die Wahrheit der kommenden Denker, ist nichts, was oder worin man sein, und nichts, was man besitzen könnte. Nur ihr Freund soll man sein, und das heißt auch:ein Einsamer, der eifersüchtig über seine Zurückgezogenheit wacht. Anachoretische Wahrheit dieser Wahrheit. Aber weit entfernt, das Politische weit von sich zu Weisen, überpolitisiert dieser Einsiedler den Raum der Stadt.

Daher jene bemerkenswerte Verdopplung des vielleicht (diesmal in der Form des wahrscheinlich genug*), die auf die Frage antwortet, ob die kommenden Denker, die im Kommen sind und deren Ankunft bevorsteht, »Freunde der Wahrheit« sind. Diese Freunde der Wahrheit, die sie vielleicht noch sein werden, beginnen damit, jenen fundamentalen Widerspruch aufzudecken, den keine Politik, weil sie es weder kann noch darf, jemals in den Griff bekommen wird, den Widerspruch, der dem Begriff des Gemeinsamen und der Gemeinschaft selbst innewohnt. Denn das Gemeinsame ist selten; und das gemeinsame Maß - das dachte auch der homme des foules Baudelaires - eine Seltenheit für die Seltenen. Wieviele sind es? Wieviele sind wir? Unberechenbare Gleichheit dieser Freunde der Einsamkeit, dieser inkommensurablen Subjekte, dieser Subjekte ohne Subjekt und ohne Intersubjektivität.

Was könnte ein Demokrat mit dieser Freundschaft, mit dieser Wahrheit, mit diesem Widerspruch anfangen? Der Demokrat, den wir kennen und der damit wahrlich nicht vertraut ist? Er ist vor allem nicht daran gewöhnt, »Wahrheit« in Anführungszeichen zu setzen.

Hören wir also. Und geben wir zunächst ein Tempus, von dem die gängigen Übersetzungen glaubten, sie müßten es der Zukunft zusprechen, der Gegenwart zurück. Jene, die die Zukunft sind, sind im Begriff zu kommen, jetzt, mögen diese Ankommenden auch noch nicht angekommen sein. Ihre Gegenwart ist nicht gegenwärtig, sie ist keine Aktualität, aber sie sind dabei zu kommen, sie sind Ankommende, weil sie kommen werden oder im Kommen sind: ils vont venir. »Sie werden sein« heißt, daß sie jenes sind, was kommen wird, ce qui va venir, denn dies ist ein Satz im Präsens, er spricht (im Französischen) die zuweilen vorhergesehene, zuweilen unausweichliche Gegenwärtigung der Zukunft aus. Wir befinden uns im § 43 von Jenseits von Gut und Böse; und die »Wahrheit« wird zwischen Anführungszeichen in der Schwebe gehalten:

»Sind es neue Freunde der >Wahrheit<, diese kommenden Philosophen? Wahrscheinlich genug [probablement sagen die französischen Übersetzer und lassen damit die Anspielung auf das Wahre fallen; denn diese Antwort auf die Frage nach der Wahrheit, der Freundschaft gegenüber der Wahrheit, kann zwar nicht wahr oder gesichert sein, gewiß, aber diese Wahrscheinlichkeit ist doch bereits auf die Freundschaft gegenüber der Wahrheit ausgerichtet]: denn alle Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten.«

Ich habe bisher unterstrichen; wir werden sehr viel später auf die Tragweite diese Wortes zurückkommen. Ihre Wahrheiten, die ihren, und diesmal ohne Anführungszeichen, das ist es, was die Philosophen geliebt haben. Steht das nicht im Widerspruch zur Wahrheit selbst? Aber wie sollte man, wenn man die Wahrheit lieben muß (und muß man das nicht?), etwas anderes lieben als seine eigene Wahrheit, eine Wahrheit, die man sich aneignen kann? Nietzsches Antwort lautet (aber was könnte ein Demokrat mit ihr anfangen?): Weit entfernt, die Form der Wahrheit selbst zu sein, versteckt sich in der Universalisierung die List aller Dogmatismen. Und das Gemeinsam-sein oder das geteilte, gemeinsame Sein ist nur ein dogmatisches Stratagem, eine List des gesunden Menschenverstandes, des gemeinen Sinnes der Gemeinschaft: Die Vergemeinschaftung führt die Vernunft nur im Munde, um zur Vernunft und unter Kontrolle zu bringen. Und wir werden sehen, daß sich auch hier unweigerlich die Frage anscheinend arithmetischen Typs stellt, auf deren aristotelische Dimension wir einen ersten und flüchtigen Blick geworfen haben, die Frage nach der Zahl der Freunde, die Frage nach der großen Zahl als politische Frage der Wahrheit.

»[...] denn alle Philosophen liebten bisher ihre Wahrheiten. Sicherlich aber werden es keine Dogmatiker sein. Es muss ihnen wider den Stolz gehn, auch wider den Geschmack, wenn ihre Wahrheit gar noch eine Wahrheit für Jedermann sein soll: was bisher [ich unterstreiche, J. D.] der geheime Wunsch und Hintersinn aller dogmatischen Bestrebungen war. >Mein Urtheil ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht< - sagt vielleicht solch ein Philosoph der Zukunft. Man muss den schlechten Geschmack von sich abthun, mit Vielen übereinstimmen zu wollen. >Gut< ist nicht mehr gut, wenn der Nachbar es in den Mund nimmt. Und wie könnte es gar ein >Gemeingut< geben! Das Wort widerspricht sich selbst: was gemein sein kann, hat immer nur wenig Werth. Zuletzt muss es so stehn, wie es steht und immer stand: die grossen Dinge bleiben für die Grossen übrig, die Abgründe für die Tiefen, die Zartheiten und Schauder für die Feinen [die Feinen, die Subtilen, die Raffinierten, aber auch die Schwachen, die Verletzlichen, denn die Aristokratie dieser Auserwählten-Wahrheit ist zugleich eine Aristokratie der Stärke und der Schwache, ein bestimmtes Vermögen, verletzt zu werden], und, im Ganzen und Kurzen, alles Seltene für die Seltenen.« (43)

Das also wird dieser Philosoph der Zukunft vielleicht sagen. Das würde er vielleicht sagen, der Freund der Wahrheit, aber einer verrückten Wahrheit, der verrückte Freund einer Wahrheit, die vom Gemeinsamen so wenig weiß wie vom gemeinen Verstand (»Ich, der lebende Tor«), der Freund einer in Anführungszeichen gesetzten Wahrheit, die auf einen Schlag alle Zeichen umkehrt.