Shedhalle als Archiv



Zürich, 2. August 2010


Liebe Freundinnen und Freunde der Shedhalle,

das kuratorische Gastprojekt 2010 der Faculty of Invisibility an der Shedhalle befasst sich mit Formen politischer Versammlung und Momenten von Einschreibung und Etablierung sozialer Begehren. Unter anderem möchten wir als Faculty of Invisibility fragen, welchen möglichen Raum der Versammlung die zeitgenössische Kunstinstitution heute bietet. Wie artikulieren sich soziale Begehren, Wünsche und Entwürfe in ihr und inwieweit markiert die Eintragung im Raum der Institution eine Schwelle in Prozessen der Durchsetzung und Herstellung von Sicht- und Lesbarkeit?

In der Shedhalle in Erscheinung zu treten, ermöglicht uns, auch am Beispiel der Shedhalle selbst diese Fragen aufzuwerfen. Unser besonderes Interesse hat ein Fragebogen geweckt, den wir in den Archiven der Shedhalle gefunden haben. 1991 stellte darin der damalige Vorstand das Konzept der Shedhalle 1992 vor und öffnete es für Kritik und Anregungen. Mit diesem 1994 implementierten Modell erfuhr die Shedhalle eine konzeptionelle und kuratorische Neuausrichtung, die bis heute die Rahmenbedingungen der Shedhalle prägt. Es führte thematische Schwerpunkte ein, etablierte die Arbeitsweise in kuratorischen Teams und festigte die Verknüpfung zwischen Kunst und sozialen Anliegen.

Während im Fragebogen 1991 die kuratorische Neuausrichtung, Budgetierung und die Organisationsstrukturen der Shedhalle zur Disposition standen, interessiert uns heute das Verhältnis der Institution zu ihrer eigenen Historizität, ihren Gedanken- und Handlungsspielräumen und zugleich ihrem Bezug zur eigenen Zukunft. Die institutionelle Entwicklung der Shedhalle eignet sich, um jenen Fragen exemplarisch zu begegnen.

Die hier folgenden Gedanken und Fragen möchten wir als Ausgangspunkt nehmen, um am 7.8.2010 ab 16 Uhr in der Shedhalle ein gemeinsames Gespräch zu führen. Sollten Sie diese Fragen interessieren, würden wir uns sehr über ihr Kommen freuen. Sie können zudem, falls und sobald Sie möchten, gerne schriftlich reagieren, sowie per E-Mail.

Mit freundlichen Grüßen,
Sönke Hallmann, Inga Zimprich

Faculty of Invisibility
Gastkuratorisches Projekt der Shedhalle 2010

Verein Shedhalle
Rote Fabrik, Seestrasse 395
Postfach 771, CH-8038 Zürich
Tel ++41/44/4815950
Fax ++41/44/4815951
www.shedhalle.ch




Die Shedhalle ist im Laufe ihrer Geschichte maßgeblich durch die Bearbeitung der verschiedenen kuratorischen Teams geprägt worden, die nicht nur in die thematische Ausrichtung, sondern auch in Arbeitsmodelle und Organisationsstrukturen hineinwirkten. Zum einen liess die Rotation der KuratorInnen und auch die beschränkte Dauer der Kuratorenteams einen beständigen Wechsel in der programmatischen Ausrichtung der Shedhalle zu. Zum anderen griffen zahlreiche Arbeitsmodelle und Projekte die eigene Institutionalität kritisch auf und eröffneten diese für Befragungen. Trotzdem oder auch gerade deswegen hat sich für die Shedhalle das Profil eines alternativen, emanzipatorischen Ausstellungsortes ergeben.

Scheint es Ihnen heute nötig, Errungenschaften, wie sie in der Shedhalle (durch die Auswahl von Themen ebenso wie die Etablierung von Arbeitsmodellen und Formaten) möglich wurden, zu festigen und gegebenenfalls zu professionalisieren? Erleben Sie zum Beispiel die Vermittlung kritischer kuratorischer Praxen in diversen Postgraduiertenprogrammen oder der hohe Anteil an diskursiven Formaten in Kunstinstitution als Durchsetzung der in Räumen wie der Shedhalle erprobten Modelle? Oder erleben sie diese Etablierung als Aufforderung, diese Modelle auch in anderer Richtung weiterzuentwickeln? Im Hinblick auf die Aktualität von Institutionen wie der Shedhalle, die ihren Auftrag auch im Bereich des experimentellen Erprobens neuer Ansätze sehen, halten Sie einige der aus der Vergangenheit der Shedhalle resultierenden Festschreibungen für vernachlässigbar, welche für unerlässlich?

Orte wie die Shedhalle sind vor allem im Laufe der 1990er-Jahre durch ihre kritischen, emanzipatorischen und politischen künstlerischen Praxen bekannt geworden. Zu welcher möglichen Neulesung laden die institutionellen und kuratorischen Entwürfe der 1990er-Jahre heute ein? Welche experimentelle, politische und kritische Arbeit kann ein Ort wie die Shedhalle heute leisten, auch indem er Raum für Unvorhergesehenes bietet, und neue Formen seiner Ingebrauchnahme zulässt? Liegt in Prozessen der eigenen Deinstitutionalisierung die Möglichkeit, die in unter anderem der Shedhalle entstandenen Entwürfe zu aktualisieren?

Gegenwärtig wird die Tendenz zu projektorientierter Arbeit (Imperativ ist, fragmentiert zu arbeiten) dadurch verstärkt, dass projektgebunden Gelder bei verschiedenen Instanzen geworben werden können. Wie ist eine langfristige Befragung der eigenen institutionellen Ausrichtung denkbar und möglich, die sowohl Fragen der Vergangenheit als auch der Zukunft aufgreift? Wie lassen sich beständiger zeitlicher und finanzieller Produktionsdruck und langfristige institutionelle Suchbewegungen vereinbaren?

Oft wurde die geringe lokale Aufmerksamkeit gegenüber Aktivitäten der Shedhalle beklagt und ihr die internationale Reputation der Shedhalle gegenübergestellt. Können Sie sich eine Funktion vorstellen, die die Shedhalle in Bezug auf andere internationale Institutionen und gegenwärtige Fragestellungen der zeitgenössischen Kunst ausüben könnte, um, wie in ihrer Vergangenheit, wichtige Beiträge zu aktuellen Fragestellungen zu leisten?