NETZWERK UNABHÄNGIGER PROJEKTRÄUME UND -INIIATIVEN



KULTURPOLITISCHES POSITIONSPAPIER DES BERLINER NETZWERKS FREIER PROJEKTRÄUME UND -INITIATIVEN (Stand 31.03.2011)

In den letzten Jahren haben sich durch die besondere Anziehungskraft der Stadt und die noch günstigen Lebensbedingungen viele nichtkommerzielle Projekträume und -initiativen in Berlin angesiedelt. Diese Projekträume und -initiativen bereiten den Nährboden, auf dem eine vitale, innovative und kritische Kunstszene reift, sich ausprobiert und eigene, interdisziplinäre Arbeitsmodelle entwickelt. Sie bieten Freiräume für eine sich abseits vom Kunstmarkt etablierende künstlerische Praxis. Projekträume und -initiativen sind ein Motor der pulsierenden Kunstszene. Sie steigern die Attraktivität Berlins als international anerkannte Stadt der Gegenwartskunst.

In den Projekträumen und -initiativen gewinnen transdisziplinäre Arbeitsweisen, spartenübergreifendes Herangehen, partizipative Ansätze, künstlerische Forschung und diskursive Formate in der künstlerischen Praxis zunehmend an Relevanz. Daraus folgen veränderte Produktionsabläufe und Präsentationsformen. Durch ihre Arbeitsweisen und Organisationsstrukturen schaffen Projekträume und -initiativen die den Veränderungen entsprechenden Bedingungen.

Die gegenwärtige Kultur- und Förderpolitik des Landes Berlin wird der Bedeutung der nichtkommerziellen Projekträume und -initiativen nicht gerecht. Es fehlt eine angemessene flexible öffentliche Förderstruktur, die die selbstorganisierte Dynamik berücksichtigt. Neue Förderlinien und Förderprogramme sind notwendig, die diesen veränderten prozessorientierten Produktionsabläufen, den Arbeitsweisen und Organisationsstrukturen anzupassen sind. Nur so können Projekträume und -initiativen ihre Wirkkraft zukünftig nachhaltig entfalten.


BESONDERHEITEN DER PROJEKTRÄUME UND -INITIATIVEN

Projekträume und -initiativen sind Labore und bieten Raum für eine künstlerische Praxis, die mehr prozess- als produktorientiert ist, einen kollaborativen und/oder partizipativen Ansatz verfolgt, die dialogische und/oder diskursive Formate einsetzt. Sie ist geprägt durch ihren besonderen Bezug zum Kontext. Nicht selten wird das Sprechen über ihn abgelöst vom Agieren des/der Künstler/in in ihm. Der Austausch über gesellschaftlich relevante Themen steht im Vordergrund. Künstlerische Arbeitsprozesse sind erfahrbar. Ihre Bedingungen werden mit reflektiert.

Aus dieser Praxis, so vielfältig sie sich darstellt, entstehen komplexe Werkformen und Projekte, die schwer in stringente Formate passen, nicht mehr dem üblichen Ablauf bestimmter Projektphasen folgen und die Methoden und Verfahren aus anderen Disziplinen und Sparten einbeziehen. Ihre Präsentationsformen können gängige Ausstellungsformate sprengen. Die strikte Trennung zwischen Produktion/Arbeitsprozess und Präsentation wird aufgehoben. Längere und gewichtigere Vorlaufphasen für das Konzipieren von Projekten sind zum Teil nötig.

Die Arbeitsweise der Projekträume und -initiativen kommt dem entgegen. In ihrer Art der Selbstorganisation können sie flexibel reagieren. Die kollaborative, informelle Dynamik, die den Projekträumen und -initiativen eigen ist, stellt Nähe zwischen den Raumbetreibern, Initiator/innen, den Künstler/innen, den Kurator/innen, den Mitorganisator/innen, den Beteiligten und den Besucher/innen her. Oft genug sind eine Vielzahl von Menschen aus dem Umfeld des Projektraumes und der Initiative aktiv und übernehmen Aufgaben. Rollen wechseln: Künstler/innen sind Putzpersonal, sind Kurator/innen, sind Aufbauhelfer/innen, sind Publizist/innen, sind Projektmanager/innen, sind Kunstvermittler/innen, sind Beteiligte.

Projekträume und -initiativen bieten intime Formen der Kommunikation und der Aktion. Dadurch verringern sie die Distanz zu ihren Besucher/innen. Sie sprechen nicht nur das prononciert kunst- und kulturinteressierte Publikum an, sondern geben Impulse an andere Bevölkerungsgruppen. Der intensive Kontakt zu anderen Disziplinen und Sparten (z. B. Theoretiker/innen, Designer/innen, Stadtentwickler/innen, Aktivist/innen) wird vielerorts gepflegt. Über Ausstellungen hinaus und zum Teil unabhängig davon werden Präsentationen, Talks, Kurse, Workshops, Symposien, Fachtagungen und Vorträge organisiert.

Projekträume und -initiativen vertiefen das Verständnis für Arbeitsprozesse der Kulturproduktion und fördern intensive Kooperationen. Sie helfen innovatives Potenzial zu entdecken und fördern junge, nicht etablierte Künstler/innen, die es schwer haben, im Kunstbetrieb Fuß zu fassen oder nicht kunstsystemkompatibel sind. Projekträume und -initiativen tragen damit zur Erhaltung der Vielfalt künstlerischer Praxis bei.

Projekträume und -initiativen fördern – bei gleichzeitigem Hinterfragen ihrer eigene Produktionsweise – die Auseinandersetzung mit und die kritische Betrachtung von Formaten. Das Experimentieren mit Präsentationsformen oder die Offenlegung von Produktionsbedingungen üben auf den Kunstbetrieb Einfluss aus. So finden sich integrale Bestandteile der Praxis selbstorganisierter Projekträume und -initiativen inzwischen auch dort. Themen wie z. B. Selbstorganisation und Bildung, Kunst und Aktivismus, Kunst und Wirtschaft finden in jüngster Zeit Eingang in die etablierten Diskurse. Sichtbar ist dies sowohl in Postgraduiertenprogrammen als auch in den Biennalen, aber auch graduelle Verschiebungen von Präsentationsformaten wie dem Changieren zwischen Ausstellung und Archiv oder zwischen Vortrag und Performance.

Projekträume und- initiativen in ihrer Funktionen als Labore, als Experimentierräume, als Orte kritischen Austauschs und der Erprobung neuer Formate sind in ihrer eigenständigen Qualität würdig, besser gefördert zu werden.


WELCHE VERÄNDERUNGEN IN DER FÖRDERPOLITIK HALTEN WIR FÜR NOTWENDIG?

Wir brauchen mehr Flexibilität in der Förderstruktur, die Berücksichtigung anderer Förderkriterien und zusätzliche Programme, die über die Projektförderung hinausgehen. Wir schlagen vor, im Dialog mit der Kulturverwaltung und politischen Entscheidungsträgern neue Förderleitlinien und Förderprogramme zu entwickeln, die den Bedürfnissen der dargestellten künstlerischen Praxis und der Arbeitsweise der Projekträume und -initiativen angepasst sind. Der Bedeutung selbstorganisierter Projekträume für die Kunstszene Berlins entsprechend, befürworten wir eine Erhöhung der Fördermittel, die Projekträumen und -initiativen zugesprochen werden.
Folgende Aspekte müssen dabei berücksichtigt werden:

entsprechend der Produktionsweise selbstorganisierter Projekträume bedarf es - kürzerer Antragsfristen - der Möglichkeit, zeitnah und unbürokratisch geringe Fördersummen abzurufen (vgl. früheren Feuerwehrtopf des Kulturamts Mitte) - des flexibleren Umgangs mit Kostenstellen innerhalb eines bewilligten Budgets - der Wiedereinführung einer Kostenstelle für Unvorhergesehenes - der Berücksichtigung transdisziplinärer und übergreifender Projektansätze, deren Formate sich nicht eindeutig einer Sparte zuordnen lassen

um selbstorganisierten Projekträumen Planungssicherheit zu ermöglichen, braucht es
- die Einrichtung einer mehrjährigen Basisförderung (vgl. Theaterbereich), die die Aufwendungen (unabhängig von Projektkosten) und Betriebskosten des/der Projekträume und -initiativen abdeckt
- ein erweitertes Produktionsverständnis, das auch Produktionsphasen wie Konzeption, Programmentwicklung, Vor- und Nachbereitung von Projekten und Produktionen miteinbezieht und diese angemessen entlohnt
- angemessene Honorare für Künstler/innen, Kurator/innen und andere Projektbeteiligte


verfasst vom Berliner Netzwerk freier Projekträume und -initiativen


Das Berliner Netzwerk freier Projekträume und -initiativen ist ein seit August 2009 existierender loser Zusammenschluss. Nach einer Bestandsaufnahme von Wünschen, Ideen und Bedürfnissen finden seit Anfang 2010 in einem jeweils anderen Projektraum Arbeitstreffen zu den verschiedenen erarbeiteten Themenschwerpunkten statt. Ziel des Netzwerks ist, eine langfristige Struktur zu etablieren, um neue Formen von Kooperation und Austausch zu ermöglichen, sich politisch zu artikulieren und für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen einzutreten.
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