Tiananmen


Giorgio Agamben: Tiananmen, in: Die kommende Gemeinschaft. Merve, Berlin 2003
Aus dem Italienischen von Andreas Hiepko.



19.

Tiananmen


Wie muss man sich die Politik der beliebigen Singularität vorstellen, d. h. die Politik eines Seins, dessen Gemeinschaft weder durch Bedingungen der Zugehörigkeit (Roter, Italiener, Kommunist sein), noch durch die bloße Abwesenheit von Bedingungen (wie im Fall der in Frankreich unlängst von Blanchot ins spiel gebrachten negativen Gemeinschaft) vermittelt wird, sondern durch die Zugehörigkeit selber. Eine Meldung aus Peking liefert erste Hinweise darauf, wie diese Frage beantwortet werden kann.

Der bleibenste Eindruck, den die Demonstrationen des Chinesischen Mai hinterließen, war in der Tat der relative Mangel an dezidierten inhaltlichen Forderungen (Demokratie und Freiheit sind Begriffe, die zu vage und unbestimmt sind, um einen wirklichen Streitgegenstand abgeben zu können, und die einzige konkrete Forderung, die Rehabilitation Hu Yao-Bangs, wurde umgehend erfüllt). Um so unerklärlicher erscheint die Unerbitterlichkeit, mit der der Staat reagiert hat. Gleichwohl drängt sich der Eindruck auf, dass diese Reaktion nur scheinbar unangemessen war und dass die Maßnahmen der chinesischen Führung mehr Scharfblick verraten, als man den westlichen Beobachtern zugestehen möchte, die ausschließlich damit beschäftigt waren, immer neue Argumente für den kaum noch glaubhaften Widerspruch von Demokratie und Kommunismus zu liefern.
Denn die kommende Politik ist nicht mehr der Kampf um die Eroberung oder Kontrolle des Staates, sondern der Kampf zwischen dem Staat und dem Nicht-Staat (der Menschheit); sie ist die unüberwindbare Teilung in beliebige Singularitäten und staatliche Organisation. Mit der bloßen Einforderung des Sozialen gegenüber dem Staat, wie sie in den zurückliegenden Jahren von den Protestbewegungen immer wieder vorgetragen wurde, hat sich nichts zu tun. Beliebige Singularitäten können keine societas bilden, weil sie keine Identität haben, der sie Ausdruck verleihen könnten, und über kein soziales Band verfügen, dessen Anerkennung erstritten werden müsste. Letztlich ist der Staat bereit, jedwede Forderung nach Identität anzuerkennen - sogar (die Geschichte der Verbindungen zwischen Staat und Terrorismus unserer Zeit legt dafür beredt Zeugnis ab) die einer staatlichen Identität in seinem Innern; doch dass Singularitäten eine Gemeinschaft bilden, ohne eine Identität einzufordern, dass Menschen mit-angehören ohne eine darstallbare Bedingung der Zugehörigkeit (und sei es in Gestalt der einfachsten Voraussetzung) - das ist es, was der Staat keinesfalls dulden kann. Denn, wie Badiou gezeigt hat, gründet sich der Staat nicht auf das soziale Band, dessen Ausdruck er wäre, sondern auf dessen Auflösung, die er verbietet. Deshalb ist nicht die Singularität als solche relevant, sondern nur ihre Einbeziehung in eine beliebige Identität (dass aber das Beliebige selber, ohne auf eine Identität festgelegt zu werden, ergriffen wird - das ist eine Bedrohung, mit der der Staat nicht zu leben vermag).

Ein Sein, das jeder repräsentierbaren Identität entbehrte, wäre für den Staat absolut bedeutungslos. Das ist es, was in unserer Kultur das heuchlerische Dogma von der Heiligkeit des nackten Lebens und die leeren Erklärungen zu den Menschenrechten verdecken soll. Heilig kann hier nur die Bedeutung haben, die das Wort im römischen Recht hatte: heilig (sacer) ist derjenige, der aus der Welt der Menschen ausgeschlossen ist und den man, obgleich er nicht geopfert werden darf, töten kann, ohne einen Mord zu begehen (neque fas est eum immolari, sed qui occidit parricidiio non damnatur). (In dieser Hinsicht ist es bezeichnend, dass die Vernichtung der Juden weder von den Schlächtern noch ihren Richtern als Mord bewertet wurde, sondern, von letzteren, als Verbrechen gegen die Menschheit, und dass die Siegermächte diese Identitätslosigkeit durch das Zugeständnis einer staatlichen Identität zu kompensieren versuchten, was seinerseit neue Massaker zur Folge hatte).

Die beliebige Singularität, die sich die Zugehörigkeit als solche, das In-der-Sprache-Sein selber aneignen will und im Gegenzug auf jede Identität, jede Bedingung von Zugehörigkeit verzichtet, ist der gefährlichste Fein des Staates. Wo auch immer diese Singularitäten ihr gemeinsames Sein friedlich kundtun, wird ein Tiananmen sein und das Anrücken der Panzer nur eine Frage der Zeit.