PROJEKT EINER ZEITSCHRIFT


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Natürlich kann die herrschende Ordnung diejenigen, die sprechen, jederzeit treffen und mit Strafe belegen. Die Rede selbst jedoch bleibt unangetastet. Sie wurde gesprochen und wird gesprochen bleiben.
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Rancière schreibt:
"Der Übergang von einem Zeitalter der Sprache zu einem anderen ist keine Angelegenheit eines Aufstands, den man unterdrücken könnte, er ist Sache einer fortschreitenden Offenbarung, die sich an ihren Zeichen erkennen lässt, und gegen die man nicht ankämpft."
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interessant ist vielleicht auch noch mal Blanchot's unbedingter Begriff der Verantwortung (sprachen wir davon, dass bei Sartre die Singularität des Verantwortens schon fast anarchistisch ist?)

weil Blanchot eben am Ort des Singulären eine Verantwortung ins Spiel bringt, die unbedingt ist und von daher eine Souveränität des Einzelnen versucht geltend zu machen, die in Zeiten, wie Blanchot schreibt, in denen durch den Staat die demokratische Ordnung gefährdet ist, aufzurufen wäre
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dass ihre Sprache eine Macht der Entscheidung besitzt

Bescheidenheit des Ausdrucks dieser Macht der Weigerung
weder Zustimmung noch Gleichgültigkeit
angesichts des Versprechens einer neuen Unterdrückung
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Vielleicht ist dieses verknüpft sein, verbunden sein mit seiner Zeit das, was uns jetzt interessieren muss. Der Übergang von einem Zeitalter der Sprache in ein anderes, das wird gerade markiert vom Ausbleiben eines Effekts (des Garanten), als Hinweis darauf, dass sich diese Verbindung, dieses sich bemerkbar machen einen neuen Ort, eine neue Form sucht. Was wir hier zu denken versuchen, ist, inwiefern selbst die Ereignisse, die, wie man sagt, vor aller Augen stattfinden, noch wie unbemerkt unsere Zeit passieren.

(Eine Zeitlichkeit der Unterbrechung - in gewisser Weise die Möglichkeit der Intervention, die erstmal die Einfügung einer anderen Zeit ist: eine Zeit, die das, was geschieht, offenhält fürs Lesen.)
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Begriff des Garanten (Erklärung, Name und Schrift als Garant eines politischen Effekts) klären

vielleicht nicht nur die Ereignisse, die die Zeit passieren, sondern auch die Ereignisse, die stecken bleiben, weil sie uns festhalten in der Zeit (am Status quo), ohne dass wir sie benennen können


Die Zeit offenhalten für ungeahnte Möglichkeiten. Und von dort aus eine Öffnung für das Öffentliche vernehmbar oder verhandelbar machen. Welches Tätigsein (das weder einfach dem Bereich des Passiven noch des Aktiven angehörte) erfordert das?
 
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Öffentlichkeit*,
Gegenöffentlichkeit,
Öffnung,
Offenbarung

*Die Zeitschrift steht historisch eigentlich am Beginn des Begriffs von Öffenlichkeit. Das ist mit einer massgeblichen Reaktion der Romantik auf die Aufklärung verbunden. Und diese Intervention erfolgte zuerst über die Kanäle der Zeitschrift. Es bildeten sich Meinungen und Gegenpositionen in diesen öffentlichen Publikationsorganen. Dies geschah losgelöst vom Staat, der es aber zur Kenntnis nehmen musste. Die kritische öffentliche Meinung entwickelte sich selbst zu einer neuen Institution, die die Politik- und Machtinteressen der Regierung begrenzte (Gegenöffentlichkeit) und die Basis für demokratische Prozesse wurden. Denn die Prozesse der Demokratisierung und der Aufklärung liefen eigentlich erst hier zusammen, beeinflusst durch die französische Revolution und nach dem Vorbild der französischen Salons. Und auf dieser Linie wäre auch dieser Brief an Sartre zu erwähnen, der ein sogenannter offener Brief ist, der in der Zeitschrift Lignes erschien (auch wenn der Brief erst 30 Jahre später veröffentlicht wurde). Da entstehen durch das Schreiben, die Zeitschrift, die Adressierung und das Öffentliche schon viele wichtige Schnittpunkte, die uns für das Projekt bedeutsam erscheinen.
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Anmerkung: Verwendung der Begriffe "Offenhalten + Möglichkeit" befragen; sowohl in ihrer Zeitlichkeit, als auch Territorialität; populäre Termini haben die Tendenz eher etwas zuzustellen, als es verfügbar zu halten
"also, ich glaub, da ist wichtig, hier nicht zu enden, sondern noch mal genau zu fragen, was da eigentlich damit gemeint ist, wenn Schreiben überhaupt eine Öffnung schafft, wo worher keine Öffnung war, also gewissermassen etwas territorialisiert, etwas verspricht, etwas entwirft, das von Anfang an einer Teilung verschrieben ist. Die Handlung des Schreibens, die der Passivität, wie der Aktivität flieht - eine Fluchtbewegung als Angriff? Etwas das statt, dass es eher etwas verdeckt, das es zu denken gilt, als dass es schafft, eine Situation des Denkens herzustellen.

wenn wir stellenweise versuchen entlang der Historizität der Zeitschrift zu schreiben, dann sollten wir uns auch der Frage nach einer Form/Praxis von Geschichte (wie wird hier so etwas wie die Geschichte der Zeitschrift in Anspruch genommen und aktualisiert)
 
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Die Gegenöffentlichkeit legt die Ereignisse ja nicht einfach anders aus, sondern sie führt ein anderes zeitliches Verhältnis ein, eine neue bedinung des zeitlichen vielleicht überhaupt. zumindest fiel mir das in Bezug auf den Arabischen Frühling auf, der Mangel an Öffentlichkeit (also als Offenes im messianischen Gestus) in den westlichen Ländern - das wäre vielleicht ein Beispiel von etwas, das auf gespenstische Art wie unbemerkt die Register des Alltäglichen passiert und das ein Intervenieren als Einfügung einer anderen Zeit (Präsenz) erfordert hätte oder hat.
 
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In gewisser Weise wird der Übersetzer der wahre Schriftsteller der Zeitschrift sein. Das Problem der Übersetzung muss also in Verhältnis zur Zeitschrift gedacht werden, und dies von den ersten Ausgaben an. Dem Übersetzer droht die Gefahr, zu jemandem zu werden, der allzu leichtfertig vereinfacht. Die Sprachen sind niemals einander zeitgenössisch.
Die Übersetzung als eigenständige Form der literarischen Tätigkeit. Der Übersetzer ist der heimliche Meister der Differenz der Sprachen, nicht um diese Differenz aufzuheben, sondern um sie zu benutzen, um in der eigenen Sprache die Anwesenheit dessen zu erwecken, was es im ursprünglichen Werk an Differenzen gibt. Der Übersetzer, ein nostalgischer Mensch, der in seiner eigenen Sprache all das als Mangel verspürt, was das Geschriebene des ursprünglichen Textes ihm als mögliche Behauptung verspricht.
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Vorstellung eines gemeinsamen Schreibens, das in gewisser Weise untrennbar wäre von der Intervention ins Öffentliche, die Blanchot für notwendig erachtet (die Forderung nach einem anonymen Schreiben läuft parallel mit dem politischen Engagement im Öffentlichen) das ist eigentlich komplexer, weil zugleich so etwas wie ein Anonym der Schreibenden Einsatz findet, und eine Signatur, allerdings als Unterzeichnende, die eher so etwas wie Bekräftigung des Geschriebenen ist, ohne den Ort der Autorschaft einzunehmen, sie fügen sich eher dem Gesagten hinzu wie dessen erste Leserdas Unterzeichnen, das in die Spur des Lesens versetzt.
Ein Versuch die Frage der Teil-Habe und das Öffnen vielleicht nochmals anders zu denken:
Eine erhöhte Spannung, ein nervöses Lesen, das Editieren, als ein wiederholtes Schreiben, das muss man vielleicht auch so verstehen, dass es nicht um einen redaktionelle Vorgang sich handelt, sondern um ein wiederholtes Schreiben, dass sich immer weiter dem öffnet, von dem es zu sprechen sich vorgegeben hat.
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letztlich in Bezug auf die Zeitschrift den Rhythmus wechseln, dass sich das Projekt nicht von einem Redaktionsprozess her entwirft, sondern von einem gemeinsamen Schreiben; wie sich von den zusammengeschobenen Fragmenten eigentlich potenzielle Essays aus ergeben, denen man nachkommen könnte, beispielsweise ein Schreiben zur Historizität der Zeitschrift; vielleicht geht es nicht mehr darum, eine Zeitschrift vom Thematischen her zu denken, sondern eher zu schauen, wie sich aus einem gemeinsamen Schreiben Fragen und Bewegungen lösen, denen man Raum und Zeit geben muss im Schreiben

Benjamin und Blanchot sagen, dass das Werk quasi immer schon Übersetzung ist, dass es ohne Übersetzung gar nicht ist. Das Werk ist nicht mit sich selbst identisch, sondern es ist in Bewegung von irgendwo zu irgendwo. Der Übersetzer von einer Sprache in eine andere Sprache vollzieht eben diese Aufmekrsamkeit am Werk, die Blanchot beim späten Hölderlin bewundert und auch in seinem Text "Projekt" nochmals unterstreicht, bei der frage der Übersetzung.
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So sind sich die Intellektuellen der neuen Macht bewusst geworden, die sie darstellen, sowie, wenngleich auf unklare Weise, der Originalität dieser Macht (Macht ohne Macht).
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Derrida meint, die Signatur ist auch ein Kredit. Sich in eine Schuld zu versetzen. das heißt, sich etwas zu verschreiben, für das man eine Verantwortung übernimmt, und da die Schrift überlebt auch über das Leben hinaus. Das ist auch das, was man als "Wahrheitsprozess" bezeichnen könnte, also sich diesem "Wahrheitsprozess" zu verschreiben und für das Kommende Verantwortung zu übernehmen, für kommende Leser und Schreiber. Das heißt schließlich, sich dieser Bewegung zu verschreiben.
Auf der anderen Seite findet so etwas wie eine Anonymisierung statt, von der Blanchot spricht. Nämlich druch die Doppelung der Signatur. das heißt auch: Verwechsle mein Schreiben nicht mit meinem Leben. Von daher kann man Anonym und Signatur beginnen nicht als gegenteilig zu denken, sondern als denselben Prozess einer Auslöschung des partikulären Ichs.
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SIGNATUR - ANONYM

Das führt konkret auf die Frage, welche Formen der Signatur und Anonymität (wobei das vielleicht wie D. an anderer Stelle schreibt, Polaritäten sind, also es eher darum ginge, einzuschätzen, ich welches Verhältnis man diese Polaritäten zueinandersetzt) das Projekt einer Zeitschrift vorschlagen wird.
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Jeder wird verantwortlich für Behauptungen, deren Autor er nicht ist, für eine Suche, die nicht einzig die seine ist, er vertritt ein Wissen, das er ursprünglich nicht durch sich selbst besitzt. Das ist der Sinn der Zeitschrift als kollektive Möglichkeit. Sie nimmt eine Stellung zwischen Leser und Autor ein. Von hier aus ergibt sich die Notwendigkeit einer großen gemeinsamen Arbeit und, da Einstimmigkeit weder möglich noch wünschenswert ist, die Notwendigkeit, Diskussion und Dialog in der Zeitschrift selbst fortzusetzen.
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Dieses Verhältnis von Signatur und Anonymität zeigt sich unmittelbar in der Geste des Unterzeichnens, etwas verschoben vielleicht, und es ist auch das Echo auf das Verhältnis von Schreibenden und Lesenden (als ob die Unterzeichnenden schon die Lesenden wären und nicht mehr einfach den Schreibenden angehören, also sich im Unterzeichnen schon diese andere Öffentlichkeit herstellt). und dieses Herstellen von Öffentlichkeit hat sich im Laufe der Geschichte verändert, es hat seine Zeitlichkeit eingebüßt (und darin liegt für mich in gewisser Weise die Möglichkeit der Intervention, die erstmal die Einfügung einer anderen Zeit ist; eine Zeit, die das, was geschieht, offen hält fürs Lesen sozusagen).
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Das anonyme Schreiben macht auch die Vertauschung von Leser und Schreiber möglich, scheint Foucualt vorzuschlagen: "Da Du nicht weisst, wer ich bin, bist Du auch nicht der Versuchung ausgesetzt, nach den Gründen zu suchen, warum ich sage, was Du liest." Das kann auch heissen, das der Schreiber nicht dirket adressierbar ist, sondern das Geschriebene driekt auf den Leser zurückspiegelt, weil dieser das Geschrieben erst annehmen muss und ehe er es versteht, ist es schon sein eigenes.







Auch hier noch mal der Anschluss an eine konkrete geschichtliche Arbeit, deren Form und Zweck befragen (ich denke da immer an N., dessen Geschichtsverständnis die konkrete Akkumulation der Arbeiterkämpfe als deren historische Tilgung begreift).
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Wie auch bei den meisten derjenigen, die aufgrund der schwierigen Mischung aus Gut und Böse, stumm bleiben, stellt sich das Gefühl ein, dass etwas ganz anderes stattgefunden hat, eine schwerwiegende Veränderung, die sich deshalb zum Teil der politischen Urteilskraft entzieht, weil es in ihr um Entscheidungen geht, mit denen ein grundlegendes Einvernehmen oder ein grundlegendes Zerwürfnis in Frage steht.














Hauptzug liegt in der Verwandlung der politischen Macht (sonderbare Passivität)
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Die Engführung von einer Befragung des Schreibens (am Platz des Autors) und einer Öffnung/eines Offenhalten des Ereignisses (für dessen Appropriation, d.h. Exappropriation in diesem Fall*, dem Fall der annektierten Staatsmacht, von dem Blanchot Ende der 50er schreibt, durch den fast unbemerkten Coup, oder eher, den befremdlich sanktionierten Coup d'Etat)**, die interessiert uns, eben auch als konkrete Frage, wo/wie sich dieses Projekt einer Zeitschrift entwirft und praktiziert im Entwurf - dass das nicht voneinaner zu lösen ist - auf ein Ereingnis hin, das bereits stattgefunden hat.


*und diese anonyme Gemeinschaft von Namen (instinktiv) attackiert die Autorität (!) der Justiz, das deutet auch auf die Differenz von Recht und Gerechtigkeit, im Begriff der Autorität (und worauf bezieht sich die Autorität, wenn nicht auf eine gewisse Logik des Namens, des Eigennamens)

**Unterstreichen müsste man: ihre ungeschickte Gewalt - das gilt im besonderen Maße zum Beispiel für die aktuelle Regierung in Berlin, die ist ja auch von einer ungeschickten Gewalt gekennzeichnet, also einem ungeschickten Handeln, das zunehmend sich in der Geste des Souveräns zu behaupten sucht.
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affektive Anwesenheit der Effekte gegenwärtiger sozialer und politischer Ereignisse aufgreifen, also die eigene Realität am Ort des Singulären gewissermaßen als Indikator des Schreibens mit aufnehmen? Welche Ereignisse kristalisieren sich darin und lassen sich darin lesen?