Wissensform

eine unregelmäßige Serie

Interview mit DR
DoR meeting with S, N

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Der Körper ist Behälter von nichts, weder eines Geistes, den nichts umfassen könnte, weil er ohne Ort, ohne Ausdehnung und ohne Festigkeit ist, noch einer dem Körper eigenen Innerlichkeit, weil er selbst nichts anderes ist als die vielfach gefaltete Oberfläche der Ex-position oder der Ek-sistenz, die er ist. Die Seele als Form meint genau dies: die gesamte Oberfläche exponiert, ohne Vorder- und Rückseite, ohne doppelte Gestalt, ohne Innenfutter, aber von allen Seiten exponiert wie jene topologischen Einheiten, die die Gegenüberstellung von verkehrtherum und richtigherum nicht erlauben.
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Bis in die Tiefe seiner Eingeweide, zwischen seinen Fasern und Muskeln und entlang seiner Bewässerungskanäle, exponiert sich der Körper, er exponiert dem Außen sein Innen, das unaufhörlich immer weiter, immer tiefer an den Boden des Abgrunds, der es ist, flieht.
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Etwas hat schon gebebt, allein durch das Eingefaltetsein dieses Körpers. Denn was da zusammengefaltet daliegt, ist keine Organisation, ist keine Artikulation von Gliedern oder Anwendungen: Was zusammengefaltet ist, sind zarte Äderchen, ist ein feines Netz aus Fäden und Flüssen. Es ist ein gefaltetes Gewebe, durchlaufen von Pulsschlägen und Zuckungen seines eigenen Gefaltetseins, vereinnahmt vom Drücken seines eigenen Gewichts, das es auf sich selbst ausübt, oder vielmehr, das es am Platz ausübt, da es selbst nichts anderes ist als der Platz: letztendlich nichts anderes als der Platz, der sich von sich selbst unterscheidet, der sich in sich selbst trennt und verlagert, der entfaltete vervielfältigte Körper.
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Eine Einwickelbewegung um die Seele herum, ein invaginiertes Gefäß, und drumherum eine Ent-schließung von Eingängen und Ausgängen, von Hörorganen, Pupillen, Nasenlöchern, von taktilen und magnetischen Fühlern, der weiteren Sehnen, Strecker und Beuger, Klangkörper, Tänzer.
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Die Augen zu, die Ohren verstopft, die Nase zugeklemmt bis auf den nötigen und geruchlosen Luftstrom, den Mund geschlossen und den ganzen Körper in sich zusammengezogen, am Boden kauernd, eingerollt, die Arme um die Schultern geschlagen und ohne anderen Kontakt als zu dem schmalen Stück Boden, das ihn trägt, so wiegt der gesammelte Körper und drückt sich ein, fast eins mit der Schwere, die er dennoch lediglich berührt: schon getrennt davon, ein Körper zu sein, weder Menge noch Masse.
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Immer noch kein Sinn, kein Empfingen, aber unmerklich löst sich ein Körper aus sich selbst heraus. Er entschlüpft seiner eigenen Gegenwart, er zergliedert sich, er desartikuliert sich. Ein anderer artikuliert ihn ganz anders, lässt ihn eine neue Sprache sprechen, eine Sprache, die so verändert ist, dass sie hinter jede Sprache zuürckfällt. Er weiß nicht, wie ihm geschieht: Es kommt aus seinem Innern zu ihm, als wäre es das Entfernteste allen Außens.
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Berühren: Das heißt, Anziehung und Abstoßung, Integrität und Einbruch, Unterscheidung und Übertragung zusammenspielen lassen. Das Ensemble als solches spielen, die Einheit und ihre Lösung, ihre Entzweiung einander streifen lassen.
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Kontakt, der auch Kontakt desselben Körpers mit sich selbst ist: Denn genaugenommen ist er dann nicht mehr, noch hat er mehr ein "Selbst", vielmehr exponiert er sich ganz und gar. Er exponiert sich zuallererst, indem er sich ins Außerhalb des Ausgerichtetseins auf Bedürfnisse, Funktionen, Dienste und Ämter bringt.