Einladung zu Exemplary Readings


15. Juli 2009


















12:25:59
Geste ohne Werk - du meinst damit das, was ungewollt erscheint, auch ganz konkret hier auf dem Wiki?

12:26:43
Ja, etwas, das wir dann wieder zurechtrücken und das sich dann aber auch im nächsten Moment schon wieder verschiebt.

12:27:47
Und manches unwillkürliche Verschieben ist einfach auch Möglichkeit einer weiteren, anderen Praxis. Das begreift man manchmal erst viel später.

12:28:59
Gerade in diesem Sinne kann das dann auch ruhig chaotisch werden im Moment des gemeinsamen Lesens am Wiki: Gehilfen und Aufräumer.




12:35:56
Denn irgendwie ist das ja auch eine Art Autorschaft, die da aufkommt – eine Geste ohne Werk, der beständige Akt des Zurechtrückens.

12:37:16
Du hast Recht, das ist als Tätigkeit der Gehilfen zu denken und somit Teil der Praxis und nicht einfach vorläufig, weil es eben besser noch nicht geht.



12:40:06
In der linken Spalte zeigt sich ein Denken über unsere Praxis selbst, letztlich bezieht sich das aber direkt auf den Text und wirkt auch auf ihn ein. Die Frage der Figuren etwa, des Rückens etc.

12:41:33
Es ist ein Schreiben, das zugleich wie ein Sprechen aparte ist - wie wenn der Schauspieler sich an das Publikum wendet, so als wäre der schauspielende Rest gar nicht anwesend.




12:47:26
Den Gestus des Sprechens/Schreibens da als ein zum Zuschauer gewendeten zu denken, das stimmt.


12:50:53
Zum Beispiel als ein Element, das rausragt aus dem Text.

12:51:24
Im Zuwenden (off szene) tritt ja auch etwas hervor und löst sich vom Text - das hätte für mich schon die Qualität von Figur, die auch einen eigenständigen Gestus hat. Während das close reading klarer dem innerhalb des gegebenen Textes nachgeht, selbst da, wo es verweist und Referenzen reinholt.



12:54:24
Sodass sich das Lesen auch als Skizze erweist.
Mit der Reihe Exemplary Readings wendet sich das Department of Reading den Schriften Giorgio Agambens und darin jenem Ort zu, den Sprache in dessen ethischem Denken einnimmt und eröffnet. Die Reihe folgt Agambens Topos des leeren Ortes sowie dessen Nähe zu jenen sprachlichen Experimenten der Literatur, auf die Agamben in seinen Schriften immer wieder weist. Die einzelnen Sessions adressieren deren politisches Potenzial und gehen eben jener Ethik nach, die ausgehend von einer der Sprache innewohnenden zentralen Leere eröffnet wird.

Exemplarisch ist diese Reihe einer anderen Definition Agambens folgend: Indem das Beispiel seine Zugehörigkeit zu einer Klasse ausstellt, ist es zugleich immer schon von dieser Klasse ausgenommen. So zeigt sich das Beispiel selbst als ein angrenzender Raum, der leer zu bleiben scheint. Agambens Schriften im Exemplarischen zusammenzuziehen, ist eines der Anliegen dieser Reihe.























Worum es beim Schreiben geht, so meint er, ist nicht, dass ein Subjekt sich selbst zum Ausdruck bringt, sondern vielmehr, dass ein Raum geöffnet wird, indem das schreibende Subjekt unablässig verschwindet: "Das Merkmal des Schriftstellers besteht nur in der Eigentümlichkeit seiner Abwesenheit." (…) Der Autorname bezieht sich nicht einfach auf den Personenstand, er geht nicht wie der Eigenname vom Inneren eines Diskurses zum wirklichen äußeren Individuum, das ihn hervorgebracht hat; sein Platz ist eigentlich "an der Grenze der Texte entlang", deren Statut und Zirkulationssystem innerhalb einer bestimmten Gesellschaft er definiert. (…) Im Gegenteil, die Geste, mit der sie festgehalten wurden, scheint sie für immer jeder möglichen Vorstellung zu entziehen, als würden sie in der Sprache nur unter der Bedingung erscheinen, in ihr vollkommen unausgedrückt zu bleiben. (…) Wenn wir das, was bei jedem Akt des Ausdrucks unausgedrückt bleibt, Geste nennen, dann können wir sagen, dass, genau wie der Infame, der Autor im Text nur in einer Geste gegenwärtig ist, die den Ausdruck in dem Maß möglich
In Der Autor als Geste kommt Agamben auf diesen angrenzenden Ort zu sprechen, auf ein Offenes, das sich entlang der Texte in der unermüdlich wiederholten Geste des Rückzugs (s)eines Autors zeigt. Figuren treten auf, die gleich Scharnieren das Wenden der Texte selbst in andere Räume und den Durchgang zu anderen Texten zu weisen scheinen. Ähnlich einem Gehilfen schlagen sie einen Ort des Lesens vor, in den durch das Auseinanderstieben der Fragmente unbeabsichtigt ein neuer Text fallen kann. Diese hindurchführenden Figuren aufzusammeln und mit ihnen im Text sich aufzuhalten, schlägt Exemplary Readings in dieser Session vor.

































macht, wie sie in seiner Mitte eine Leere erstellt. (…) Es wird nur aufs Spiel gesetzt, nicht besessen, nie dargestellt, nie gesagt – deshalb ist es der mögliche, aber leere Ort einer Ethik, einer Form des Lebens. (…) Ethisch ist nicht das Leben, das sich einfach dem moralischen Gesetz unterwirft, sondern das, das bereit ist, sich in seinen Gesten unwiderruflich und rückhaltslos aufs Spiel zu setzen. (…) Wie der Mime in seinem stummen Spiel, wie Harlekin mit seinem






lazzo




schließt er sich unermüdlich immer wieder in das Offene ein, das er selbst geschaffen hat.

Exzerpte aus Giorgio Agambens Essay Der Autor als Geste












Exemplary Readings findet am 15. Juli in der GfKFB, am Flutgraben (Berlin) statt. Die Session ist in zwei Abschnitte unterteilt, beginnt um 15 Uhr und dann nochmals um 18 Uhr.
Gelesen wird Giorgio Agambens Essay Der Autor als Geste






































Eine Ethik also, die nicht auf dem sich selbst zum Ausdruck bringenden Subjekt, sondern auf dem Öffnen eines Raums gründet, eines gemeinsamen Raums, der gekennzeichnet ist, sich herstellt über das schreibende Subjekt, dessen unablässiges Verschwinden.


Ich denke, in diesem Text sind fünf Elemente miteinander verwoben. Die Exzerpte hier versammeln drei. Die infamen Menschen, die Agamben bei Foucualt aufgreift (aber vielleicht nur, um sie woanders hinzunehmen), dann die Einführung der fiebrigen Szene von Dostojevskis Der Idiot, eine Art theatraler Szene, und schließlich das lazzo-Emblem, vielleicht ist das ein Emblem oder ein Bild, in dem einige Figuren sich berühren: der Harlekin, der Gag, der Trick.










Der Infame – der gesprochen wird, scheint darin enthalten. Denn mit Infamie ist die Sache der Sprache an die des Rechts gebunden. Aufgerufen ist so auch die Figur der einschließenden Ausschließung.