PROJEKT EINER ZEITSCHRIFT


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Eine Zeitschrift kann dazu dienen, latenten, aber noch undeutlichen Tendenzen Form zu verleihen; sie kann schließlich ein kollektives schöpferisches Werk der Überschreitung sein. Jeder wird verantwortlich für Behauptungen, deren Autor er nicht ist, für eine Suche, die nicht einzig die seine ist, er vertritt ein Wissen, das er ursprünglich nicht durch sich selbst besitzt. Das ist der Sinn der Zeitschrift als kollektive Möglichkeit. Sie nimmt eine Stellung zwischen Leser und Autor ein. Von hier aus ergibt sich die Notwendigkeit einer großen gemeinsamen Arbeit und, da Einstimmigkeit weder möglich noch wünschenswert ist, die Notwendigkeit, Diskussion und Dialog in der Zeitschrift selbst fortzusetzen.
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Paris, den 2. Dezember 1960(1)

Mein lieber Sartre,

Ich möchte Ihnen gerne meine Überlegungen zu den geplanten Veränderungen des Zeitschriften-Projekts mitteilen. Ich halte es für sehr wichtig, dass Sie dieses Vorhaben im Zusammenhang mit dem Ereignis entworfen haben, das die Erklärung ist.(2) Es ist gut möglich, dass die intellektuelle Zukunft von der Art und Weise abhängt, in der sich dieses Projekt realisieren wird.
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Vorstellung eines gemeinsamen Schreibens, das in gewisser Weise untrennbar wäre von der Intervention ins Öffentliche, die Blanchot für notwendig erachtet (die Forderung nach einem anonymen Schreiben läuft parallel mit dem politischen Engagement im Öffentlichen)
das ist eigentlich komplexer, weil zugleich so etwas wie ein Anonym der Schreibenden Einsatz findet, und eine Signatur, allerdings als Unterzeichnende, die eher so etwas wie Bekräftigung des Geschriebenen ist, ohne den Ort der Autorschaft einzunehmen, sie fügen sich eher dem Gesagten hinzu wie dessen erste Leser
das Unterzeichnen, das in die Spur des Lesens versetzt
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um zu unterstreichen:













dass ihre Sprache eine Macht der Entscheidung besitzt

Für das derzeitige Zeitschriftenprojekt besteht diese Notwendigkeit in besonderem Maße; als Zeitschrift, die international ist, muss sie dies auf wesentliche Weise sein; nicht nur multinational, auch nicht universell im Sinne einer abstrakten Universalität, die Problemen eine nur unbestimmte und leere Identität verleiht, sondern als Ort und als Mittel, um die literarischen, philosophischen, politischen und sozialen Probleme, so wie sie sich in den Bestimmungen jeder einzelnen Sprache und im jeweiligen nationalen Zusammenhang stellen, zu gemeinschaftlichen werden zu lassen. Was voraussetzt, dass jeder auf ein exklusives Recht, diese Probleme zu besitzen und sie in den Blick zu nehmen, verzichtet und anerkennt, dass diese Probleme auch allen anderen gehören, und somit akzeptiert, sie in der gemeinsamen Perspektive zu betrachten.
Eine Zeitschrift also nicht nur des Austausches, sondern ein Raum der Fragen, der Diskussion und des Dialogs.
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Wie Sie sofort erkannt haben, hat eine Bewegung von großer Bedeutung ihren Anfang genommen. Die Intellektuellen, ich meine viele unter ihnen, Schriftsteller, Künstler, Gelehrte, die sich bis dahin anscheinend nur um ihre eigene Aktivität sorgten, haben den Anspruch erkannt, der dieser Aktivität eigen ist, und sie haben eingesehen, dass dieser Anspruch sie heute dazu bringt, politische Stellungnahmen abzugeben, die einen radikalen Charakter haben. Diese Intellektuellen haben erkannt (manchmal im Lichte der Moral, aber das spielt keine Rolle), dass ihre Sprache eine Macht der Entscheidung besitzt, auf die sie selbst in einer Bewegung, die viel weiter geht als das bloße Gefühl der Verantwortlichkeit, antworten müssen. Sie haben auch - und das ist nicht der am wenigsten bedeutsame Zug - die Erfahrung eines Miteinanderseins gemacht, und ich denke nicht nur an den kollektiven Charakter der Erklärung, sondern an ihre unpersönliche Kraft, an die Tatsache, dass all diejenigen, die sie unterzeichnet haben, gewiss ihren Namen dafür gegeben haben, aber ohne sich auf ihre partikulare Wahrheit oder die Berühmtheit dieses Namens zu berufen. Die Erklärung stellte für sie durch ein bemerkenswertes Verhältnis, das gerade die Autorität der Justiz instinktiv zu zerschlagen sucht, eine gewisse anonyme Gemeinschaft von Namen dar.
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Derrida meint, die Signatur ist auch ein Kredit. Sich in eine Schuld zu versetzen. das heisst, sich etwas zu verschreiben für das man eine Verantwortung übernimmt und da die schrift überlebt auch über das Leben hinaus. Das ist auch das, was man als "Wahrheitsprozess" bezeichnen könnte, also sich diesem "Wahrheitsprozess" zu verschreiben und für das kommende Verantwortung zu übernehmen, für kommende Leser und Schreiber. Das heisst schliesslich, sich dieser Bewegung zu verschreiben. Und auf der anderen seite findet so etwas wie eine Anonymisierung statt, von der Blanchot spricht. Nämlich druch die Dopplung der Signatur. das heisst auch, verwechsle mein schreiben nicht mit meinem leben. von daher kann man Anonym und Signatur beginnen nicht als gegenteilig zu denken, sondern als denselben Prozess einer Auslöschung des partikulärenIichs. Dieses Verhältnis von Signatur und Anonymität zeigt sich unmittelbar in der Geste des Unterzeichnens, etwas verschoben vielleicht, und es ist auch das Echo auf das Verhältnis von Schreibenden und Lesenden (als ob die Unterzeichnenden schon die Lesenden wären und nicht mehr einfach den Schreibenden angehören, also sich im Unterzeichnen schon diese andere Öffentlichkeit herstellt).

und diese anonyme Gemeinschaft von Namen (instinktiv) attackiert die Autorität (!) der Justiz, das deutet auch auf die Differenz von Recht/Gerechtigkeit, denk ich, im Begriff der Autorität (und worauf bezieht sich die Autorität, wenn nicht auf eine gewisse Logik des Namens, des Eigennamens)



(Eine Zeitlichkeit der Unterbrechung - in gewisser Weise die Möglichkeit der Intervention, die erstmal die Einfügung einer anderen Zeit ist: eine Zeit, die das, was geschieht, offen hält fürs Lesen.)
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So sind sich die Intellektuellen der neuen Macht bewusst geworden, die sie darstellen, sowie, wenngleich auf unklare Weise, der Originalität dieser Macht (Macht ohne Macht). Zugleich haben auch die Organe der sowohl offiziellen als auch oppositionellen politischen Führung mit Erstaunen, mit Irritation diese Macht wahrgenommen, und sie haben, die einen konstatierend, die anderen sanktionierend, zu ihrer Bestärkung beigetragen. Daraus erklärt sich die unkontrollierte Reaktion der Regierung, ihre ungeschickte Gewalt, ihre erste Entscheidung dazu, unsere Kraft zu brechen, und dann heute ihr Wille, das Ereignis einzuschläfern, die Geschichte zu beschwichtigen, sie unbedeutend zu machen.
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Öffentlichkeit - Gegenöffentlichkeit - Öffnung - Offenbahrung.













Ranciere schreibt: "Der Übergang von einem Zeitalter der Sprache zu einem anderen ist keine Angelegenheit eines Aufstands, den man unterdrücken könnte, er ist Sache einer fortschreitenden Offenbarung, die sich an ihren Zeichen erkennen lässt, und gegen die man nicht ankämpft"
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um zu unterstreichen



dass die Erklärung ihre wahre Bedeutung nur fände, wenn sie der Anfang von etwas wäre
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Sie haben mich an das erinnert, was ich gelegentlich sagen musste und immer im Stillen gedacht habe: dass die Erklärung ihre wahre Bedeutung nur fände, wenn sie der Anfang von etwas wäre. Ich füge hinzu, dass mehrere, die über das nachgedacht haben, was passiert ist, dasselbe Gefühl haben und gemäß ihrer Mittel versuchen, diese Art von anfänglicher Wahrheit zum Ausdruck zu bringen. So habe ich zum Beispiel seit unserer letzten Begegnung erfahren, dass Maurice Nadeau(3) ein Projekt entworfen hatte, das dem Ihren entspricht: Genau wie Sie wünschen, in den Temps Modernes(4) der Literatur einen größeren Platz einzuräumen, um die neuen Verbindungen von politischer und literarischer Verantwortung spürbar zu machen, so hat Nadeau – in umgekehrter Weise, aber in der gleichen Perspektive – die Absicht, der politischen und sozialen Kritik in seiner Zeitschrift einen wichtigen Anteil zu geben.
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vielleicht ist dieses verknüpft sein mit, verbunden sein mit seiner zeit das was uns jetzt interessiert. der Übergang von einem Zeitalter der Sprache in ein anderes, das wird ja vielleicht gerade markiert vom ausbleiben eines effekts (des garanten), als hinweis darauf, dass sich diese verbindung, dieses sich bemerkbar machen einen neuen ort, eine neue form sucht. vielleicht ist dieses verknüpft sein mit, verbunden sein mit seiner zeit das was uns jetzt interessiert. der Übergang von einem Zeitalter der Sprache in ein anderes, das wird ja vielleicht gerade markiert vom ausbleiben eines effekts (des garanten), als hinweis darauf, dass sich diese verbindung, dieses sich bemerkbar machen einen neuen ort, eine neue form sucht. also, was ich zu denken versuche, ist, inwiefern selbst die Ereignisse, die sozusagen vor aller Augen stattfinden, noch wie unbemerkt unsere Zeit passieren. Öffentlichkeit - Gegenöffentlichkeit - Öffnung - Offenbahrung.













Die Gegenöffentlichkeit legt die Ereignisse ja nicht einfach anders aus, sondern sie führt ein anderes zeitliches Verhältnis ein, eine neue bedinung des zeitlichen vielleicht überhaupt. zumindest fiel mir das in Bezug auf den Arabischen Frühling auf, der Mangel an Öffentlichkeit (also als Offenes im messianischen Gestus) in den westlichen Ländern - das wäre vielleicht ein Beispiel von etwas, das auf gespenstische Art wie unbemerkt die Register des Alltäglichen passiert und das ein Intervenieren als Einfügung einer anderen Zeit (Präsenz) erfordert hätte oder hat.
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All das scheint mir bemerkenswert und bedeutungsvoll.
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diese Engführung von einer Befragung des Schreibens (am Platz des Autors) und einer Öffnung/eines Offenhalten des Ereignisses (für dessen Appropriation, d. h. Exappropriation in diesem Fall, dem Fall der annektierten Staatsmacht durch den fast unbemerkten Coup, oder eher, den befremdlich sanktionierten Coup d'Etat), die interessiert mich, eben auch als konkrete Frage an uns, wo/wie sich dieses Projekt einer Zeitschrift entwirft und praktiziert im Entwurf - dass das nicht voneinaner zu lösen ist - auf ein Ereingnis hin, das bereits stattgefunden hat
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Die Gewichtigkeit des Projekts: Wir alle sind uns bewusst, dass wir uns einer extremen Bewegung innerhalb der Zeit annähern, etwas, das ich einen Zeitenwechsel nennen würde. Damit wird nicht nur auf besondere Möglichkeiten historischer Umwälzungen verwiesen (in Frankreich eine Regierung, die unentwegt bedroht ist von den Kräften, die sie selbst herbeigerufen hat; in der Welt die Berlin-Frage und viele andere); sondern viel schwerwiegender: Es bedeutet, dass sämtliche Probleme von internationaler Dimension sind und dass auch die geringsten internationalen Probleme unlösbar werden, denn sie dienen nur dazu, einen Spannungszustand zu erhalten und zum Ausdruck zu bringen, welcher dergestalt ist, dass der Rückgriff auf die traditionelle Idee des Friedens radikal ausgeschlossen ist und ein Krieg - ein guter klassischer Krieg - wie das Nachlassen dieses Spannungszustands erscheinen könnte (daher die Kriegsspannung).
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Jedoch muss ich zugeben, dass mir weder im einen noch im anderen Fall die Umgestaltungen wirklich auf der Höhe jener Veränderung zu sein scheinen, die sie anzeigen müssten. Was werden wir haben? Von außen betrachtet hätten wir letzten Endes literarischere T[emps] M[odernes] und politischere L[ettres] N[ouvelies]: Das ist viel, das ist wenig, umso mehr, als in beiden Fällen sich erworbene Gewohnheiten durchzusetzen drohen. Die Erfahrung zeigt, dass man zwar, wenngleich nicht ohne Risiko, eine Zeitschrift erneuern kann, aber nicht mit einer alten eine neue Zeitschrift machen kann, die mit neuer Macht ausgestattet wäre; in jedem Fall ist es sehr schwierig und fordert einen noch größeren Willen zum Bruch, da dieser, um sich zu realisieren, materielle Mittel besitzt, die nur teilweise erneuert werden.
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Unterstreichen müsste man: ihre ungeschickte Gewalt - das gilt im besonderen Maße zum Beispiel für die aktuelle Regierung in Berlin, die ist ja auch von einer ungeschickten Gewalt gekennzeichnet, also einem ungeschickten Handeln, das zunehmend sich in der Geste des Souveräns zu behaupten sucht.
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um zu unterstreichen:













neu gewählten Form auszudrücken, dann wird jeder, und ich meine damit nicht nur die Schriftsteller, die unbestimmte Öffentlichkeit, sondern die gesamte intellektuelle Jugend verstehen, dass wir wirklich in eine neue Phase eintreten und dass etwas Entscheidendes stattfindet, das nach einem Ausdruck strebt.
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Ich würde gerne mein eigenes Gefühl so formulieren: Ich glaube, wenn wir, wie es nötig ist, die Veränderung, von der wir alle eine Ahnung haben, unmissverständlich darstellen wollen; wenn wir sie in ihrer sich wandelnden Gegenwärtigkeit, in ihrer neuartigen Wahrheit wirklicher machen und vertiefen wollen, dann wird dies nur aus einem neuen Organ heraus möglich sein. Wenn man Sartre und mit ihm weitere aus dem Kreis der 121 sieht, wie sie sich entscheiden, sich in dieser als bewusst neu gewählten Form auszudrücken, dann wird jeder, und ich meine damit nicht nur die Schriftsteller, die unbestimmte Öffentlichkeit, sondern die gesamte intellektuelle Jugend verstehen, dass wir wirklich in eine neue Phase eintreten und dass etwas Entscheidendes stattfindet, das nach einem Ausdruck strebt. Ich füge hinzu, dass ich von einem neuen Organ auch aus einem anderen Grund spreche: Ich glaube kaum, dass eine Zeitschrift mit schönen literarischen Erzählungen, mit schönen Gedichten, politischen Kommentaren, Untersuchungen sozialer, ethnologischer Art usw. von Interesse wäre; eine solche Mischung droht immer unentschlossen zu sein, ohne Wahrheit, ohne Notwendigkeit. Ich glaube vielmehr, dass eine Zeitschrift für totale Kritik,(5) für eine Kritik, in der die Literatur in ihrem eigentlichen Sinne (mithilfe auch von Texten) erfasst wird, wo wissenschaftliche Entdeckungen, die oft nicht sehr deutlich hervortreten, der Gesamtsicht einer Kritik unterzogen werden, wo sämtliche Strukturen unserer Welt, alle Existenzformen dieser Welt, in die gleiche Bewegung der Untersuchung, der Forschung und der Infragestellung eingehen: Eine Zeitschrift also, in der auch das Wort >Kritik< seine Bedeutung wiedererlangt, welche darin liegt, allumfassend zu sein, hätte heute, genau heute, sehr große Bedeutsamkeit und Handlungskraft. Dies ist ein Projekt, dessen Schwierigkeiten ich sehe, das natürlich anfechtbar ist, aber das vielleicht als Ausgangspunkt gelten könnte oder über das wir zumindest beginnen könnten, uns Fragen zu stellen.
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die frage der teil-habe und das öffnen vielleicht nochmals versuchen anders zu denken:

eine erhöhte Spannung, ein nervöses Lesen

das Editieren, als ein wiederholtes Schreiben, das muss man vielleicht auch so verstehen, dass es nicht um einen redaktionelle Vorgang sich handelt, sondern um ein wiederholtes Schreiben, dass sich immer weiter dem öffnet, von dem es zu sprechen sich vorgegeben hat
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um zu unterstreichen:


























Es ist diese Übereinstimmung, die durch eine neue Zeitschrift dargestellt werden müsste.
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Ich kenne zwar meinen Widerwillen dagegen, mich an jener Form der literarischen Realität zu beteiligen, die eine Zeitschrift darstellt, und mich durch die Teilnahme an einer solchen in eine Rolle zu bringen, die nur allzu schlecht meinen Mitteln entspricht. Aber ich wäre in der Lage, diesen Widerwillen zu überwinden, freilich nur dann, wenn es sich um ein Vorhaben handelte, das stark genug ist, dass all die Gründe, die mich dazu gebracht haben, an der Erklärung der 121 mitzuwirken, sich darin wiederfinden und sich entwickeln könnten. Wir wissen alle, dass wir uns auf eine Krise zu bewegen, die nichts weiter tut als die kritische Situation, in der wir uns befinden, nur noch deutlicher zu machen (eine Krise, derart, dass der militärische Gewaltstreich nur einen ihrer mittelmäßigen Aspekte darstellt). Ich wäre glücklich, in dieser wie auch in einer weiteren Perspektive mit Ihnen zusammenzuarbeiten, wie wir es auf so nützliche Weise durch die Erklärung zu tun begonnen haben, unter der Bedingung natürlich, dass die Übereinkunft nicht nur zwischen uns allein besteht, sondern zwischen all den Intellektuellen, die sich dessen, was heute auf dem Spiel steht, ganz und gar bewusst sind. Es ist diese Übereinstimmung, die durch eine neue Zeitschrift dargestellt werden müsste.

Maurice Blanchot
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1 Dieser Brief an Jean-Paul Sartre wurde zum ersten Mal in einer dem Projekt der Revue internationale gewidmeten Nummer der Zeitschrift Lignes (Nr. 11, Erste Serie, 1990) veröffentlicht.
Das Vorhaben einer deutsch-italienisch-französischen Zeitschrift, zeitweise mit österreichischer, englischer, polnischer und spanischer Beteiligung geplant, war 1960 ausgehend von der internationalen Unterstützung entstanden, die die Verfasser der Erklärung der 121 von Schriftstellern und anderen erhalten hatten. Neben der französischen Gruppe um Mascolo waren es vor allem Hans Magnus Enzensberger und Elio Vittorini, die das Projekt anfangs vorantrieben. Zur Beteiligung Sartres kam es nicht.

2 Maurice Blanchot schreibt am 8. August 1960, also einen Monat vor der Fertigstellung der Erklärung der 121 und unter Bezugnahme auf diese »Geschichte mit Algerien«, dass man »eines Tages Schriftsteller aller Sprachen um einen Text versammeln [müsste], natürlich unter der Bedingung, dass dieser Text nicht nur vage ist, sondern auch ausdrückt, wie die Wahrheit des Schriftstellers, die ihnen gemein ist, sie auch dazu verpflichtet, sich gleichermaßen nm diese Sache zu kümmern« (zitiert nach Bident, Maurice Blanchot, S. 397.).
3 Maurice Nadeau hatte 1953 die Lettres Nouvelles als vornehmlich der Literatur und der Literaturkritik gewidmete Zeitschrift gegründet.
4 Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir hatten die Zeitschrift Les temps modernes 1945 gegründet; zum ersten Redaktionskomitee gehörten Raymond Aron, Michel Leiris, Maurice Merleau-Ponty, Albert Olivier und Jean Paulhan.
5 Man mag an das nicht realisierte Projekt einer Zeitschrift für Kritik denken, das im Jenaer Kreis (Schelling, Schlegel, Novalis) als Nachfolger des Athenäum diskutiert wurde. Vgl. den Artikel von Blanchot in: L'entredien infini, S. 515-527 [deutsche Übersetzung: »Athenäum«, in: Volker Bohn (Hg.), Romantik. Literatur und Philosophie, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1987, S. 107-121]. Die Zeitschrift der Frühromantiker: Die »Antizipation dessen, was man als Schreiben der Mehrzahl [écriture plurielle] bezeichnen könnte« (S. 526 / S. 519, Übers. leicht geändert).
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Die Zeitschrift steht historisch eigentlich am Beginn des Begriffs von Öffenlichkeit. Das ist mit einer massgeblichen die Reaktion der Romantik auf die Aufklärung verbunden. Und diese Intervention erfolgte zuerst über die Kanäle der Zeitschrift. Es bildeten sich Meinungen und Gegenpositionen in diesen öffentlichen Publikationsorganen. Dies geschah losgelöst vom Staat, der es aber zur Kenntnis nehmen musste. Die kritische öffentliche Meinung entwickelte sich selbst zu einer neuen Institution, die die Politik- und Machtinteressen der Regierung begrenzte (Gegenöffentlichkeit) und die Basis für demokratische Prozesse wurden . Denn die Prozesse der Demokratisierung und der Aufklärung liefen eigentlich erst hier zusammen, beeinflusst durch die französische Revolution und nach dem Vorbild der französischen Salons. Und auf dieser Linie wäre auch dieser Brief an Sartre zu erwähnen, der ein sogenannt offener Brief ist, der in der Zeitschrift Lignes erschien (auch wenn der Brief erst 30 Jahre später veröffentlicht wurde). Ich denke, da entstehen durch das Schreiben, die Zeitschrift, die Adressierung und das Öffentliche schon viel wichtige Schnittpunkte, die uns für das Projekt wichtig erscheinen.
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dieses Verhältnis von Signatur und Anonymität zeigt sich unmittelbar in der Geste des Unterzeichnens, etwas verschoben vielleicht, und es ist auch Echo auf das Verhältnis von Schreibenden und Lesenden (als ob die Unterzeichnenden schon die Lesenden wären und nicht mehr einfach den Schreibenden angehören, also sich im Unterzeichnen schon diese andere Öffentlichkeit herstellt)
und dieses Herstellen von Öffentlichkeit hat sich im Laufe der Geschichte verändert, es hat seine Zeitlichkeit eingebüßt (und darin liegt für mich in gewisser Weise die Möglichkeit der Intervention, die erstmal die Einfügung einer anderen Zeit ist; eine Zeit, die das, was geschieht, offen hält fürs Lesen sozusagen)
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Das Projekt einer Zeitschrift
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